"Rendez-Vous mit der Geschichte" Von Jeanne D'Arc bis Thälmann: Weimarer Festival hinterfragt Helden der Geschichte

Von Robin Hood über Jeanne D'Arc bis zu Sophie Scholl, unsere Geschichtsschreibung ist voll von Heldinnen und Helden. Wieso fokussieren wir uns derart auf Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben? Und wie gehen wir eigentlich mit "gefallenen Helden" um, also mit Personen, deren Leistungen heute vielleicht anders bewertet oder wahrgenommen werden? Diese Fragen stellt das Weimarer Festival "Rendez-Vous mit der Geschichte" und lädt vom 11. bis zum 15. November zu Podien, Lesungen, Konzerten und Stadtführungen ein.

Denkmal für Ernst Thälmann vom Dresdner Bildhauer Walter Arnold
Das Ernst-Thälmann-Denkmal in Weimar Bildrechte: dpa

Etwas unterhalb des Weimarer Hauptbahnhofs steht eine überlebensgroße Bronzeplastik. Ein Mann mit kämpferisch erhobener Faust ist abgebildet: Ernst Thälmann, Kommunist, Buchenwald-Ermordeter und einer der ersten Helden der DDR. Im Rahmen des Festivals "Rendez-Vous mit der Geschichte" bekommt das Denkmal nun ein großes Tuch übergestülpt. "Dort laufen täglich zahlreiche Menschen vorbei, ohne das Denkmal noch wirklich wahrzunehmen", erklärt der Historiker Christian Faludi, der die Aktion mit dem Verein Weimarer Republik initiiert hat. " Mit der Verhüllung versuchen wir, das Denkmal wieder sichtbar zu machen. Also gerade durch den Akt des Verbergens so viel Aufmerksamkeit zu generieren, dass es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe einlädt."

Wie umgehen mit vergessenen Helden?

Was tun mit einem Helden-Denkmal, mit dem gerade jüngere Menschen nichts mehr anzufangen wissen? Wie sieht ein zeitgemäßer Umgang nicht nur mit Thälmann, sondern auch mit den anderen Heldinnen und Helden des Sozialismus aus? Diese Fragen treiben die Geschichtsprofessorin Silke Satjukow von der Uni Halle schon seit Jahren um: "Es wäre verkürzt zu behaupten, dass diese Menschen nicht gewirkt haben. Und es wäre noch verkürzter zu behaupten, dass sie womöglich nicht die richtige Sache angesprochen haben." Das mache es so schön, und gleichzeitig aber auch so schwer, über die Heldenfiguren zu reden und sie zu verstehen.

Prof. Dr. Silke Satjukow
Die Geschichtsprofessorin Silke Satjukow von der Uni Halle Bildrechte: Silke Satjukow

Es nützt den Menschen im Osten nichts, wenn man über Täve Schur, Ernst Thälmann oder Siegmund Jähn nur die eine Seite der Geschichte erzählt. Nämlich: Sie waren Funktionäre der Partei.

Silke Satjukow, Geschichtsprofessorin Halle

Geschichte lebendig machen

Satjukow wird am Sonntag beim Festival zu Gast sein, im Rahmen einer Podiumsdiskussion hofft sie, auch mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Viele ältere Menschen hätten noch Erinnerungen an die Helden der eigenen Kindheit, es sei Zeit, diese zu teilen. Auch Festivalleiterin Nora Hilgert wünscht sich, dass das Thema Helden zu Debatten einlädt und Geschichte lebendig macht – über die DDR-Zeit hinaus.

Schließlich gebe es Heldenzuschreibungen schon seit der Antike, und sie seien über die Jahrtausende nie verschwunden, ganz im Gegenteil. "Helden sind in unserer Gesellschaft wieder total en vogue", so Hilgert. Man spreche etwa von den Corona-Helden in der Pandemie, die sich im Pflegebereich oder in den Intensivstationen aufgeopfert hätten.

Auch die Werbung spielt wirklich inflationär mit dem Begriff des Helden, oder der Heldin. Nichtsdestotrotz ist es ein Begriff, der weit in die Geschichte hineinreicht.

Nora Hilgert, Festivalleiterin

2019 fand das Weimarer Festival "Rendez-vous mit der Geschichte" unter dem Motto "Renaissancen - Altes neu erinden?" statt. Hier eine Veranstaltung in der Notenbank Weimar.
2019 fand das Weimarer Festival "Rendez-vous mit der Geschichte" unter dem Motto "Renaissancen - Altes neu erinnern?" statt. Hier eine Veranstaltung in der Notenbank Weimar. Bildrechte: Caroline Schlüter

Von Goethe und Gropius bis Putin und Erdoğan

So dreht sich das Weimarer Rendez-Vous mit der Geschichte um so unterschiedliche Figuren wie Odysseus, Jeanne D'Arc oder Greta Thunberg. Und auch ganz unterschiedliche Gäste kommen zu Wort. Etwa die Chefin des Bauhaus-Museums, Ulrike Bestgen. Sie wird über Weimars Kulturheroen sprechen, von Goethe bis Gropius.

Der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling dagegen beschäftigt sich mit Politikern der heutigen Zeit, die sich selbst gerne als Helden inszenieren, wie etwa Putin oder Erdoğan. Bröckling bringt dazu noch provokante Thesen mit nach Weimar: Er fragt, ob wir uns in der heutigen Zeit nicht endlich von Heldenzuschreibungen verabschieden sollten. So gibt es in Weimar viel zu diskutieren. Auch für Geschichtsprofessorin Silke Satjukow, die ihrerseits ein Ende des Heldentums für völlig undenkbar hält.

Greta Thunberg, Klimaaktivistin aus Schweden, spricht während einer Demonstration am Rande des UN-Klimagipfels COP26 in Glasgow.
Klimaaktivistin Greta Thunberg: Eine zeitgenössische Heldin? Bildrechte: dpa

Informationen zur Veranstaltung "Rendez-Vous mit der Geschichte" ist ein Festival für Geist, Demokratie und Geschichte
11. bis 15. November 2021

Die Veranstaltungen finden an verschiedenen Orten in ganz Weimar statt, unter anderem in der Stadtbücherei, im Kommunalen Kino, im Stadtarchiv, im Bauhaus-Museum und im Stadtschloss. Alle Veranstaltungen sind kostenlos.

Es gilt die 3G Plus-Regelung: genesen, geimpft, getestet mit PCR-Test.
Tagesaktuelle Corona-Regelungen werden auf der Webseite veröffentlicht. Das Festivalteam bittet angesichts der hohen Inzidenzzahlen in Weimar alle Gäste zusätzlich, direkt vor den Veranstaltungen einen Schnelltest zu machen. Außerdem wurde ein extra Testzentrum eingerichtet, in dem sich alle Besucher kostenfrei testen lassen können.

Ort des Festival-Testzentrums:
Notenbank, Eingangsfoyer, Steubenstraße 15, 99423 Weimar

Kultur in Weimar und Umgebung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2021 | 07:40 Uhr