Staatliche Kunstsammlungen "Träume von Freiheit": Russische und deutsche Romantik im Albertinum Dresden

Als die Ausstellung "Träume von Freiheit" über die Kunst der Romantik in Moskau zu sehen war, wurde sie auch als Kritik am zunehmend autoritären Regierungsstil verstanden. Jetzt sind die Werke der russischen und deutschen Romantiker im Dresdner Albertinum zu sehen – und zeigen die Verbindung der Kunst zu Religion und Politik in der damaligen Zeit.

Ausstellung 4 min
Bildrechte: SKD/David Pinzer

Sergey Fofanov von der Moskauer Tretjakow-Galerie steht vor einer schwarzen Wand mit weißen Linien des Ausstellungsgrundrisses, entworfen vom Star-Architekten Daniel Libeskind. Keilförmige Kojen und Gänge bilden Themenräume, wie "Religion", "Heimat", "Nachtlandschaften", "Freiheit" oder die "Unmöglichkeit der Freiheit". Das schwarze T-Shirt des russischen Kunsthistorikers trägt demonstrativ die Botschaft: "Мечты о свободе" – "Träumen von Freiheit". So war die Ausstellung auch in Moskau überschrieben.

Alexej Wenezianow, Bei der Ernte. Sommer, Mitte 1820er Jahre Öl auf Leinwand, 60,6 × 49 cm
Maxim Worobjow, Vom Blitz gespaltene Eiche (Unwetter), 1842, Öl auf Leinwand, 100,5 × 131 cm Bildrechte: Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Der größte Erfolg sei, dass dieses Ausstellungsprojekt trotz wachsender Divergenzen zwischen Russland und Deutschland realisiert werden konnte, sagt Museumsdirektorin Hilke Wagner: "Ja, Träume von Freiheit, auch sehr mutig von unseren russischen Kollegen, es wurde auch in Russland sehr wohl verstanden. Und es gab sehr deutlich auch Bereiche, die genau das angesprochen haben, auch die Bestrebungen nach Freiheit gegen Zensur im 19. Jahrhundert zum Beispiel."

Romantik als Kunststil zwischen den Revolutionen

Eine Zeittafel im Entré der Ausstellung umreißt den Zeitraum der Romantik als einen Kunststil zwischen epochalen Revolutionen. 1789 in Frankreich und 1848/49 in den deutschen Ländern. In Russland waren es Ereignisse wie der niedergeschlagene Dekabristenaufstand von 1825, an denen sich Künstler abgearbeitet haben.

Caspar David Friedrich, Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, 1819/20 Öl auf Leinwand, 33 x 44,5 cm
Caspar David Friedrich, Zwei Männer in Betrachtung des Mondes, 1819/20
Öl auf Leinwand, 33 x 44,5 cm
Bildrechte: Albertinum | Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut

Die verwinkelten Räume lassen spüren, dass Freiheit nicht auf geradem Wege zu haben ist. Napoleons Stiefel, die er wahrscheinlich bei seinem Russlandfeldzug trug, oder Theodor Körners Kriegstagebuch illustrieren die Brüche jener Zeit zusätzlich. Bilder wie Friedrichs "Zwei Männer in Betrachtung des Mondes" ließen sich politisch interpretieren, sagt Ausstellungskurator Holger Birkholz. Entstanden sei es 1819/20 als Reaktion auf den Wiener Kongress.

"Da kommen religiöse Themen mit politischen Themen zusammen, es geht um Christussymbolik, es geht um Erlösung, aber eben auch um den Kampf um Freiheit und demokratische Ideale, wie sie in den beiden Männern, den Hauptfiguren vorgeführt werden, die diese altdeutsche Tracht tragen, die für diesen Kampf um Freiheit steht", erklärt Hilke Wagner.

Ausstellung
Rote Linien ziehen sich durch die Ausstellung Bildrechte: SKD/David Pinzer

Zu sehen ist das relativ kleine Bild an zentraler Stelle zwischen den Räumen der drei weiteren Hauptprotagonisten. Die sind dem Dresdner Maler und Arzt Carl Gustav Carus sowie den russischen Malern Alexander Iwanow und Alexej Wenezianow gewidmet. Rot gehaltene Blickachsen und Linien symbolisieren die engen Beziehungen zwischen Russland und dem Königreich Sachsen im 19. Jahrhundert.

Dresden lag auf dem Weg nach Italien

Gemälde mit Baum und Blitz: Maxim Worobjow, Vom Blitz gespaltene Eiche (Unwetter), 1842 Öl auf Leinwand, 100,5 × 131 cm
Alexej Wenezianow, Bei der Ernte. Sommer, Mitte 1820er-Jahre, Öl auf Leinwand, 60,6 × 49 cm Bildrechte: Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau

Viele Künstler aus Russland hätten auf dem Weg nach Italien hier in Dresden Halt gemacht, meint Wagner: "Man hat hier die Sixtinische Madonna besucht, und nicht wenige Künstler wiederum aus Sachsen, aus Dresden, haben den Weg genommen ins Baltikum und von da weiter nach St. Petersburg, zum Beispiel die Brüder Kügelgen oder Carl Christian Vogel von Vogelstein sind auf diesem Weg nach Russland gereist."

Wie Friedrich oder Carus immer wieder die Stadt verließen, um Erfüllung in der Natur zu finden, zog es auch Alexej Wenezianow von St. Petersburg aufs Land. Er kaufte ein Gut und richtete dort eine Malschule für einfache Leute ein. Sein "Sommer,лето," gehört zu den Ikonen russischer Malerei. Vor einem Weizenfeld sitzt eine junge Bäuerin, die ihr Kind hält. Die Sichel liegt daneben. Mit diesem Marienmotiv und auch seinen Porträts heiligt Wenezianow das einfache Volk, eine Weltsicht, die Schule machte.

Mit zeitgenössischen Interventionen

Die Ausstellung berührt nicht nur wegen des unmittelbaren Vergleichs russischer und deutscher Romantik. Die keilartige Architektur bietet auch Platz für zeitgenössische Interventionen. Wie das Video "Wasserfall" von Jaan Tomik. Es ist still und in dem Moment, wo er langsam den Mund öffnet, hört man das Geräusch des Wasserfalls. Es ist das Thema der Innenwelten, der Verbundenheit von Mensch und Natur einerseits und der Diskrepanz zwischen Mensch und Natur, das auch hier thematisiert wird.

Im Raum "Religion" der vielen romantischen Engel und Heiligenscheine besticht ein lebensgroßes Farbfoto von Boris Michailow. Es zeigt eine Männerbrust mit dem Tattoo der Sixtinischen Madonna. 

Angaben zur Ausstellung "Träume von Freiheit – Romantik in Russland und Deutschland"
2. Oktober 2021 bis 6. Februar 2022
Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2021 | 13:10 Uhr