Industriekultur Kulturwandel statt Kulturbruch: Braunkohleregionen in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalts Braunkohleregionen war der Strukturwandel lange Alltag. Doch was bleibt, wenn die Kohlebänder stillstehen? Auch mit Hilfe von Kultur soll die Region lebendig gehalten werden - unter anderem mit einem Bergbaumuseum für Mitteldeutschland.

Profen
Braunkohletagebau in Profen bei Zeitz in Sachsen-Anhalt Bildrechte: MDR

Steht man im Tagebau Profen und sieht, wie sich die Baggerschaufeln durchs Flöz fräsen, dann denkt man eher nicht an Kultur. Und dennoch ist die deutsche Frühromantik eng mit dem mitteldeutschen Bergbau verbunden. Das belegt ein Gedenkstein für den Dichter Novalis, der an der Profener Grubenkante aufgestellt ist. Novalis, der folgenreich die blaue Blume der Romantik besang und bis heute als Leitbild eines Romantikers gilt, war nämlich in seinem bürgerlichen Leben der Bergbauingenieur Friedrich von Hardenberg.

Gedenkstein für den Dichter Novalis an der Grube des Profener Braunkohletagebaus
Gedenkstein für den Dichter Novalis an der Grube des Profener Braunkohletagebaus Bildrechte: MDR

Novalis war also in der Region nicht nur auf der Suche nach blauen Blumen, sondern auch nach Bodenschätzen. Das bestätigt Andreas Ohse, selbst studierter Geologe: "Novalis oder Friedrich von Hardenberg steht am Anfang des Industrialisierungsprozesses. Aber er hatte einen wichtigen Lehrer, nämlich Gottlob Abraham Werner in der Freiberger Bergakademie. Und er war es eigentlich, der seine Studenten heraus geschickt hat. Er wollte nämlich wissen, wo gibt es denn eigentlich noch die Kohlevorräte, um nicht den ganzen Wald abzuholzen."

Noch nicht bereit für Industriekultur

Doch nun ist es offensichtlich, dass sich ein Ende der Kohleförderung abzeichnet, und damit blüht eine neue Romantik, die nicht nach blauen Blumen sucht, sondern nach alten Schächten, Schloten oder Schienensträngen. Für Andreas Ohse ist das allerdings alles andere als Neuland, denn die erste Schließungswelle gab es ja bereits vor drei Jahrzehnten. 1993 habe er die Brikettfabrik Hermannschlacht als Ruine übernommen.

"Wir haben jede Menge Veranstaltungen gemacht im Rahmen der Industriekultur.  Wir hofften natürlich, dass die Leute auf diesen Zug aufspringen." Aber sie seien nicht aufgesprungen. "Damals in den 90er-Jahren hatten die Leute andere Probleme. Da wirkte der Strukturbruch bis hin zu Extremen in die einzelnen Familien. Und dann kommt so ein Spinner und lässt große Ballons steigen und macht irgendwas mit großen aufblasbaren Figuren aus der Schweiz.  Die Zeit damals war noch nicht reif dazu."

Andreas Ohse, Geologe
Andreas Ohse, Geologe Bildrechte: MDR

Problem: Vereine, die Industriekultur erhalten, schrumpfen

Jetzt aber ist die Zeit möglicherweise reif dafür. Und zugleich wird sie auch knapp. Denn bislang sind es vor allem Vereine, die sich um die Zeugnisse der Braunkohlelandschaft kümmern, sowie etwa in Zeitz, wo die weltweit älteste erhaltene Brikettfabrik Besucher einlädt. Doch die Vereine haben ein Problem: Sie schrumpfen. "Wir haben das Anfang der 90er-Jahre eigentlich nicht glauben wollen, dass es mal soweit kommt", so Ohse.

Bei manchen Vereinen ist inzwischen die Trauerrede länger, als die eigentliche Jahreshauptversammlung. Das klingt makaber, aber es ist so.

Andreas Ohse, Geologe

Ohse ist der Meinung, es müsse eine Ebene geschaffen werden, um langfristig finanziellen Mittel für die Industriekultur bereit zu stellen. "Die Objekte generell in die Verantwortung von Vereinen zu stellen, sehe ich jetzt in der jetzigen Zeit nicht mehr für sinnvoll."

So etwas Großes wie die Zeche Zollverein oder wie die Völklinger Hütte haben wir hier nicht zu bieten. Da sind wir ein bisschen zu spät.

Andreas Ohse, Geologe

Neues Bergbaumuseum für Mitteldeutschland?

Die touristische Infrastruktur hat sich allerdings deutlich verbessert. Von der Grube Profen bis zum Weltkulturerbe Naumburger Dom sind es 30 Minuten Autofahrt. Dann schließt sich die Weinregion an. Rad und Wanderwege sind erschlossen, auch zu den Industriedenkmälern. Diese Vielfalt könnte in Zukunft stärker ausgespielt werden. Andreas Ohse hofft auf die Strukturfondsmittel. 5,4 Milliarden Euro für die Region, gedacht als Starthilfe in die Nach-Kohle-Zeit. Kulturwandel, nicht Kulturbruch, sollte also das Ziel sein.

Mit dem Geld, das die Region strukturell aufwerten soll, könne man auch die Kultur fördern. "Und da sind wir jetzt dran, mit dieser Idee eines Bergbaumuseums Mitteldeutschland." Dieses Bergbaumuseum soll als Betreibergesellschaft alle Industriedenkmale der Region verwalten. Und es ist tatsächlich höchste Zeit, denn die Erinnerung verblasst schnell. Wer heute unter 20 ist, der wird wohl mit dem Begriff "Brikett" nicht mehr viel anfangen können, geschweige denn mit dem Begriff einer Brikettfabrik.

Mehr Kulturangebote zum Kohlebergbau

Mehr über Industriekultur

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. November 2021 | 06:15 Uhr