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Bundeskanzlerin Angela Merkel kam am 9. September zur Eröffnung der Vermeer-Ausstellung. Bildrechte: dpa

Ausstellung

Weltpremiere in Dresden: Vermeers "Brieflesendes Mädchen" wieder im Originalzustand

von Birgit Fritz, MDR KULTUR

Stand: 22. September 2021, 20:00 Uhr

Johannes Vermeers berühmtes "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" hatte lange Zeit ein Geheimnis: Nun wurde an der leeren Wand ein übermalter Liebesgott freigelegt. Die weltweit einmalige Ausstellung "Johannes Vermeer. Vom Innehalten" im Dresdner Zwinger der Staatlichen Kunstsammlungen versammelt dieses und zehn weitere Gemälde von Vermeer – die nur 35 Bilder des Malers sind über die ganze Welt verteilt. Zur Eröffnung in Dresden kamen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte.

Johannes Vermeers Gemälde "Brieflesende Mädchen am offenen Fenster" gibt es vom 10. September 2021 bis zum 2. Januar 2022 in Dresden in einer aufwendig restaurierten Version zu sehen. Nun erscheint ein vor Jahrhunderten übermalter Cupido dort, wo Betrachterinnen und Betrachter des Bildes bislang nur eine große leere Wand gesehen haben.

Sorgfältig wurde die den Cupido verdeckende Schicht abgetragen. Bildrechte: Wolfgang Kreische

Insgesamt zehn Bilder Vermeers können in der Ausstellung "Johannes Vermeer. Vom Innehalten" im Zwinger betrachtet werden, auch dank großzügiger Leihgeber. Die Kunstwerke sind nicht etwa aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. Vielmehr wird das Publikum durch einen Parcours geschickt, dessen Stationen sich jeweils einem Thema widmen, das für Vermeer ebenso bedeutsam war, wie auch für andere Maler seiner Zeit.

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Vermeers Frauen – eine Betrachtung

Höhepunkt der Dresdner Ausstellung

Als Höhepunkt der Ausstellung und Finale wird das zum Dresdner Bestand gehörende "Brieflesende Mädchen am offenen Fenster" regelrecht zelebriert.

Nach dem von einer internationalen Expertenkommission begleiteten mehrjährigen Restaurierungsprozess ist es nun wieder so zu sehen, wie es wahrscheinlich das Atelier des 26-jährigen Malers verlassen hat: mit einer Bild-im-Bild-Darstellung, die den Kopf des schönen Mädchens hinterfängt und einen Liebesgott zeigt.

Johannes Vermeers "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster", (1657-59) – hier in der restaurierten Version Bildrechte: Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Wolfgang Kreische

Vermeers "Brieflesendes Mädchen" neu gesehen

Dass sich ein Hauptwerk einer bedeutenden Galerie in kurzer Zeit so verändert, ist ein seltener Vorgang. Aus der Ikone sei ein neues Bild geworden, sagt Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen. Das werde nun einen neuen ikonischen Status gewinnen.

Das Gedächtnis des alten Bildes wird trotzdem kulturgeschichtlich überliefert bleiben. Es gibt kaum ein Werk, was so stark rezipiert worden ist – auch in der Moderne.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen

Auf dem Bild ist jetzt viel los. Wo vorher die leere, einfarbige Wand hinter dem Mädchen Spekulationen über ihr Briefgeheimnis und ihren Gemütszustand geradezu herausforderte, sendet jetzt das große, dunkel gerahmte Bild mit dem Cupido eine moralische Botschaft. Stephan Koja, Kurator der Dresdner Vermeer-Ausstellung beschreibt sie so: "Es ist nicht die überwältigende Macht des Amor, das Begehren. Es geht um das Wesen wahrer Liebe – Liebe, die keine Verstellung kennt, keine Falschheit, die nicht lügt. So tritt dieser Cupido mit seinem Fuß auf die Masken der Verstellung, besiegt Lug und Trug!"

Camera obscura genutzt?

Vermeer konnte einzigartig die Lichtstimmung einfangen – wie im Bild "Frau mit der Waage". Bildrechte: National Gallery of Art, Widener Collection

Die immer wieder aufgeworfene Frage, ob und in welchem Maße Vermeer für seine Lichteffekte und gewollt unscharfen Umrisse technisch-optische Hilfsmittel wie die Camera obscura verwendet hat, ist für den Kurator Stephan Koja zweitrangig. Natürlich war er mit allen optischen Errungenschaften der Zeit vertraut, erläutert Koja, er wusste, wie eine Camera obscura mit ihrer Linse das Licht bricht. Das kann man beispielsweise bei der Streuung auf metallischen Oberflächen sehen, die Vermeer als diffuse Lichteinwirkung ohne Kontur darstellt, so Koja.

