Woher stammen die Objekte im Museum? Wie in Waldenburg koloniale Raubkunst erforscht wird

Bekannt ist das Naturalienkabinett Waldenburg für skurrile Tierpräparate oder Mineralien. 1840 von Fürst Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg begründet, kamen über Missionare und Kolonialhändler auch Objekte aus Afrika in die Sammlung. Was sie bedeuten und wie sie in den Besitz gelangten, wird jetzt erforscht beim ersten Provenienzprojekt eines Museums im ländlichen Raum in Sachsen.

Geraubt, erpresst oder gekauft – Wie afrikanische Schätze nach Sachsen kamen 29 min
Geraubt, erpresst oder gekauft – Wie afrikanische Schätze nach Sachsen kamen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Aber das werden Sie jetzt nicht alles zurückgeben, oder?" – diese Frage begegnet Museumschefin Fanny Stoye oft, wenn sie Besucherinnen und Besucher durch das Naturalienkabinett Waldenburg führt. Die Besucher stehen dann häufig vor einer altertümlichen Vitrine mit kleinen schwarzen Tonfiguren, Messingschmuck, silbernen Münzen und Alltagsgegenständen, erzählt die Wissenschaftlerin von ihrem Projekt.

Darin lässt sie überprüfen, ob diese Dinge gewaltsam in Afrika und anderswo entwendet wurden. Stoye erklärt: "Bei manchen, wie dem Massai-Schmuck aus Messing, vermute ich eine dramatische Geschichte rund um die Niederschlagung von Aufständen. Das muss erforscht werden". Als erstes Museum im ländlichen Raum startete sie 2021 ein großes Forschungsprojekt, um die Herkunft von 150 Objekten zu klären. Unterstützt wird sie dabei vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverluste (DZK) und von einem Spezialisten, dem Provenienzforscher Lutz Mükke. 

"Ein Kabinett, das es so nicht noch einmal gibt"

Bekannt ist das Naturalienkabinett Waldenburg für skurrile Tierpräparate wie ein zweiköpiges Kalb, für Mineralien, eine Mumie, seltsame historische Geräte und vieles mehr. Inmitten der altertümlichen Schaukästen mit tausenden, dicht an dicht präsentierten Dingen erleben die Gäste, wie ein Museum früher aussah. "Es ist ein Kabinett, das es so nicht noch einmal weltweit gibt. Es ist wie eine Zeitkapsel. Sie steigen ein und fliegen 180 Jahre zurück und mit den Objekt-Geschichten eigentlich noch viel weiter", erzählt Fanny Stoye.

Das präparierte zweiköpfige Kalb gehört zu den Stücken der Kuriosa-Sammlung im 150 Jahre alten Naturalienkabinett der westsächsischen Stadt Waldenburg
Das präparierte zweiköpfige Kalb aus der Kuriosa-Sammlung des Naturalienkabinettsim westsächsischen Waldenburg. Bildrechte: dpa

Fürst Otto Victor I. von Schönburg-Waldenburg baute das Museum 1840 auf. Bereits damals unterstützte der einflussreiche sächsische Adlige ein globales Netzwerk aus Missionaren, Händlern und Kolonialisten. Bis in die 1940er-Jahre konnten die Waldenburger viele Schätze anhäufen.

Blick in die historische Sammlung im Naturalienkabinett von Museum Waldenburg. Mit Millionenaufwand wurde das Haus und die usstellung in den letzten drei Jahren auf den neuesten Stand der Technik gebracht.
Ein Blick in die historische Sammlung im Naturalienkabinett von Museum Waldenburg: altertümliche Schaukästen mit tausenden Präparaten Bildrechte: dpa

Waldenburger Erbe mit fragwürdiger Herkunft

Heute sind die Museumsleiterinnen Fanny Stoye und Sandy Nagy Erbinnen dieser Sammlung. Sie bewerten vieles neu und gehen der Herkunft ihrer Schätze auf den Grund. Dabei geht es vor allem um Alltagsgegenstände wie Münzen, Kämme, Töpfe. Bei vielen wissen sie gar nicht, was sie da vor sich haben. Manches Ding erschreckt, so wie ein länglicher Stock an der Wand. Die Beschriftung erklärt ihn als "kurioses Sammlungsobjekt, ein Walpenis".

