100. Geburtstag des Stifters Giorgio Silzer Der Jugendstil-Schatz im Leipziger Grassi-Museum

Das Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zählt mehr als 3.000 Objekte des Jugendstils und Art déco. Das war nicht immer so. Zu verdanken hat das Museum seine reiche Sammlung Giorgio Silzer. Der Geigenvirtuose und Konzertmeister war auch leidenschaftlicher Großsammler. Eine kleine Schau im Foyer gibt Einblicke in die Sammlung Silzers.

Vitrine mit Ausstellungsstücken.
Vitrine mit Ausstellungsstücken Bildrechte: GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig

Mit seinem Dachreiter im Art-déco-Stil, der gestaffelten gezackten, sogenannten goldenen Ananas und der Art-déco-Pfeilerhalle begeistert das Grassi-Museum heute die Besucher. Ein Bau, an dem es viele weitere Art-déco-Details zu bewundern gibt. Anfang der 90er-Jahre war das Gebäude heruntergekommen. Wie Museums-Direktor Olaf Thormann erzählt, kämpfte man um eine grundlegende Sanierung als auch um eine neue Dauerausstellung. Jugendstil und Art-déco-Objekte befanden sich in überschaubarer Zahl in der Sammlung.

Schale
Schale, Gabriel Argy-Rousseau, Paris, 1920er-Jahre, Pâte de verre, formgeschmolzen, Pulvereinschmelzungen, GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, Erworben aus der Slg. Giorgio Silzer, 2002 Bildrechte: Hans-Christian Schink, PUNCTUM (Leipzig)

Giorgio Silzer der Großsammler

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Rund 3.000 Objekte des Art déco und Jugendstil gelangten von 1996 bis 2019 ins Museum – dank des großzügigen Stifters Giorgio Silzer, seines Zeichens Geigenvirtuose und ab 1953 über 20 Jahre lang Konzertmeister an der Deutschen Oper in West-Berlin. 1920 wurde Silzer in Oberschlesien als Kind galizischer Juden geboren. In der NS-Zeit emigrierte seine Familie in die Schweiz. Nach seinem vorzeitigen Ruhestand mit 60 Jahren entwickelte Silzer eine allumfassende Sammlertätigkeit auf dem Gebiet des Jugendstil und Art déco.

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Olaf Thormann sagte MDR KULTUR: "Ich weiß noch genau, wie er in den frühen 90er-Jahren nach Leipzig kam. Es war so faszinierend: Der Mann hatte alles – ob im Glas, im Metall, Besteck Textilien, Grafik. Er hatte eigentlich auch für alles eine Spezialsammlung. Er hatte eine Bestecksammlung. Er hatte die Glassammlung eins, die Glassammlung zwei, die Glassammlung drei."

Kästchen
Kästchen, Württembergische Metallwarenfabrik AG (WMF), Geislingen an der Steige, um 1900, Zinn, gegossen, versilbert; innen Textil, GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, Schenkung aus der Slg. Giorgio Silzer, 2002 Bildrechte: Hans-Christian Schink, PUNCTUM (Leipzig)

Kleiner Einblick im Museums-Foyer

Im Foyer des Grassimuseums stehen nun zwei Glasvitrinen, die einen kleinen Einblick in die Sammlung Silzers geben. Schmuck, seltene Vasen, letztere etwa in Jugendstil typischen Glasurtechniken ausgeführt mit Blattwerk und Blüten im Dekor. Die geometrischen Formen einer Art-déco-Vase nehmen gar die Form einer Plastik an, zudem Besteck. Silzer leistete Bedeutendes für die Besteck-Forschung,

Vase "Bambus" vor weißem Hintergrund.
Vase "Bambus", Edmond Lachenal, Châtillon-sous-Bagneux (Frankreich), 1898, Fayence, GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, Ersteigert auf der Sonderauktion Slg. Giorgio Silzer, 2004 Bildrechte: Christoph Sandig

Giorgio Silzer sammelte bereits in den frühen 80er-Jahren, als das Bewusstsein für Jugendstil und Art déco noch nicht ausgeprägt war. Als er Anfang der 90er-Jahre Kontakte nach Leipzig aufnahm, wusste er, dass viele seiner Ankäufe aus dem Kunsthandel Alexander Schalck-Golodkowskis aus der DDR stammten. Silzer hatte beschlossen, seine Sammlung sollte in ein ostdeutsches Museum wandern. Doch umsonst konnte er seinen Schatz nicht hergeben. Und so handelte er 2002 mit dem damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee einen ungewöhnlichen Deal aus.

"Es war dann ein kleines Wunder", erinnert sich Museumsdirektor Thormann. "Die beiden haben sich gut verstanden, vielleicht auch, weil Herr Tiefensee musikalische auch gewisse Ambitionen hat. Jedenfalls kam Giorgio Silzer freudestrahlend zurück und hat gesagt: "Ich schenke zwei Drittel, die Stadt kauft ein Drittel. Aber ihr habt das jetzt."

Viele Schauen haben von Silzer-Sammlung profitiert

Vase
Vase, Modell "Amélie", Entwurf: Andrée Fauré, Limoges, um 1927, Ausführung: Atelier d‘Art Fauré, Limoges, Kupfer, getrieben; reliefmodelliertes, transluzides Email über Silberfolie; versilberte Messingmontierung, GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, Schenkung aus der Slg. Giorgio Silzer, 2002 Bildrechte: Esther Hoyer

So kommt es, dass das Grassi-Museum für Angewandte Kunst für die Summe von einer Million Euro heute über einen reichen Bestand an Jugendstil- und Art-déco-Möbeln, -Geschirr, -Vasen, -Besteck, -Fliesen oder aber -Schmuck verfügen kann. Viele Sonderschauen haben bereits davon profitiert.

Die Rate für die Million stieg jedoch seit 2002 dynamisch an. 2019 betrug sie 70.000 Euro. Erst Ende des letzten Jahres war die Summe abbezahlt. Geld, das rund 18 Jahre für andere Einkäufe nicht zur Verfügung stand. Nun ist der Etat wegen Corona für die nächsten zwei Jahre eingefroren worden. "Natürlich müssen wir wiederum gucken, wie wir das kompensieren können," sagt Thormann. "Viele unserer Projekte sind eigentlich ohne die Sparringspartner aus dem Sammlerwesen gar nicht denkbar."

Mehr zur Ausstellung: Die Ausstellung "Jugenstil und Art déco der Sammlung Silzer" anlässlich des 100. Geburtstages des Stifters Giorgio Silzer ist bis zum 4. Oktober 2020 zu sehen.

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen 10 bis18 Uhr

Weitere sehenswerte Ausstellungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Juni 2020 | 13:10 Uhr