Zum 90. Geburtstag Verbote und Erfolge: Maler und Filmemacher Jürgen Böttcher alias Strawalde

Der sächsische Künstler Jürgen Böttcher alias Strawalde zählt zu den herausragenden Künstlern Deutschlands. Seine Bilder hängen in vielen bedeutenden Kunstsammlungen dieser Welt, wie Berlin, Boston, Paris und Wien. Sogar im Deutschen Bundestag sind sie zu sehen. Als Regisseur hat er wegweisende Dokumentarfilme gedreht. In der DDR wurden seine Bilder nur selten öffentlich gezeigt und einige seiner Filme verboten. Nach 1989 fand sein filmisches und bildkünstlerisches Werk auch international große Anerkennung. Am 8. Juli feiert Jürgen Böttcher seinen 90. Geburtstag.

Als Jürgen Böttcher ist er im Juli 1931 im sächsischen Frankenberg zur Welt gekommen, als Dokumentarfilmer wurde er in der DDR bekannt. Heute, und gefühlt seit Ewigkeiten, heißt der Maler, Grafiker und Filmemacher: Strawalde. Er hat sich nach dem Ort Strahwalde, in der Oberlausitz gelegen, genannt und den Namen dann mit sich genommen, hat ihn mit seinen Werken hinausgetragen in die Welt. Etwas Besseres konnte dem kleinen Dorf nicht passieren, könnte man meinen.

Geprägt von Krieg und Nazi-Zeit

Der Künstler Strawalde
Strawalde 2012 neben seinem Gemälde "Anna Chron" Bildrechte: dpa

Böttcher ist in Strahwalde mit seiner Familie und zwei Geschwistern aufgewachsen, von sechs Jahren an bis er 18 war. In diesen 12 Jahren hat er die Nazi-Zeit, den Krieg, den Tod, die schweren Nachkriegsjahre erlebt. Der Vater war Studienrat und wurde 1936 von den Nazis aus dem Schuldienst entlassen.

Dieses Aufwachsen hat ihn geprägt. Zuerst sah er die Erfolge der deutschen Armee, verkündet in den Wochenschauen. Später musste er erleben, wie die Soldaten und der Krieg wieder zurückkamen nach Deutschland. Strawalde sah die toten Soldaten im eigenen Garten liegen und in den Feldern ringsum. Der Bruder: gefallen im Krieg. Der Krieg war teuflisch und für Strawalde die Zerstörung der eigenen Welt traumatisch.

Von 1946 bis 1948 besuchte er die Oberschule und begann, Porträts zu zeichnen: seine Lehrer, Passbilder von gefallenen Soldaten, aber auch Rosa Luxemburg, Karl Marx, Lenin oder die Geschwister Scholl. Für seine Arbeit bekam er fünf Pfund Kartoffeln oder zehn Mark oder eben ein Glas Rübensirup als Lohn. Irgendwie reichte es fürs Überleben.

Diese Zeit nach dem Krieg habe ihn politisiert, so Strawalde. In dieser Zeit fing er an zu malen, habe Brechts Gedichte gelesen, Filme von Pudowkin, von Eisenstein gesehen. Er konnte nicht verstehen, dass die Kleinbürger und die Masse der Mitläufer im Westen ein besseres Leben hatten, während den Opfern des Krieges Gleichgültigkeit entgegengebracht wurde. Mit 17 Jahren trat er in die SED ein.

Hinaus ins Leben: Von Strahwalde nach Dresden und Potsdam

1949 ging Böttcher von Strahwalde fort und studierte bis 1953 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Danach lebte er als freier Künstler und gab Zeichenkurse an der Dresdner Volkshochschule. In seinem Kurs saß auch Ralf Winkler, der als R. A. Penck später weltberühmt wurde; 14 Jahre alt war er damals. Zusammen mit Peter Graf, Peter Herrmann, Peter Makolies und anderen bildeten die jungen Künstler mit und um Strawalde den Dresdener Freundeskreis. In der DDR mit dem Vorwurf des Formalismus konfrontiert, durften Strawaldes Bilder nicht ausgestellt werden.

Drei Männer neben einer Kamera
Jürgen Böttcher (links) bei Dreharbeiten zum Film "Die Mauer" (1990) Bildrechte: MDR/DEFA-Stiftung/Thomas Plenert

1955 studierte Jürgen Böttcher Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Sein 1961 gedrehter Debüt-Film "Drei von vielen" über seine Dresdner Malerfreunde wurde verboten. Im gleichen Jahr wurde Strawalde aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen.

Sein DEFA-Spielfilm "Jahrgang 45" (1966) mit Rolf Römer in der Hauptrolle durfte nicht veröffentlicht werden. Er erlebte seine Uraufführung erst 1990 nach dem Zusammenbruch der DDR. Böttcher erhielt 1979 den Nationalpreis der DDR II Klasse. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen: "Der Sekretär" (1967), "Martha" (1978), "Rangierer" (1984), "Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner" (1985), "Die Mauer" (1990) und "Konzert im Freien" (2001). Bis 1991 arbeitete er als Regisseur im Dokfilmstudio der DEFA.

