Leerstand auf dem Land Wie Denkmäler in Thüringen vor dem Verfall gerettet werden

In ländlichen Regionen Thüringens stehen immer mehr denkmalgeschützte Häuser leer und müssen abgerissen werden. Seit Jahren versucht die Internationale Bauausstellung Thüringen (IBA), den Verfall alter Gebäude und Denkmäler in Städten wie Dröschnitz oder Schwarzatal zu verhindern. IBA-Chefin Martha Doehler-Behzadi verrät im Interview, wie erfolgreich der Kampf gegen den Leerstand läuft – und was Großstädte von ländlichen Regionen lernen können.

Tag der Sommerfrische im Schwarzatal 8 min
Bildrechte: IBA Thüringen, Fotos: Thomas Müller
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Die Chefin der Internationalen Bauausstellung Thüringen (IBA), Martha Doehler-Behzadi, verrät im Interview, wie erfolgreich der Kampf gegen Leerstand läuft – und was Großstädte von ländlichen Regionen lernen können.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 28.01.2022 18:00Uhr 07:44 min

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MDR KULTUR: Wieso interessieren Sie sich mit der Internationalen Bauausstellung Thüringen so sehr fürs Erhalten und für den Bestand? Wieso sind Ihnen die alten Häuser in Thüringen so wichtig?

Marta Doehler-Behzadi: Das eine ist natürlich, dass alte Häuser oft sehr, sehr interessant sind und viel zu erzählen haben, Geschichte mitbringen, Informationen förmlich verbaut sind. Ganz zu schweigen von den Baumaterialien und den Ressourcen, der Energie, die da drin steckt. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite ist, dass in der Disziplin von Architektur und Stadtplanung immer deutlicher wird, dass wir mit unseren Ressourcen – jetzt so in ganz technischer Hinsicht – den energetischen und den Materialressourcen völlig anders umgehen müssen.

Das heißt, den Bestand auf eine Weise achten, akzeptieren und wieder nutzen, wie wir das vielleicht in der Vergangenheit nicht im Auge hatten, sondern schnell dazu übergegangen sind, mal etwas abzureißen und dann was Neues zu bauen. Die Ressourcen werden nämlich knapper.

Den Bestand zu achten, heißt ganz konkret, viele einzelne Häuser im Blick zu haben. Nun sprechen wir über Gebäude, für die sich meistens privat jemand finden müsste. Das ist aber eine Entscheidung, ein Denkmal zu sanieren. Sie haben diese Entscheidungen untersucht: Was reizt Menschen? Was sind Anreize, sich solche Projekte, wo dicke Bretter zu bohren sind, vorzunehmen?

Ich glaube, dass sich viele Leute, gerade Privatpersonen und Familien regelrecht verlieben können in alte Häuser. Dann sehen sie ein solches Bauernhaus oder ein Mietshaus in der Stadt. Manchmal vielleicht auch einen alten Bahnhof, um dann zu verstehen, dass dieses alte Gebäude mehr Charakter mitbringt als vielleicht ein Neubau.

Und zu guter Letzt ist ein Bestandsumbau meistens auch ein bisschen preiswerter und vernünftiger als ein Neubau von den Fundamenten aus zu errichten, weil ja viel schon da ist. Es ist freilich auch unkalkulierbarer, in der Hinsicht, dass Unvorhergesehenes passiert, man im Positivem wie im Negativem Überraschung erleben kann. Das ist, glaube ich, ein sehr großer Antrieb für viele Menschen, sich mit Denkmalen auseinanderzusetzen.

In Ihrem Projekt "Sommerfrische im Schwarzatal" geht es um denkmalgeschützte Häuser, wo früher Sommergäste hingefahren sind. Häuser, die dann wieder leer gestanden haben. Jetzt versuchen Sie, diese Häuser im Schwarzatal wiederzubeleben?

Ja, es ist augenscheinlich, wenn man ins Schwarzatal fährt, wie die früheren Gästehäuser, Pensionen und Hotels leer stehen. Sie verkörpern eine gewisse Baukultur in dieser Region, häufig auch unter Denkmalschutz stehend. Und sie stehen in einem riesigem Ausmaß leer. Es sind auch schon Verluste zu verzeichnen in der Vergangenheit.

Seit 2015 zum Beispiel haben wir angefangen, den Tag der Sommerfrische durchzuführen mit Akteuren in der Region und vielfältigen Partnern, die Eigentümer, Bürgermeister oder einfach dörfliche Gemeinschaften sind oder auch die Oberweißbacher Berg- und Schwarzatalbahn als Wirtschaftsunternehmen. Da ging es darum, die Türen von diesen Häusern aufzumachen, selbst wenn sie in einem bedauernswerten Zustand sind.

Ich glaube einfach, dass das Leben der Menschen auf dem Land und in der Stadt nicht mehr gar so unterschiedlich ist, wie das manchmal beschrieben ist.

Marta Doehler-Behzadi, IBA Thüringen

Dieses Aufmachen, dann dieses Umdenken, dieses Umnutzen auch für zeitweilige Momente, für kurzfristige Nutzung – die bereitzustellen, waren die ersten Schritte. Auf diese Art und Weise ist es dann gelungen, zwei Initiativen zu finden, die sich für konkrete Häuser interessiert haben. In Schwarzburg ist es das Haus Bräutigam, in Döschnitz ist es das Haus Döschnitz. Beides wunderbare, schöne alte Häuser, beide sanierungsbedürftig.

Die Initiativen haben sich zu Vereinen formiert, bauen an diesen Häusern, um sie zu erhalten, und versuchen sozusagen auch als Gemeinschaft – also nicht bloß eine Privatperson oder eine kleine Familie, die etwas für sich macht – sondern als eine Gemeinschaft, etwas dort in Gang zu bringen, auch sich mit den Nachbarn auszutauschen, um sozusagen wieder Leben in die Bude, aber eben auch in die Gemeinde zu bringen.

Wie viel können solche Projekte und solche Initiativen bewirken? Wünschen Sie Dörfern jetzt Großstadt-Dissidenten, die ihren Kiez und Lebensstil aus Leipzig-Gohlis, Dresden-Neustadt und aus Halle-Giebichenstein in die schrumpfenden Ortskerne rein sanieren?

Ich kann nicht ganz diesem Bild folgen, dass das eben so ganz großstädtische Großstädter sind, die nun ganz anders kulturell geprägt werden. Ich glaube einfach, dass das Leben der Menschen auf dem Land und in der Stadt nicht mehr gar so unterschiedlich ist, wie das manchmal beschrieben ist.

Aber klar, ich wünsche mir für bestimmte Orte, dass solche neuen Stadt-Land-Lebensweisen, die mal hier, mal da stattfinden, sich vielleicht auch gar nicht so definitiv festlegen, aber die eben doch auch im ländlichen Raum stattfinden, der ansonsten eben von Schrumpfung auf ganzer Linie gekennzeichnet wäre. Dass da neue Akzente und Impulse hineinkommen, die im besten Fall dazu führen, dass das Leben auf dem Land vielgestaltiger wird und dass es einen Austausch gibt über: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir uns fortbewegen? Welche Stoffe und Baumaterialien nutzen wir eigentlich zum Bauen?

Das Schwarzatal insgesamt hat sich ja vorgenommen, ein resilientes Schwarzatal zu werden. Also das sind dann schon auch größere Ziele, und die sind auch in der Region verankert. Das sind nicht nur die Städte, die die mitbringen, sondern sie kommen aus der Region selbst.

Das Interview für MDR KULTUR führte Moderator Carsten Tesch.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Januar 2022 | 18:00 Uhr

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