Galerie Huber & Treff Reise ins Nirwana: Sibylle Prange zeigt "Neue Orte" in Jena

Spätimpressionistisch wirken die Bilder der Berliner Malerin Sibylle Prange: Meeres- oder Seenlandschaften im Nebel oder Dunst. Doch so einfach ist es nicht. MDR KULTUR-Kunstkritikerin Ulrike Thielmann sah in der Galerie Huber & Treff die neueste Schau der Künstlerin, die in Jena aufgewachsen ist, und fand: "Neue Orte", die im Nirwana zu liegen scheinen. Die Schau bei Huber & Treff in Jena ist bis auf Weiteres geöffnet, weil die Galerie auch eine Kunsthandlung ist und damit zum Einzelhandel zählt. Verlängert wurde sie schon mal vorab bis Ende Februar.

In der Ferne winkt ein güldener Strand, eine Landzunge. Die Temperatur der Szene scheint: heiß. Fast kein Wölkchen, die Sonne strahlt auf eine Baumgruppe abgestorbener Birken. Und trotzdem ist es diesig. Die wenigen Blätter sind von Dunst umflort. Dunst, der mehr oder weniger das gesamte Bild einhüllt und der Sybille Pranges gegenständlicher Malerei abstrahierende Elemente eingibt. Dunst, der aus einem fragwürdig-flachen, dunklem Tümpel aufsteigt. Durch ihn werden die Betrachter von den verheißungsvollen Gestaden am Horizont getrennt. Wollen sie dorthin, müssen sie den Pfuhl durchqueren oder mindestens umrunden; sein Wasser scheint den Bäumen nicht gut zu tun. Das stehende tote Holz, umgeben von einer Aureole aus Dunst, hat die Malerin Sibylle Prange in ihrem Bild "Landzunge" im Gestus der Alten Meister angelegt; ein pittoreskes Motiv in Öl, das seine Reize entfaltet und das, zwischen Strand und Tümpel gelegen, auch Fragen stellt.

"Optimistische Melancholie"

Galerist Torsten Treff überkommt bei den meisten Arbeiten von Sybille Prange eine "optimistische Melancholie": "Ich fühle mich einsam, bin alleine, aber ich habe auch Lust weiter zu gehen, in die Weiten und die Tiefen dieses Bildes rein. Dann eröffnen sich auch noch andere Aspekte, Assoziationsketten, denen man folgen kann, als direkter Hinweis auf Umweltkatastrophen."

Torsten Treff ist einer der beiden Galeristen der Kunsthandlung Huber & Treff in Jena. Mit Rothamel in Erfurt und Profil in Weimar gehört Huber & Treff zu den nennenswerten professionellen, privaten Galerien in Thüringen.

1999 gegründet, gibt es die Jenaer inzwischen über 20 Jahre, ihren Sitz haben sie in einem Bauernhaus gegenüber der Schillerkirche im Stadtteil Wenigenjena. Etliche Leipziger Künstler und Künstlerinnen haben Torsten Treff und sein Partner Amin Huber im Programm: abstrakte Positionen von Susanne Werdin oder Dirk Richter, Traumhaft-Irreales von Mathias Perlet, aber auch Thüringer wie den Maler und Grafiker Erik Buchholz aus Gera oder eben Sibylle Prange, die in Weißensee studiert und in Berlin lebt, aber in Jena aufwuchs. Sibylle Prange gehörte von Anfang an und mit diversen Ausstellungen zum Programm, wie Armin Huber erklärt:

In Sibylle Pranges Malerei hat der Mensch, die Figürlichkeit immer eine große Rolle gespielt. Jetzt ist die Reduktion stärker in den Fokus geraten. Das ist einfach eine Entwicklung. Wer weiß, wann die Figur wiederkommt? Wir sind gespannt darauf.

Torsten Treff

Wanderung durch Innen- und Außenwelten

Der Katalog einer Schau bei Huber & Treff aus dem Jahr 2013 zeigt, dass Prange schon damals verlorene Landschaften erkundete, die aber noch Menschen und gegenständliche Objekte zeigen: alte Schleusen oder Bootsanleger, verlassene Kraftwerke, Überseecontainer, die das seeische "Randland" markieren. Den Saum des Meeres oder Seen thematisiert Sibylle Prange oft in ihren Bildern: transzendente Orte im Übergang von Wasser und Land, unter weitem Himmel, die leider nur zu oft von Müll oder Schmutz besetzt sind.

Wem die Seelen- und Umwelt-Dimension in Pranges Bildern zu viel ist, wird darin jedoch einfach nur ein Abbild seiner letzten Urlaubslandschaft erblicken und vielleicht denken: So sehen ungeschönte Strände heute eben aus!

Für ihre Kunst reist Prange viel, sie hat rumänische Schwarzmeerstrände, den Hafen in Odessa oder auch Brachen in Brandenburg in Augenschein genommen. Aus Pranges neuen Bildern sind nun die Menschen verschwunden samt ihrer Hinterlassenschaften. Auf den Bildern in der Schau zeigt sich nur ein einziger klappriger Strandkiosk und ein von Hochwasser gefluteter Campingwagen. Eine Reduktion, die Torsten Treff bewundert:

Was mich an der Arbeitsweise von Sybille Prange immer wieder erstaunt: Wie weit sie es schafft zu reduzieren. Die Formen, diese Konkretheit von einem Busch oder Baum aufzulösen und es bei wenigen Farbpunkten zu belassen.

Torsten Treff

Landschaft dominiert in Sybilles Pranges neuen Bildern, die ohne Beigaben und auf den zweiten Blick doch von Menschen geprägt sind. Was die Betrachter jedoch gelassen bleiben lässt, geben jene Orte im Nirwana doch immer noch genug von der Schönheit der Natur preis. 

Angaben zur Ausstellung Sybille Prange: Neue Orte

Kunsthandlung Huber & Treff
Charlottenstraße 19
07749 Jena

Öffnungszeiten
Mo: 10-13 Uhr
Do + Fr: 15-18 Uhr
Sa: 10-15 Uhr
und nach Vereinbarung

Als Kunsthandlung - und damit Teil des Einzelhandels - ist Huber & Treff aktuell geöffnet.
Entgegen der Auskunft auf der Internet-Seite von Huber & Treff wird die Schau von Sybille Prange nicht nur bis zum 19. Dezember laufen, sondern bis Ende Februar.

Ausstellungstipps trotz Corona

Museumsschätze in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Dezember 2020 | 17:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei