Tonnenschwere Stadtgeschichte Hitler, Wagner und das Denkmal in Leipzig: Wie mit NS-Kunst umgehen?

Als Freund der Familie ließ er sich diesen Termin nicht nehmen: Hitler persönlich kam 1934 zur Grundsteinlegung für das weltgrößte Wagner-Monument in die Geburtsstadt des Komponisten. Am Leipziger Elsterflutbecken sollte eine fußballdfeldgroße Anlage entstehen. Aus dem "Wagner-Nationaldenkmal" sollte am Ende nichts mehr werden. Nun sorgt die Idee, zwei damals dafür bestimmte Reliefs vor Ort aufzustellen für Entrüstung. Wir haben beim Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig und der Kulturdezernentin nachgefragt.

Richard Wagner 1813 - 1883 Komponist
Ein in der NS-Zeit geplantes Denkmal von Richard Wagner sorgt in Leipzig für eine Debatte um NS-Kunst Bildrechte: imago images / Heinz Gebhardt

Nach dem Erwerb von zwei Naturstein-Reliefs des Bildhauers Emil Hipp stellt sich in Leipzig die Frage, was mit der NS-Kunst passieren soll.

Zeitungsausschnitt aus den Leipziger Neueste Nachrichten und Handels-Zeitung vom 7. März 1934: Der Führer in Leipzig. Grundsteinlegung zum Richard-Wagner-Denkmal Mit Sonderpostkarten und -stempeln und großen Zeitungsartikeln wurde die Grundsteinlegung für das Wagner-Denkmal am 6. März 1934 zu einer nationalen Feier stilisiert. Bei dieser Gelegenheit erklärte Adolf Hitler das Denkmal zum "Richard-Wagner-Nationaldenkmal des Deutschen Volkes".
Bekennender Wagnerianer und Freund der Familie: Hitler bei der Grundsteinlegung 1934 in Leipzig Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Die Reliefs waren für das sogenannte "Richard Wagner Nationaldenkmal des Deutschen Volkes" gedacht, für das Adolf Hitler höchstpersönlich im März 1934 den Grundstein legte. "Der Entwurf sah einen monumentalen Natursteinblock vor, dessen Seiten mit Reliefs geschmückt waren", wie die Kunsthistorikerin Marie-Louise Monrad Møller im "monopol-magazin" schreibt. Das Denkmal wurde zwar nie zu Ende aufgebaut, doch zum Stadtbild von Leipzig gehört immer noch der Richard-Wagner-Hain, auf dessen Gelände das Denkmal nach Hitlers Willen hätte stehen sollen.

Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig und der Richard-Wagner-Verband gaben im Januar bekannt, zwei der für das Denkmal von Emil Hipp gebauten Reliefs erworben zu haben. Gestritten wird nun, wie 87 Jahre nach der Grundsteinlegung ein kritischer Umgang mit diesem Teil der Stadtgeschichte gelingen kann.

Kunsthistorikerin kritisiert Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Richard Wagner-Hain in Leipzig
Richard-Wagner-Hain in Leipzig heute Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Noch im Januar heißt es in einer Mitteilung des Stadtgeschichtlichen Museums, dass der Richard-Wagner-Verband "das größere Relief (…) der Stadt für eine künftige Neugestaltung des Geländes Richard-Wagner-Hain am Elsterflutbecken zur Verfügung stellen" will. Zur gleichen Zeit wird die Kuratorin des Stadtgeschichtlichen Museums, Kerstin Sieblist, vom Deutschlandfunk mit dem Statement zitiert, dass Emil Hipp "in dem Sinne nicht als Nazi-Künstler" gelte. Beides ruft Kritik und Widerspruch der Berliner Kunsthistorikerin Marie-Louise Monrad Møller hervor. Im Gespräch mit MDR KULTUR betont Møller: "Zu behaupten, dass Emil Hipp kein Nazi-Künstler war, sondern Klassizist, halte ich für falsch. Denn mit dieser Einschätzung bedient man das Narrativ, dass auch sehr rechts gelagerte Publizisten gerne nutzen." Emil Hipp hatte, so Monrad Møller, Reliefs für Hitlers Arbeitszimmer im sogenannten Führerbau in München geschaffen. 1936 wurde er zudem zum Professor an der Kunsthochschule in Weimar ernannt. "Das ist ein Schritt, der sicherlich mit einer gewissen Konformität zum System einhergehen musste", schätzt die Kunsthistorikerin ein.

Wettbewerbszeichnung von Emil Hipp zum Richard-Wagner-Denkmal, Postkarte 1933
Wettbewerbszeichnung von Emil Hipp zum Richard-Wagner-Denkmal, Postkarte 1933 Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Sie warnt davor, die Reliefs wieder auf dem Richard-Wagner-Hain in Leipzig zu platzieren: "Ich denke, auch wenn man sich dazu entscheidet, die Reliefs nur fragmentarisch am Richard-Wagner-Hain anzubringen, dann muss man sich darüber im Klaren sein, dass man die Kunst anbringt, die Adolf Hitler dort vorgesehen hatte; dass man also im 21. Jahrhundert NS-Kunst dort anbringt", erklärt Marie-Louise Monrad Møller. Sie befürchtet, "dass diese Reliefs zu einer Pilgerstätte für Neonazis" werden können. Dessen müsse man sich bewusst sein.