"Es ist also nicht so, dass er die Camera obscura gebraucht hat, um seine Bilder zu komponieren – aber dass er diese Wirkungen genutzt hat, um sie in seinen eigenen Bildern anzuwenden."
Stephan Koja, Kurator

Dresden hat die meisten Cupido-Bilder von Vermeer

Auch auf Vermeers "Stehende Virginalspielerin" (um 1670-72) ist ein Liebesgott im Hintergrund zu sehen Bildrechte: National Gallery of Art, Widener Collection

Der Cupido hinter der Briefleserin wurde übermalt, als das Bild als Zugabe eines erfolgreichen Handels 1742 nach Dresden kam. Das Gemälde erreichte die Stadt als Rembrandt! Vermeer als Malerpersönlichkeit war damals schon vergessen und wurde erst später wiederentdeckt.

Wer sich nicht scheut, in Geheimnisse einzudringen, kann in Dresden staunend die 3-D-Digitalisierung der Briefleserin in einem 35-Milliarden-Pixel-Scan verfolgen. Das Auge taucht dabei in eine Welt kleinster, emaillehaft aufgetragener Farbpunkte ein.

Vermeer war – wie seine Zeitgenossen – mit der barocken Sprache der Symbole und Embleme vertraut. Fast alle seine Bilder funktionieren auch auf einer solch allegorischen Ebene. So hat es der Cupido auf vier seiner Bilder geschafft – drei davon hängen derzeit in Dresden.

Kein einsames Genie

Vermeer war genauso wenig wie Rembrandt oder Rubens das einsame Genie, als das man ihn im 19. Jahrhundert gesehen hat, sagt Kuratorin Uta Neidhardt. An seinem Lebensort Delft war er umgeben von Künstlern.

Da er zweimal der Lukasgilde vorstand, jeweils für zwei Jahre, kann man davon ausgehen, dass er alle Delfter Künstler von Rang und Namen kannte und dass er mit denen im engen künstlerischen Austausch war.

Kuratorin Uta Neidhardt über Jan Vermeer

Diese Häuseransicht in Delft hat Vermeer um 1658 gemalt Bildrechte: National Gallery of Art, Widener Collection

Seine Künstlerbekanntschaften hatten Stilmittel, die man auch bei Vermeer findet. So war er beispielsweise mit Gerard ter Borch bekannt, der seine kostbar gekleideten Frauen frei in den Raum stellt.

Auch die anderen Genremaler adeln häusliche Alltagsszenen, beherrschen Perspektive und Spiegelungen. Sie holen das weiche Licht durch Fenster und Türen und benutzten eine Palette fein abgestimmter Farben.

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Die Sphinx von Delft - der Maler Johannes Vermeer | Stephan Koja im Gespräch mit Birgit Fritz

Vermeer sticht heraus

Die Wand hinter Vermeers "Brieflesenden Mädchen" schien leer zu sein Bildrechte: dpa

Aber Vermeer lässt sie alle hinter sich, verbannt alles Erzählerisch-Anekdotische aus seinen Bildern, entfernt sich immer weiter von den Konventionen des Genres.

Stephan Koja, Direktor der Dresdner Galerie Alte Meister, bemerkt: "Vermeer arbeitet sehr langsam, sehr sorgfältig. Er ringt um seine Kompositionen, verändert auch, wie man an vielen Stellen sehen kann, durch Übermalung. Das erklärt auch ein bisschen, warum man von keiner Werkstatt weiß. Denn das ist eine sehr persönliche Malerei, ein Perfektionismus, dem andere nur schwer folgen können. Das ist eine Malerei, die in großer Ruhe entstehen muss."

Die AusstellungJohannes Vermeer. Vom Innehalten

Ausstellung im Dresdner Zwinger
10. September 2021 bis 2. Januar 2022

Öffnungszeiten
Dienstag bis Donnerstag, Samstag, Sonntag 10 bis 18 Uhr
Freitag 10 bis 20 Uhr
Montag geschlossen

Eintrittspreise:
regulär 12 Euro, ermäßigt 9 Euro
Personen unter 17 Jahren haben freien Eintritt

Aufgrund der Corona-Einschränkungen wurde die Ausstellung schon zweimal verschoben, der Zugang ist jetzt auf 60 Besucher pro Stunde limitiert – bei erweiterten Öffnungszeiten.
Karten gibt es nur online und im Vorverkauf.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2021 | 08:10 Uhr