Ausstellung "Myopia Magna" Abstrakte Kunst über Kurzsichtigkeit in Leipziger Spinnerei

Tobias Lehner hat sich weltweit einen Namen gemacht. Jetzt zeigt der Maler der Neuen Leipziger Schule und Schüler von Sighard Gille großformatige und farbenkräftige Bilder in der Galerie Kleindienst auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei. Sein Thema: Die Volkskrankheit Kurzsichtigkeit.

Tobias Lehner - magma, 2021 190x300cm, Acryl & Lack auf Leinwand
Tobias Lehner - magma, 2021 190x300cm, Acryl & Lack auf Leinwand Bildrechte: Tobias Lehner

"Myopia magna" – große oder auch hohe Kurzsichtigkeit – heißt Tobias Lehners neue Ausstellung in der Leipziger Galerie Kleindienst. Starke Kurzsichtigkeit ist schlecht bei Bildern, die auf Fernwirkung angelegt sind, wie bei Lehners Großformaten in Mischtechnik.

Jeder vierte Mensch ist kurzsichtig

Öl, Acryl- oder auch Lackfarbe malt, spachtelt, rakelt oder sprayt der Maler in vielen feinen Schichten übereinander, nimmt weg, trägt neue Farbschleier auf, die manchmal so dünn sind, dass sie verlaufen – was Tobias Lehner im fertigen Bild zulässt.

Blick in die Ausstellung "Myopia Magna" in der Leipziger Galerie Kleindienst
Blick in die Ausstellung "Myopia Magna" in der Leipziger Galerie Kleindienst Bildrechte: Tobias Lehner

Wer die Welt indessen durch Schleier sieht, wie die Kurzsichtigen dieser Welt – immerhin rund ein Viertel der Weltbevölkerung – der abstrahiert wenn auch ungewollt; sieht vieles, aber auch vieles nicht und kann umso mehr hineindeuten. So auch in Tobias Lehners abstrakte Bilder, wobei "Myopia magna" nicht umsonst als Krankheit, als Zivilisationskrankheit, gilt.

Leben auf kurze Sicht auch in der Pandemie

"Mit großer Kurzsichtigkeit müssen wir alle durchs Leben", sagt Tobias Lehner. "Wir wissen nicht, was in vier Wochen ist, was in sechs Wochen ist, durch die Pandemie. Das hat sich so ein bisschen in die Bilder eingeschlichen in den letzten Monaten, als ich für die Ausstellung gearbeitet habe."

Auf jenen Gemälden, mit denen Tobias Lehner in den Nullerjahren bekannt wurde, als abstrahierender Protagonist der eigentlich gegenständlich agierenden Neuen Leipziger Schule, zeigt sich oft Geometrie, mit ihren Mustern, Pattern oder Schemen, die als unverwüstliche, gar göttliche, Struktur unserem Universum zugrunde liegt, wie mancher glaubt.

Knallige Farben stehen hier nicht für Freude

In Lehners Bildern diffundieren über jenen Strukturen Gase, Nebel und Flüssigkeiten – farbkräftig, in neueren Bildern gar mit starkem Anteil von Neonfarben: Pink oder Orange verschmelzen zu Neuem, erzeugen regelrechte Farbexplosionen.

Tobias Lehner - interlude I, II, 2021 jeweils 160x135cm, Acryl & Lack auf Leinwand
Tobias Lehner - interlude I, II, 2021 jeweils 160x135cm, Acryl & Lack auf Leinwand Bildrechte: Tobias Lehner

... dieses Aggressive, das die Farben haben, das ist auch so ein bisschen gesellschaftliches Phänomen.

Tobias Lehner, Künstler

Die Sicht auf den vertrauensspenden Urgrund ist eingeschränkt, so auch in seinem aktuellen Bild "Interlude – Zwischenspiel" von 2021, mit dem, in einem eigenen Raum präsentiert, die Ausstellung wirbt. "Durch viel kräftige Farbe muss man ja nicht unbedingt etwas Freudiges ausstrahlen, sondern es kann ja auch etwas Tiefgründiges oder Mitreißendes sein", so der Künstler. "Diese knalligen, kräftigen Farben, das sind chemische Neuentwicklungen. Ich bin kein Fan davon, aber dieses Aggressive, das die Farben haben, das ist auch so ein bisschen gesellschaftliches Phänomen."

Tobias Lehner ist weltweit gefragt

Die Anerkennung von Sammlern und Museen hat Tobias Lehner, geboren 1974 in Regensburg, schon lange. Mit Einzelausstellungen war er bereits international präsent, von London über Paris bis Südkorea und Hongkong. In vielen privaten Sammlungen, ob Olbricht oder Essl, sind die Bilder des Meisterschülers von Sighard Gille vertreten – und sogar das Leipziger Museum der bildenden Künste, mit seinem begrenzten Etat, kaufte vor längerer Zeit ein Gemälde an.

Tobias Lehner - free fall I, II, 2021 jeweils 180x150cm, Acryl & Lack auf Leinwand
Tobias Lehner - free fall I, II, 2021 jeweils 180x150cm, Acryl & Lack auf Leinwand Bildrechte: Tobias Lehner

Verschiedene Galerien handeln zudem seine Bilder. In den neuesten, die die Galerie Kleindienst ausstellt, haben sich Lehners Farbnebel indessen geschlossen; in einigen Fällen ist aus ihnen gar die Farbe gewichen; sie erscheinen schwarz-weiß, grau. Die vertrauensspende Geometrie ist verschwunden; die Akteure, das Publikum, können nur auf Sicht agieren, die eingeschränkt ist.

Tobias Lehner ist malerisch in einer neuen Phase: "Mittlerweile denke ich mir: 'Nee, ich muss wieder zurück. Ich muss einfacher werden und es muss trotzdem funktionieren.' Es hätte vor Jahren nicht geklappt, es wäre nicht möglich gewesen, aber mittlerweile glaube ich, dass ich diese Schritte jetzt machen kann, in diese Richtung zu gehen: Geometrie raus, völlig freie Malerei und drauf loslegen. Es macht mir auch aktuell unglaublichen Spaß." Es ist eben nicht nur Drama, sondern auch Spaß in Lehners Nebeln.

Informationen zur Ausstellung:

"Myopia magna" von Tobias Lehner
bis zum 5. Februar 2022

Adresse:
Galerie Kleindienst
Spinnereistraße 7
04179 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag, 13 bis 18 Uhr
Samstag, 11 bis 15 Uhr
Sonntag und Montag geschlossen

Bitte informieren Sie sich vorab über die aktuellen Corona-Regeln.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Januar 2022 | 08:40 Uhr

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