Strawalde hat Macht und Qual erlebt

Jürgen Böttcher alias Strawalde mit seinem Gemälde NACH GIORGIONE (1954)
Jürgen Böttcher alias Strawalde mit seinem Gemälde NACH GIORGIONE (1954) Bildrechte: MDR/LOOKSfilm/Johannes Blume/VG Bild-Kunst

Strawalde lebt im Grunde ohne Illusionen. Das Wort Buße erhält bei ihm über die Jahre eine immer größere Bedeutung. "Mitgegangen – mitgehangen!" Wer diesen Spruch wirklich versteht und tief empfindet, entwickelt Verständnis für die eigene Schwere. Strawalde empfand stets Qual, wenn die Herrschenden ihn zu sich bestellten, mit ihm redeten. Kurt Hager, Alfred Kurella. Sie alle ließen ihn zwar leben, beschnitten aber Strawaldes wichtigen künstlerischen Schaffensprozess.

Die Herrschenden, so Strawalde, hätten für ihn alles Wichtige, Schöne verboten. Er sei eben nicht der große Maler, wurde behauptet – und so wurde auch nichts ausgestellt. Strawalde galt den Oberen als Formalist und als solcher wurde er von ihnen verdammt. Trotzdem ist er im Osten geblieben. Noch heute erinnert er sich an seine Freunde, die sagten: "Wenn du in 60er-Jahren in den Westen gegangen wärst, wärst du heute einer der bedeutendsten Künstler der Welt!" Er antwortet dann immer: "Das weiß ich, aber das wollte ich ja nicht!!"

Sendungsbild 4 min
Jürgen Böttcher Bildrechte: MDR

Jürgen Böttcher alias Strawalde gehört als Filmemacher, Maler und Zeichner zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte. Das Leonhardimuseum zeigt Grafiken. Wolfram Nagel berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 05.07.2021 12:00Uhr 04:20 min

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Späte Anerkennung und internationale Ausstellungen

Nach 1989 wurden Strawaldes Arbeiten im In- und Ausland in zahlreichen Ausstellungen und Retrospektiven gezeigt. Seine Bilder hängen heute in der Neuen Nationalgalerie Berlin, in der Sammlung des Deutschen Bundestags, den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, in Wien, Boston und Paris. Seine Filme gelten als wegweisend für eine ganze Generation von Filmemachern.

1992 erhielt Strawalde das Filmband in Gold für sein Lebenswerk. 2001 wurde er mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland geehrt. In einem Brief zu seinem 70. Geburtstag schrieb der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder:

Mein Gruß gilt einem der bedeutendsten deutschen Maler und dazu einem der wichtigsten Dokumentarfilmer. Lange, viel zu lange war der Maler Strawalde im Westen auch einer der am wenigsten bekannten deutschen Gegenwartskünstler. Das konnte sich erst mit dem Fall der Mauer ändern, als Deine Kunst endlich die öffentliche Würdigung fand, die ihr gebührt.

Gerhard Schröder, ehemaliger Bundeskanzler Brief an Strawalde vom 08.07.2001

Werke aus der Ausstellung "Strawalde - Blätter aus der Zeit" im Leonhardi-Museum Dresden

Zeichnung
Das Bild "o.T. (alleine, 7.7.77)" aus dem Jahr 1977 Bildrechte: Leonhardi-Museum Dresden, Strawalde/Herbert Boswank
Zeichnung
Das Bild "o.T. (alleine, 7.7.77)" aus dem Jahr 1977 Bildrechte: Leonhardi-Museum Dresden, Strawalde/Herbert Boswank
Zeichnung
"o.T." von 2015, Mischtechnik auf Karton, Collage, 46 × 60 cm Bildrechte: Leonhardi-Museum Dresden, Strawalde/Herbert Boswank
Zeichnung
"o.T. (24.IV. 60)", 1960, Tusche auf Papier Bildrechte: Leonhardi-Museum Dresden, Strawalde/Herbert Boswank
Zeichnung
"o.T. (The Spirit)", 2007, Kohle auf Papier Bildrechte: Leonhardi-Museum Dresden, Strawalde/Herbert Boswank
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Angaben zur Sendung

MDR KULTUR - Feature
Zum 90. Geburtstag von Jürgen Böttcher am 8. Juli:
Strawalde. Oder: Mach dich an dein sündiges Leben
Von Günter Kotte

Sprecher: Klaus Manchen, Axel Thielmann
Regie: Günter Kotte
Produktion: MDR 2004

Sendung: 19.05.2021 22:00 Uhr

Informationen zur Ausstellung Leonhardi-Museum:
"Strawalde - Blätter aus der Zeit"
02.07. bis 19.09.2021

Adresse:
Leonhardi-Museum
Grundstraße 26, 01326 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 14 – 18 Uhr
Samstag und Sonntag: 10 – 18 Uhr

Eintritt:
4 Euro, ermäßigt 2,50 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: Strawalde. Oder: Mach dich an dein sündiges Leben | 19. Mai 2021 | 22:00 Uhr

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