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PorträtNeue Leipziger Schule: Titus Schades düstere Bildwelten

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Stand: 04. Dezember 2021, 04:00 Uhr

Menschenleere unheimliche Straßen – in den Wochen und Monaten der Corona-Lockdowns haben die Bilder des Leipziger Malers Titus Schade ganz unerwartete Bedeutung bekommen. Die jüngsten Gemälde sind gerade in einer Ausstellung in Berlin zu sehen. Doch in Leipzig schafft der Künstler bereits seit Jahren düstere Welten – die auch nach der Corona-Pandemie noch etwas erzählen sollen. Ein Atelierbesuch.

Der Hype ist nur noch Legende auf der Spinnerei. Doch die Sonne scheint weiter für einige Malerinnen und Maler der sogenannten Neuen Leipziger Schule. Mit acht Einzelausstellungen in fünf Jahren hat der 37-jährige Titus Schade einen Karriere-Blitzstart hingelegt. Als Sohn einer Fotografin und eines Malers, studierte er wie sein Vater an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB).

Der Leipziger Maler Titus Schade in seinem Atelier Bildrechte: Foto: Enrico Meyer

"Die haben es nicht verhindert, aber auch nicht forciert", erinnert sich Schade. Es gebe Geschichten, dass er als dreijähriges Kind auf dem Fußboden der HGB rumgekrochen sei und schon die Terpentindämpfe inhaliert habe. "Ich bin ja gewissermaßen auch mit den Bildern aufgewachsen: wenn man an Alte Leipziger Schule denkt, an menschenleere Szenerien – das hat mich in der Kindheit geprägt."

Wenn ich Filmemacher wäre, wäre ich nicht für die Vorabendunterhaltungssendung zuständig, sondern fürs Spätprogramm.

Titus Schade, Maler

Surreale Bildwelten

Titus Schade spürt den heilen Welten auch in Fließenmalereien nach. Bildrechte: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin / Foto: Uwe Walter, Berlin

Die Gestirne sind durcheinander geraten in seinen Bildern. Der Maler kombiniert irritierende Details zu surreal verfremdeten Alltagsorten. Die feine harmonische Malerei weckt Vertrauen, doch die Welt, die gezeigt wird, lässt etwas frösteln. "Das, was vielleicht vom Betrachter als bedrohlich wahrgenommen wird, ist vielleicht das, was in mir liegt", überlegt der Künstler. "Ich glaube auch, wenn ich Filmemacher wäre, wäre ich nicht für die Vorabendunterhaltungssendung zuständig, sondern fürs Spätprogramm."

Titus Schade sagt, dass es ihm lieber sei, wenn ein düsteres Grundrauschen in den Bildern ist, "vielleicht eine innere Seelentemperatur". Die neue Schau läuft am Berliner Standort seiner Galerie Eigen + Art. In seinen Bildern spielt Schade mit Schornsteinen als blanken Strichen und mit der Faszination, wie das Auge sich gern verführen und narren lässt von den zweidimensionalen Tricks.

Bühnenbild in Leipziger Inszenierung

Überall – sehr deutlich als Modell auf dem Tisch – baut er die Information ein, dass wir es nur mit der Simulation von Welt zu tun haben: "Das sind Bühnenbilder, die dem Betrachter die Möglichkeit geben, eine Handlung abspielen zu lassen. Für mich ist Malerei unterm Strich eine Inszenierung: innerhalb dieser vier Seiten Leinwand, wo man die Dinge hin und her rückt."

"Die drei Windmühlen" von Titus Schade. Bildrechte: Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin / Foto: Uwe Walter, Berlin

Eines seiner Bilder diente tatsächlich als Bühnenbild – in Enrico Lübbes Insznierung von Elfriede Jelineks "Wolken.Heim" am Leipziger Schauspiel aus dem Jahr 2017. Seitdem hat der Maler seine Bildlichkeit weiter überdehnt – zu einer Art manchmal koketter Bedrohung. Und er abstrahiert mit Signets der Versatzstücke, die er gleichwohl wie ein Romantiker auf 'realen' Gipfeln präsentiert. "Ich bin ja auch ein Kind der Videospielwelten oder eben Architektursimulationen, Architekturmodelle, dreidimensionales autoCAD rendering", erklärt Schade. "Das fließt alles mit ein. Aber letztendlich entstehen die Bilder direkt auf der Leinwand."

Bilder vom Corona-Lockdown?

Wie andere Leipziger Künstler will Titus Schade sich nicht als konservativer Schön- oder Schwarzmaler – oder schlimmeres – titulieren lassen. Er lässt alle Interpretationen zu. Aber er beharrt auch darauf, dass diese Bildwelt zunächst seine ganz private ist – und keine Gesellschaftsdiagnose: "Es handelt sich bei meinen Bildern auch um eine Parallelwelt, um einen Privatkosmos, eine in sich geschlossene Welt. Deshalb wiederholen sich auch die Versatzstücke, um eben auch diese Geschlossenheit vielleicht zu zeigen."

Blick in die Ausstellung der Galerie Eigen + Art. Bildrechte: Galerie EIGEN + ART Berlin / Foto: Uwe Walter, Berlin

Bilder, die auch in 100 Jahren nich interessant sind

Die Landschaften in den Bilder von Titus Schade wirken surreal aber auch tröstlich. Bildrechte: Galerie EIGEN + ART Berlin / Foto: Uwe Walter, Berlin

Freilich: der Maler ist nicht aus der Welt – man darf die harmonisch organisierten Bilder als Sehnsucht nach Stabilität und Schönheit verstehen – einer Sehnsucht, die allerdings ein paar Störungen auszuhalten hat. Es ist also kein Wunder, dass die Bilder von Titus Schade in den letzten zwei Jahren auch als sehr aktuell gelesen wurden. "Natürlich waren die Bilder in der Zeit des Corona-Lockdowns prädestiniert dafür", erzählt der Leipziger Maler, "wie die Leute sich zurückziehen in ihre Behausungen und die Straßen wie leergefegt sind. Aber es soll etwas sein, was auch in 100 Jahren noch für jemanden interessant ist, oder das sich durch seine Losgelöstheit dem entzieht."

Dass Gewissheiten schwinden, lässt sich auch aus Titus Schades Malerei entnehmen. Vor allem aber wir sichtbar, dass es möglich ist, ohne die dunklen Seiten zu verleugnen, diese Welt dennoch stabil und irgendwie doch schön ins Bild zu setzen – und das trotz der Unkenrufe des Kunstbetriebs sogar als Malerei.

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | artour - das Kulturmagazin von MDR KULTUR | 02. Dezember 2021 | 22:05 Uhr