Museum: "Man kann sich Geschichte nicht aussuchen"

Anselm Hartinger, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums
Anselm Hartinger, Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Bildrechte: SGM/Mahmoud Dabdoub

Konfrontiert mit dieser Kritik ordnet das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig auf Anfrage von MDR KULTUR ein: "Emil Hipp war ohne Zweifel ein Künstler, der im Nationalsozialismus und für die Nationalsozialisten tätig war. Er hat intensiv vom Regime profitiert und ist eindeutig in die nationalsozialistische Kunstpolitik verstrickt", so der Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums, Anselm Hartinger. "Für uns als Stadtgeschichtliches Museum stehen allerdings nicht das Werk oder die stilgeschichtliche Einordnung Emil Hipps im Vordergrund", führt Hartinger weiter aus. "Wir dokumentieren in unseren Sammlungen die Stadtgeschichte in ihren großen und eben auch dunklen Momenten und für uns ist das Relief in erster Linie ein Zeugnis der von seinen Bayreuther Nachkommen und seinen eigenen antisemitischen Schriften massiv beförderten Indienstnahme Wagners für den germanisch-großdeutschen Nationalmythos und dessen Folgen."

Man könne sich die Geschichte der Stadt nicht aussuchen, sondern sie nur transparent und in aufklärerischer Absicht zur Diskussion stellen, meint der Direktor. Nur so könne man heute mit dem ambivalenten Erbe Wagners umgehen.

Richard-Wagner-Hain Leipzig: Wie umgehen mit den Hipp-Reliefs?
Bericht zur Grundsteinlegung Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Zur Frage, ob die Kunst dazu auf dem Richard-Wagner-Hain gezeigt werden müsse, heißt es, man wolle das Nachdenken über diese Fragen befördern "und ins Gedächtnis rufen, was in den 30er-Jahren im Bereich der Kunst und Kultur geschehen ist, um der Bürgerschaft zu helfen, sich eine Meinung zu bilden". Hartinger stellt schließlich klar: "Keinesfalls beabsichtigt ist irgendeine nachträgliche 'Fertigstellung'. Wir wollen nicht das Werk von Adolf Hitler vollenden, sondern einen Beitrag zur Debatte leisten, wie an diesem Ort sinnvoll an diese gewalttätige Epoche erinnert werden kann." Ohnehin müssten nun zunächst die relevanten Akteure aus Bürgerschaft, Stadt und Verwaltung in geeigneter Weise abwägen.

Kulturderzernat: "Relieffragmente dienen als Sachzeugen"

Anlieferung großer Teile des Wagner-Reliefs auf dem KULTUR-GUT Ermlitz
Anlieferung großer Teile des Wagner-Reliefs auf dem KULTUR-GUT Ermlitz Bildrechte: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Von Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke heißt es auf Nachfrage von MDR KULTUR, dass "einzig eine zeitgemäße Erinnerung an das gescheiterte Denkmalsprojekt im Sinne einer kritischen Annäherung an die nationalistische Indienstnahme und Überhöhung von Kultur und Kunst, namentlich Richard Wagner", am Richard-Wagner-Hain denkbar erscheine. "Eine Vollendung des 1932 begonnenen und durch die Nationalsozialisten ab 1934 vorangetriebenen Projektes eines Wagner-Nationaldenkmals durch die Stadt Leipzig ist keinesfalls das Ziel", betont auch Jennicke.

Es gebe ohnehin keinen Bedarf für ein weiteres Wagner-Denkmal. Der Erwerb der Reliefs stehe vielmehr im direkten Zusammenhang mit einem für 2022 geplanten Ausstellungsprojekt des Stadtgeschichtlichen Museums zur Musikstadt Leipzig im Nationalsozialismus.

Schau für 2022 geplant: "Musikstadt Leipzig im Nationalsozialismus"

Richard Wagner Denkmal in Leipzig
Richard-Wagner-Denkmal in Leipzig Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Bei der Schau geht es Hartinger zufolge um zentrale Fragen nach dem widerständigen Potential von Demokratie, Tradition und Kultur, aber eben auch um die Mechanismen der Gleichschaltung und Ausgrenzung unliebsamer Künstler: "In der Ausstellung wird es viele Dokumente und Klangbeispiele geben. Aber es braucht auch ein starkes Bild, um die Wucht des Kulturbruchs zu erzählen. Dabei wird uns die massive Platte mit ihrem eher rohen Bildprogramm helfen", so Hartinger. Das Relief habe inklusive Transport etwa 6.000 Euro gekostet. Man habe es nicht angeschafft, um einen Beitrag zur Wagner-Verehrung zu leisten oder Emil Hipp zu rehabilitieren.

"Das zweifellos sperrige Objekt bietet uns die Möglichkeit, diese schwierige Epoche zu dokumentieren", so Hartinger. Denn beinah zeitgleich zur Grundsteinlegung des Wagner-National-Denkmals wurde 1936 das Mendelssohn-Denkmal abgerissen – einer der großen Schmerzpunkte der Leipziger Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert. Man wolle das Relief mit kritischer Distanz behandeln und es auf keinen Fall als Gegenstand der Verehrung präsentieren. 

Bleibt die Frage: Wenn eine Aufstellung am Originalschauplatz in Frage käme, die kritisch begleitet werden will, wie könnte dies auf originäre Weise geschehen? In einem Hain, der gerade im Sommer viele, vor allem junge Menschen einlädt, die dort Picknick oder Sport machen? Vielleicht eine Gelegenheit, Kunststudierende zu involvieren und sie nach ihrem modernen Blick auf Wagners Schatten und die ambivalente Stadtgeschichte von Leipzig zu fragen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Nachmittag | 25. Februar 2021 | 16:10 Uhr

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