Aber Fanny Stoye erkennt etwas anderes darin: "Das waren Peitschen, die für die Prügelstrafe in den deutschen Kolonien genutzt worden sind. Wer gegen Kolonialrecht verstieß, wurde mit Hieben auf die blanke Haut bestraft. Das steht sogar auf einem Zettel im dazugehörigen Karton aus dem Depot. Aber die Ausstellung verschweigt dieses Wissen." Noch. Das Projekt zur Provenienzforschung soll neues Wissen generieren, das auch in die Ausstellung einfließen soll.

Auftrag: Koloniale Vergangenheit aufarbeiten

Westliche Museen können die koloniale Geschichte ihrer Sammlungen nicht länger ignorieren. Die Nachfahren der afrikanischen Eigentümer sind heute in westlichen Gesellschaften präsent, sie forschen selbst, sind politisch aktiv und fordern seit Jahrzehnten ihr kulturelles Erbe zurück. Geschätzt 95 Prozent der historischen Kunstschätze Afrikas befinden sich außerhalb des Kontinents. Im Falle der überaus wertvollen und bekannten Benin-Bronzen aus dem mächtigen Königreich im heutigen Nigeria auch in Sachsen.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) besitzen über 200 aus dem Beutezug der Briten von 1897. Im Völkerkundemuseum Leipzig sind die Objekte nicht mehr zu sehen, denn es stehen Rückgaben an – wenn die Absichtserklärung der damaligen deutschen Kulturstaatsministerin Monika Grütters aus dem Jahr 2021 Wirklichkeit werden sollte: "Wir stellen uns der historischen und moralischen Verantwortung, Deutschlands koloniale Vergangenheit ans Licht zu holen und aufzuarbeiten." Anzustreben seien "größtmögliche Transparenz" und vor allem "substantielle Rückgaben", um zur Verständigung und zur Versöhnung beizutragen. Erste Rückgaben kündigte sie bereits für 2022 an.

Masken im Völkerkundemuseum Leipzig
Masken im Völkerkundemuseum Leipzig Bildrechte: MDR / Rita Kundt

Koloniale Gewalt und Rassismus sind die DNA der Völkerkundemuseen, die um 1900 entstanden.

Ohiniko Toffa Kulturwissenschaftler und Provenienzforscher

200.000 Sammlungsobjekte aus aller Welt im Besitz der SKD

Die Staatlichen Kunstsammlungen in Sachsen besitzen rund 200.000 Sammlungsobjekte aus aller Welt und thematisieren die Debatte um Herkunft und Rückgabe offen. Sowohl in der Ausstellung als auch in der wissenschaftlichen Arbeit. Im zum SKD-Verbund gehörenden Völkerkundemuseum Leipzig forscht der Kulturwissenschaftler Ohiniko Toffa zur Provenienz von 1.000 Dingen aus Togo.

Dr Toffa und Scheps-Bretschneider im Völkerkundemuseum Leipzig
Birgit Scheps-Bretschneider (links) und Ohiniko Toffa (rechts) von den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen untersuchen die Herkunft von Museumsobjekten. Bildrechte: MDR / Rita Kundt

Dabei stieß er auf Geschichten über getötete Priester und beraubte Familien. Koloniale Gewalt und Rassismus sind für Toffa die DNA der Völkerkundemuseen, die um 1900 entstanden: "Die Kolonialethik, die dazu geführt hat, solche Gegenstände zu sammeln, war rassistisch. Das Museum in der Kolonialzeit war eine Fabrik von Rassismus und Primitivismus." Und:

Das Museum der Zukunft soll entschieden gegen diesen Rassismus auftreten und ihn korrigieren.

