"Stillleben mit Äpfeln, Kürbis und Flasche" Görlitzer Museum zeigt wiederentdecktes Gemälde von Bernhard Kretzschmar

Seit Kriegsende war es verschollen, nun ist das "Stillleben mit Äpfeln, Kürbis und Flasche" wieder im Kulturhistorischen Museum Görlitz zu sehen. Das frühexpressionistische Werk des in Döbeln geborenen Malers Bernhard Kretzschmar war von den Nazis als "entartet" beschlagnahmt worden. Nach dem Krieg lehrte Kretzschmar an der Dresdner Kunsthochschule, A.R. Penck war einer seiner Schüler. Mit Unterstützung der Sächsischen Landesstelle für Museumswesen kehrte sein Stillleben aus dem Jahe 1917 nach Görlitz zurück.

Nach 76 Jahren ist das "Stillleben mit Äpfeln, Kürbis und Flasche" des Dresdner Malers Bernhard Kretzschmar (1889-1972) wieder im Kulturhistorischen Museum Görlitz zu sehen. Es werde sich wunderbar in die Sammlung der Moderne einfügen, erklärte Leiter Jasper von Richthofen am Mittwoch im Gespräch mit MDR KULTUR.

Kriegsbedingt ausgelagert und seit 1945 verschollen

Das 1917 geschaffene Werk sei wie viele andere Schätze in den 1940er-Jahren kriegsbedingt auf Schlösser in der näheren Umgebung westlich und östlich der Neiße ausgelagert worden. Die Spur des Bildes verliere sich 1945 und lasse sich kaum rekonstruieren. Erst 2019 habe es sich im Kunsthandel über ein polnisches Auktionshaus wiederangefunden. Vermittelt durch die Sächsische Landesstelle für Museumswesen sei es mit finanzieller Unterstützung des Freistaates zurückerworben worden.

Stillleben mit Äpfeln, Kürbis und Flasche des Dresdner Malers Bernhard Kretzschmar
Stillleben mit Äpfeln, Kürbis und Flasche des Malers Bernhard Kretzschmar aus dem Jahr 1917 Bildrechte: Kulturhistorisches Museum Görlitz/Kai Wenzel/VG Bild-Kunst Bonn

Glückssache und aktive Suche

Bei der Suche nach verschollenen Kunstwerken brauche es Glück, zugleich fahndeten Museumsleute aktiv und stöberten so auch in Auktionskatalogen, betont von Richthofen. Vermisste Werke der Görlitzer Sammlungen seien darüber hinaus in der Lost Art-Datenbank beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg eingetragen, was "ein großes Verkaufshemmnis" darstelle. Marktübliche Preise könne ein Museum freilich nicht zahlen.

Im übrigen gleiche kein Fall dem anderen. Teilweise meldeten sich Besitzer beim Museum. Nicht immer komme man zu einer Lösung, wie im Falle eines Gemäldes des berühmten Hofmalers Anton Graff. Im Falle des Stilllebens von Kretzschmar sei kein Rückkauf im eigentlichen Sinne erfolgt, sondern eine sogenannte "Aufbewahrungsentschädigung" geleistet worden, so von Richthofen.

Bernhard Kretzschmar: von den Nazis verfemt, später Lehrer von A.R. Penck

Der aus Döbeln stammende Kretzschmar studierte unter anderem an der Dresdner Kunstakademie, war Meisterschüler bei Carl Bantzer und Gründungsmitglied der "Gruppe 17", der auch der Expressionist Conrad Felixmüller angehörte. Unter den Nazis wurden Kretzschmars Arbeiten als "entartet" beschlagnahmt, bei der Bombardierung der Elbestadt im Februar 1945 viele seiner Werke zerstört. 1946 wurde der Maler zum Titular-Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ernannt, wo A.R. Penck später einer seiner Schüler war. 1959 erhielt er den Nationalpreis der DDR. Ab 1969 war Kretzschmar Mitglied der Deutschen Akademie der Künste. 1972 starb er in Dresden.

Neue Perspektiven für Provenienzforschung

Von Richthofen vermutet, dass noch einige Kunstwerke aus den Görlitzer Sammlungen möglicherweise unerkannt in polnische Museen gelangt seien. Es gehe darum, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen dort danach zu forschen. Im virtuellen Zeitalter ließen sich historische Sammlungen auf eine ganz andere Art wieder zusammenfügen.

Umgekehrt bemühten sich die Görlitzer Sammlungen um die Erforschung von Objekten unklarer Provenienz in den eigenen Beständen, erklärt von Richthofen mit Blick auf die rund 115 Objekte, die als NS-Raubkunst identifiziert wurden. Davon seien jedoch nur noch neun im Bestand des Museums, der Rest gelte als kriegsbedingt verschollen. Erst im Mai wurden Steingläser des jüdischen Sammlers Wilhelm Perlhöfter an die Nachfahren zurückgegeben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2021 | 12:10 Uhr

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