Ausstellung "Sven Johne. Ostdeutsche Landschaften" Kunstmuseum Magdeburg: Künstler Sven Johne auf den Spuren der Wendezeit

Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen Magdeburg öffnet nach dem Lockdown wieder seine Tore und das in Verbindung mit einer neuen Ausstellung: "Sven Johne. Ostdeutsche Landschaften", so der Titel. Gezeigt werden Fotografien und Videos, die der auf Rügen geborene und in Berlin lebende Künstler in den vergangenen 15 Jahren erarbeitet hat. Diese basieren auf einer Art sozialer Dokumentarfotografie, deren Fokus sich in dieser Ausstellung auf die Entwicklung Ostdeutschlands nach 1989 richtet.

Sven Johne, Schwarze Löcher/Black Holes, 2019 4 min
Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung zeigt das Kunstmuseum Magdeburg eine Auswahl an Werken des Berliner Fotografs Sven Johne. Was ist aus den Hoffnungen von 1989 geworden? Korrespondentin Sandra Meyer über die Ausstellung.

MDR KULTUR - Das Radio Do 25.03.2021 06:00Uhr 04:05 min

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Abgeerntete Felder oder karge Äcker zeigen einige großformatige Fotografien von Sven Johne, in deren Mitte seltsame Geschichten vom "Wende-Scheitern" zu lesen sind. "Ostdeutsche Landschaften" heißt die bereits 2005 entstandene Serie, die nun der gesamten Ausstellung im Kunstmuseum Magdeburg den Titel gibt: Denn letztlich befassen sich all diese Arbeiten, die in den vergangenen 15 Jahren entstanden sind, mit einem ähnlichen Thema: dem Transformationsprozess der Nachwendezeit im Osten Deutschlands, deren verschiedene Etappen der Künstler skizziert: "Es gibt die Etappe der unmittelbaren Nachwende-Geschichtsaufarbeitung, in der es um persönliche Schuld und Verantwortung ging. In der nächsten Etappe begann man sich im neuen System und im aufgekommenen Kapitalismus zu arrangieren. Und es gibt eine Phase der Ernüchterung und den Versuch eines Auswegs aus dieser Zeit", erklärt Johne.

Spuren von der Wendezeit in der sächsischen Provinz

Porträt des Künstlers Sven Johne
Sven Johne hat die Wende im sächsischen Hettstedt erlebt. Bildrechte: Klemm’s, Berlin

Johnes Herangehensweise ist dabei oft ähnlich: Inspiriert durch einen Zeitungsartikel reist er für seine Recherche in die Provinz und gleicht die Befunde mit seiner eigenen Biografie ab. 1976 auf Rügen geboren, hat er als Jugendlicher die Wende in Hettstedt in Sachsen-Anhalt erlebt, eine dem Strukturwandel unterworfene Region. Diese Erfahrungen sind in seine Arbeiten mit eingeflossen, stellt Annegret Laabs, Leiterin vom Kunstmuseum, fest: "Sven Johne kommt aus dem literarischen Bereich, er hat Film und Literatur studiert, weiß mit Worten umzugehen und ist dicht an seinen eigenen emotionalen Erfahrungen dran. Und deshalb wird man immer gleich von seinen Geschichten gefangen."

Betrachter, Bild und Text im wirkungsvollen Spannungsfeld

Eine Wirkmacht, die durch das Spannungsfeld von Bild und Text entsteht. So zeigt eine wandgroße Fotocollage Ausschnitte von ruinösen Gebäuden. In schummriges Abendlicht getaucht wirken sie fast anmutig, bis man über den Text den Zusammenhang zur Treuhand herstellt: Nach der Wende wurden innerhalb von vier Jahren 8.000 Betriebe abgewickelt. So evoziert Johne beim Betrachtenden ganz bewusst eine Irritation und bezieht ihn dadurch mit in seine Werke ein. Sven Johne: "Ich werde erst einmal von der Attraktivität des Bildes angezogen und bekomme dann aus der Nahdistanz den eigentlichen Kern der Arbeit vermittelt. Dieser ist jedoch nicht in Text und Bild, sondern bei mir im Kopf. Ich brauche im Grunde eine dritte Zutat und das ist meine politische Bildung oder mein Gefühl zu einer Situation."

Betrachter, Bild und Text ergeben die Arbeit.

Sven Johne, Künstler

Diese Verbindung zum Betrachtenden gelingt auch durch die im wahrsten Wortsinn "merkwürdigen" Protagonisten, die Johne über die Texte oder im Film zu Wort kommen lässt. Mal sind es Hochstapler oder Motivationstrainer, mal sind es Reichsbürger oder ehemalige Dissidenten, die man heute auf Pegida-Demos trifft. Johne fragt, was aus den Hoffnungen und Visionen der Zeit um 1989 wurde, aber auch, wie sich Lebenswege entwickelt haben. Annegret Laabs zufolge geht es um die Brüche in der ostdeutschen Geschichte: "Da sind die Leerstellen, geschlossene Betriebe, die Treuhand, der leere Platz, auf dem nichts ist, außer ein Zirkuszelt, was nicht mehr existiert – traurige Bilder, aber zeitgleich auch Leerstellen, auf denen Neues entstehen kann."

Sven Johne, Ostdeutsche Landschaften, 2005
Sven Johne, Ostdeutsche Landschaften, 2005 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Fotografien und Filme zwischen Fakt und Fiktion

Und das birgt nicht nur eine optimistische sondern auch eine humorige Seite. So changieren die über 400 Fotografien und fünf Filme zwischen Fakt und subjektivem Erlebnis, zwischen Wahrheit und Fiktion – zwischen Ironie und Zynismus. Hier ist Kunst im besten Sinn politisch, ohne erhobenen Zeigefinger triggert sie politisches Bewusstsein – gerade im Jahr der Landtagswahl kann man diese Schau nur wärmstens empfehlen.

Sven Johne, Meridian (Still), 2020
Sven Johne, Meridian (Still), 2020 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Informationen zur Ausstellung

  • "Sven Johne. Ostdeutsche Landschaften"
  • Geöffnet voraussichtlich vom 25. März bis 6. Juni 2021
  • Terminreservierung telefonisch unter der Nummer 0391 / 56 50 211 oder per E-Mail unter kontakt@kunstmuseum-magdeburg.de
  • Die Öffnung erfolgt unter Hygieneauflagen und Berücksichtigung der Corona-Schutzverordnung. Dazu zählt das Erfassen von Kontaktdaten, das Tragen von OP-Masken bzw. FFP2-Masken während des Aufenthalts im Museum sowie die geltenden Hygienemaßnahmen.
  • Öffentliche Führungen und Veranstaltungen können noch nicht stattfinden.
  • Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen, Regierungsstr. 4-6, 39104 Magdeburg

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2021 | 07:10 Uhr

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