Ohiniko Toffa Kulturwissenschaftler und Provenienzforscher

Waldenburg: 150 Objektgeschichten auf der Spur

Daran arbeitet auch Fanny Stoye in Waldenburg. Provenzienzforscher Lutz Mükke spürte 150 Objektgeschichten nach. Er berichtet, dass die meisten afrikanischen Dinge wahrscheinlich geschenkt und getauscht wurden von Missionaren, finanziert von der Fürstenfamilie von Schönburg-Waldenburg. Die Adeligen hätten auch selbst bei Reisen gesammelt oder von Händlern gekauft. Für den Messing-Schmuck der Massai kann er keine eindeutige Entwarnung wegen einer möglichen Restitutionsforderung geben: "Die von mir befragten Massai haben erzählt, dass es außergewöhnlich ist, diesen Schmuck weiterzugeben, aber dass es in Einzelfällen passiert ist. Es gab auch Verkäufe. Das schließt nicht aus, dass es Unrechts-Kontexte gegeben haben mag, aber die kann ich nicht belegen."

Sandy Nagy und Fanny Stoye
Sandy Nagy (links) und Fanny Stoye planen Audioguides und Sonderschauen im Naturalienkabinett Waldenburg. Bildrechte: MDR / Rita Kundt

Objekte werden im aktuellen Kontext und auf dem Stand der Forschung präsentiert

Für Fanny Stoye und ihre Kollegin Sandy Nagy aus dem Museum Naturalienkabinett sind diese Informationen kostbar. Sie können damit ihre Präsentation auf den aktuellen Stand der Forschung bringen: zum Beispiel über Audioguides, Sonderführungen oder -ausstellungen. Und ihre Arbeit ist noch lange nicht getan. Auch nicht-afrikanischen Objekten spürt Stoye nach. So wies sie nach, dass eine sogenannte "indianische Götzenfigur" eigentlich aus China stammt und dort während des blutigen Boxeraufstandes mitgenommen wurde. Später hat ein Matrose sie nach Waldenburg verschenkt. Also Raubkunst?

Eine Statuette aus China, die um 1900 nach Deutschland gebracht wurde. Vor einigen Jahrzehnten hat man ihr eine  völlig falsche Beschriftung verpasst, die noch auf dem Foto sehen ist.
Eine "indianische Götzenfigur", die eigentlich aus China stammt. Bildrechte: Naturalienkabinett Waldenburg / Foto: Marion Wenzel

Keine Angst vor Rückgaben

Für ein weiteres Objekt aus ihrer Ausstellung erwartet Stoye eine Anfrage wegen einer Rückgabe, eine Schamanen-Trommel, die von den Sami aus Nordeuropa stammt: "Diese Trommeln sind wichtige Kultobjekte und befinden sich heute fast nur noch in Sammlungen außerhalb des samischen Zugriffs. Das ist ein Problem für deren Kultur und Geschichte." Eine solche Trommel wird wohl demnächst aus einem Museum in Meiningen zurückgegeben, dort wird dann eine Kopie zu sehen sein. Dass es in Waldenburg ein ähnliches wertvolles Instrument gibt, hat Stoye selbst im Internet veröffentlicht. Sie freut sich darüber, dass ihr Naturalienkabinett weltweit gesehen wird:

Das ist am Ende das, was wir wollen: mit einer anderen Kultur auf Augenhöhe ins Gespräch kommen.

Fanny Stoye Museumsleiterin Naturalienkabinett Waldenburg

Auch vor einer Rückgabe fürchtet sich Fanny Stoye nicht, schließlich gewinnen alle Beteiligten Einblicke und wertvolle Netzwerke, während das Objekt dahin zurückgeht, "wo es natürlich in einer anderen, viel größeren Dimension verstanden und letzten Endes auch wertgeschätzt wird."

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | "Echt" | 25. Mai 2022 | 21:15 Uhr

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