Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Ulrike Lorenz will mehr Gespräche gegen die Spaltung der Gesellscahft. Bildrechte: dpa

GeschichtsrevisionismusWeimarer Erklärung: Museen solidarisieren sich nach rechten Anfeindungen

Stand: 25. Januar 2022, 21:06 Uhr

In einer gemeinsamen Erklärung haben sich Weimarer Kulturinstitutionen solidarisch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Gedenkstätte Buchenwald gezeigt. Weil für den Besuch der Erinnerungsstätte die 2G-Regeln eingeführt wurden, erhielten sie zahlreiche Hassnachrichten, die sie als Nazis bezeichneten. Im Interview mit MDR KULTUR erklärt die Präsidentin der Klassik Stiftung und Unterzeichnerin der Erklärung, Ulrike Lorenz, was sie damit bewegen wollen.

MDR KULTUR: Warum braucht es gerade jetzt diese gemeinsame Erklärung für ein solidarisches Miteinander in Weimar?

Ulrike Lorenz: Es gibt tatsächlich Anlass zur Sorge: Die Kolleginnen und Kollegen in der Stiftung Gedenkstätte Buchenwald, aber auch unser Oberbürgermeister in Weimar sind das Ziel von unakzeptablen, verbalen Entgleisungen und Kampfansagen geworden. Wir haben in der Pressekonferenz Berichte aus dem Alltag gehört, die einen schockiert zurücklassen.

Nach Einführung der 2G-Regeln erlebt die Stiftung Gedenkstätte Buchenwald massive Anfeindungen. Bildrechte: dpa

So haben sich die großen Institutionen für Kultur und Bildung in Weimar zusammengefunden: Wir wollen und dürfen nicht länger schweigen, selbst wenn wir selbst nicht im Zentrum von Angriffen stehen. Da gab es auf beispielhafte Weise einen raschen und konensbereiten Abstimmungsprozess, obwohl wir durchaus unterschiedliche Perspektiven verkörpern. Aber wir wollten ein gemeinsames Zeichen gegen die Spaltung der Gesellschaft setzen.

Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, berichtete von hunderten Hassmails, die die Institution nach der Einführung der 2G-Regel erreicht hätten. Darin seien die Mitarbeitenden als die neuen Nazis und Dr. Mengeles verunglimpft worden. Während vor einigen Jahren diese Art von Geschichtsrevisionismus noch undenkbar gewesen wäre, wird er seit einiger Zeit gerade in der Querdenken-Szene besonders virulent.

Es geht tatsächlich um Geschichtsrevisionismus, um Rechtsextremismus, aber auch um Wissenschaftsfeindlichkeit. Darum geht es den Trittbrettfahrern, die den scheinheiligen Begriff Spaziergang ausnutzen. Aber es war uns mit dieser Erklärung auch wichtig, zu differenzieren: Unter diesen Spaziergängern sind eben auch Bürgerinnen und Bürger, die ein diffuses Unbehagen in einer schwierigen Situation umtreibt und die sich von etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Denen wollen wir zurufen und sie auch bitten: Lassen Sie sich nicht von politisch brachialen Akteuren ausnutzen! Schauen Sie genau hin, informieren und orientieren Sie sich! Da haben die großen Institutionen ihre Aufgabe und Verantwortung. Wir haben eine Kompassfunktion in dieser Gesellschaft und das wollten wir mit diesem Schulterschluss zeigen.

Mir geht es auch darum, den Worten Taten folgen zu lassen. Es ist wichtig, dass eine stille Mitte, wie Bundespräsident Steinmeier sagt, selbstbewusster und eben auch lauter wird. Die Klassik Stiftung Weimar wird in diesem Jahr in der Stadtmitte einen weiteren Ort aufmachen und ohne großes Programm einfach zum Reden einladen.

Wissen Sie, ob von den Führungskräften der Kultureinrichtungen, die die Weimarer Erklärung für ein solidarisches Miteinander unterzeichnet haben, einige mal zu den sogenannten Spaziergängen gegangen sind, um ins Gespräch zu kommen?

Nein, ich kenne niemanden, der das gemacht hat. Das ist sicher ein ganz wichtiger Hinweis, dass wir das nicht nur wahrnehmen, sondern uns auch einmischen und andere Meinungen kundtun.

Haben Sie eigentlich die Hoffnung, dass diese Weimarer Erklärung auch diejenigen zum Nachdenken bringt, die mit den sogenannten Querdenkern spazieren.

Auch in Weimar kommen immer mehr Menschen zusammen, um gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Wir wissen, dass das wissenschaftsfeindliche Querdenkertum in die Mitte der Gesellschaft hineindiffundiert. Dort gibt es eine Menge Menschen, die eben auch kippeln und abdriften. Ich glaube, dass wir sehr stark um diese Menschen ringen müssen, sie überzeugen müssen – auch mit unserer Öffnung, mit Erklärungsangeboten und mit Gesprächen.

Es wird immer wieder darüber nachgedacht, ob wir diesen Protesten nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken und ob ein höfliches Ignorieren nicht vielleicht die angemessenere Methode wäre, weil diesen Leute der Skandal ja gefällt.

Das ist das Dilemma, in dem wir uns alle finden. Es gibt eine Eskalationsspirale der gesellschaftlichen und politischen Kommunikation, die demokratische Streitkultur oft in einen verbalen Grabenkrieg verwandelt. Wir können dem nicht ganz entgehen, weil die Medien nun mal aus ihrer eigenen Logik heraus Berichte oft in diese Richtung lenken, um ihrerseits Aufmerksamkeit zu erregen. Aber man sollte da sehr vorsichtig und differenzierend umgehen. Auch dafür wirbt unsere Weimarer Erklärung für ein solidarisches Miteinander, weil wir dort Formulierung gefunden haben, wo wir gerade versuchen, diese Spirale nicht weiterzutreiben, sondern zu deeskalieren und auf Vermittlung zu setzen.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. Januar 2022 | 17:10 Uhr