Marienkirche Wanderausstellung "Die Tänzerin von Auschwitz" in Stendal zu sehen

In der Marienkirche in Stendal ist derzeit die Wanderausstellung "Die Tänzerin von Auschwitz" zu sehen. Sie erzählt mit Fotos, Briefen und persönlichen Gegenständen die ungewöhnliche und eindrückliche Lebensgeschichte der niederländischen Auschwitz-Überlebenden Roosje Glaser. Ihr Neffe Paul Glaser hat dafür über 20 Jahre recherchiert und ein Buch verfasst. Seine gleichnamige Ausstellung wurde von der Landeszentrale für politische Bildung nun erstmals nach Sachsen-Anhalt gebracht.

Eingang zur Ausstellung "Die Tänzerin von Auschwitz" in der Stendaler Marienkirche.
Roosje Glaser konnte sich mit dem Tanzen ihr Leben in Auschwitz retten. Bildrechte: Martin Hanusch

Die rote backsteinerne Marienkirche mitten im Zentrum von Stendal ist eine beliebte Sehenswürdigkeit und nun auch Ausstellungsort: Die Tänzerin von Auschwitz erzählt die eindrückliche Lebensgeschichte von Roosje Glaser als KZ-Überlebende. Für Pfarrer Marcus Schütte ist die Ausstellung eine sinnvolle Form, sich auch als Kirche noch mal dem Thema Nationalsozialismus zu stellen.

"Die Geschichte des Nationalsozialismus ist natürlich auch eine Schuldgeschichte der evangelischen Kirche und der evangelischen Gemeinden", erklärt der Pfarrer. Die Ausstellung sei außerdem didaktisch hochwertig, betont er. Das Wichtigste für Schütte: "Dass sie die Fakten, also die Zahlen von den Millionen Opfern so ganz konkret an dem einen Lebensschicksal deutlich macht".

Besucherin schaut sich ein Ausstellungsstück zur "Tänzerin von Auschwitz" an.
In der Ausstellung sind persönliche Gegenstände von Roosje Glaser zu sehen. Bildrechte: Martin Hanusch

Tanzmusik hallt durch die Marienkirche

Tatsächlich wird die Ausstellung auf sinnliche Weise konkret, weswegen man in der Schau auch Tanzmusik hört. Denn Roosje Glaser führte in den Niederlanden trotz nationalsozialistischer Verfolgung eine Tanzschule und widmete sich der verrufenen Musikgattung des Swing. Durch den Verrat ihres Mannes landete sie in Auschwitz, wo sie am Ende auch durch das Tanzen überlebte. Ihrem Neffen erklärte sie später, warum sie im KZ zu Kabarett und Liedern tanzte:

Naja, ich wollte so viel wie möglich Mensch bleiben, meine Würde behalten.

Roosje Glaser zu ihrem Neffen

Persönliche Gegenstände als Ausstellungsstücke

Paul Glaser hat diese verstörende Lebensgeschichte seiner Tante über 20 Jahre recherchiert und niedergeschrieben. Auch die Ausstellung hat er konzipiert, die sich in der Stendaler Marienkirche fast idealtypisch in den Chorumgang fügt. Neben Fotos, Briefen und Filmausschnitten sieht man auch persönliche Gegenstände und gewinnt so einen persönlichen Blick auf den Krieg und die Schrecknisse des Vernichtungslagers. Und vor allem auf eine unbeugsame Frau, findet Glaser.

"Damals, als der Krieg angefangen hat, war sie eine junge Frau. Sie war 25 Jahre alt, hat schön ausgesehen, war ganz emanzipiert und sie sprach fließend deutsch, das war auch ein Vorteil", beschreibt Glaser seine Tante. Er fasst ihre Geschichte wie folgt zusammen: "Eine junge Frau mit starkem Charakter, die sich durch das Leben schlägt: durch die Liebe, den Verrat, die Gefangenschaft und auch durch das Glück."

Ausstellungstafel zur "Tänzerin von Auschwitz" mit Informationen über das Konzentrationslager Westerbork.
Eine Ausstellungstafel informiert, dass Roosje Glaser in Westerbork die Züge Richtung Osten fahren sah: "Jedes Mal die Angst, mit zu müssen." Bildrechte: Martin Hanusch

Neffe entdeckte in Auschwitz zufällig seinen Namen

Ein ungewöhnliches Leben, von dem niemand in der Familie später etwas ahnte. Glaser, der selbst als Katholik aufwuchs, wusste weder von seinen jüdischen Wurzeln, noch wurde in seiner Familie über den Nationalsozialismus gesprochen. Erst 1987, als Vierzigjähriger, ist er bei einem Besuch in Auschwitz durch Zufall darauf gestoßen – als er einen Koffer mit seinem Namen darauf sieht.

Ein Mann hält ein Buch
Paul Glaser schrieb ein Buch über seine Tante. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das war für mich ein fast greifbares Zeugnis, die Vergangenheit meiner Verwandten. Aber der Schock in Auschwitz, das war der Trigger, um die Geschichte zu veröffentlichen", erzählt Glaser. Als er mehr über die Geschichte seiner Familie erfahren wollte, habe sein Vater geschwiegen. Auch seine Tante Roosje, die den Holocaut überlebt hat, wollte sich erst nicht äußern.

Vorgeformtes Wissen über den Holocaust hinterfragen

Doch letztlich war Roosje Glaser ihrem Neffen gegegnüber sehr offen. Sie erzählte ihm von den Erniedrigungen, wie sie den Experimenten Mengeles ausgesetzt wurde und wie sie Mitinhaftierte in die Gaskammern bringen musste. Und sie erzählte sogar auch, wie sie, um zu überleben, mit dem Feind getanzt und sogar ins Bett gegangen ist.

KZ Auschwitz-Birkenau
Glaser wurde in Auschwitz zur Arbeit an der Gaskammer gezwungen. Bildrechte: dpa

Als Paul nachfragte, wie sie mit einem deutschen Mann, einem SS-Mann, schlafen konnte, antwortete sie ihm: "Weißt du, wie es wirklich war? Nach den Experimenten Mengeles, nach der gezwungenen Arbeit an der Gaskammer fand ich es wunderschön, dass ein Mann liebe Worte zu mir sagte, dass wir Liebe gemacht haben – ich fühlte mich wieder wie ein Mensch."

Gerade diese Offenheit über diese durchaus verstörende Überlebensstrategie weckt Empathie und hinterfragt gleichsam unser oft vorgeformtes Wissen über den Holocaust. Und genau das macht die Schau unbedingt sehenswert.

Mehr Informationen Ausstellung "Die Tänzerin von Auschwitz"
Vom 4. Juni bis 28. Juli 2021

St. Marienkirche
Marienkirchstraße 8
39576 Stendal

Öffnungszeiten der Kirche:
Montag bis Freitag von 10 bis 17 Uhr
Samstags von 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr
Sonntags von 14 bis 16 Uhr

Der Eintritt ist frei.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juli 2021 | 17:40 Uhr

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