Parcours "Sprachexplosionen": Was diese Wörter in Weimars Innenstadt bedeuten

Die Klassik Stiftung Weimar ist ins Themenjahr Sprache gestartet. Mit Ausstellungen, Debatten und einem neuen Sprachparcours: Die "Sprachexplosionen", die zum Beispiel Zitate von Goethe zeigen, sollen im Stadtraum von Weimar und in den Museen irritieren und zum Nachdenken anregen.

Mitten in der Fußgängerzone von Weimar steht eine weiße Box mit schwarzen Buchstaben. Erst beim näheren Hinsehen erkennen Passantinnen und Passanten Zitate darauf.
2022 hat die Klassik Stiftung Weimar zum Themenjahr Sprache gemacht. Dazu ist im Stadtgebiet ein Sprachexplosionen-Parcours aufgebaut worden, der zum Nachdenken anregen soll. Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Mitten in der Weimarer Fußgängerzone steht ein hüfthoher Block. Krumm und schief, in weiß, mit großen, verzerrten, schwarzen Buchstaben darauf. "Sprachsplitter", nennt sich diese Installation, denn die Buchstaben ergeben bei genauerem Hinsehen ein Goethe-Zitat: "Wir schlafen sämtlich auf Vulkanen" stammt aus Goethes "Zahme Xenien". Es waren die Gedanken des großen Schriftstellers zu einer Welt im Umbruch.

"Wir haben für unsere Sprachsplitter Sätze ausgewählt, die uns auch heute noch etwas sagen können", erklärt Petra Lutz, Leiterin des Goethe-Nationalmuseums, die den Parcours mitentwickelt hat. "Man sieht dieses und andere Zitate im Stadtraum – erkennt sie aber nicht gleich. Man muss stehenbleiben, sich die Worte im Kopf zusammensetzen. In der Annahme, dass es einen eher auf den Text aufmerksam macht, als wenn er einfach so dasteht."

Weimar weckt die Neugier

Petra Lutz hofft, dass Passantinnen und Passanten stehen bleiben, sich irritieren lassen von dieser ästhetischen Intervention. Dass im besten Falle ihre Neugierde geweckt wird und sie weiterziehen auf diesem Sprachparcours, etwa in Richtung Schiller-Wohnhaus. Diese historische Schreibstätte kann man seit kurzem endlich wieder direkt von der Fußgängerzone aus betreten. Zwei Räume sind neu eingerichtet worden und kostenfrei zugänglich, in der Hoffnung, dass nicht nur das klassische Museumspublikum hereinschaut.

Alte Worte in die heutige Zeit holen

Im Schillerhaus dreht sich alles um die "Ode an die Freude", Schillers berühmten Text der heutigen Europahymne. Schülerinnen und Schüler äußern sich im Video dazu, eine Dirigentin und ein Dirigent, verschiedene Bundestagsabgeordnete. Sie erzählen, was ihnen der Text bedeutet, wie er auf ihre politische Arbeit abfärbt. Auch kann man sich die Ode per Kopfhörer in anderen Sprachen anhören – so sollen die Worte aus dem Jahr 1786 in die heutige Zeit geholt werden und für den ein oder anderen Gedanken-Anstupser sorgen. Ein Plan, der aufzugehen scheint, immer wieder schauen Menschen mit Einkaufstaschen oder Stadtplan in der Hand neugierig herein.

Ein Banner mit Wörtern. Darauf ist zu lesen: "Ist die Sprache ... Ausdruck aller Realitäten ..."
Teile des Sprachexplosionen-Parcours, den die Klassik Stiftung Weimar zum Themenjahr Sprache über die gesamte Stadt verteilt hat Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Goethes erotischen Wortschatz (neu) entdecken

Im Goethe-Wohnhaus ganz ähnlich: Hier ist der frühere Kutschenraum, eine Art Innenhof mit kleinen Nebengelassen, geöffnet worden. In diesen Räumen geht es etwa um Goethes Wort-Neuschöpfungen. Oder um seinen verschwundenen erotischen Wortschatz. Nachlassverwalter und Herausgeber radierten einst Wörter aus Goethes Schriften, die ihnen allzu pikant erschienen. Eine Klanginstallation gibt ihnen nun Raum.

Auch im Goethe-Wohnhaus sind die verzerrten, schwarz-weißen Schriftbilder der Grafikerin Ariane Spanier allgegenwärtig. Ein ganzer Raum, vom Boden bis zum Dach, ist mit Goethes Gedichten in ihrem Design gestaltet worden, ein Ritt durch das Früh- und Spätwerk des Weimarer Literaten. Wer mag, kann sich vertiefen. "Wir wollten diese Gedichte inszenieren, wie Kunst im Museum. Man kann sich hier auf eine klassische Museumsbank setzen und diese typografische Kunst anschauen", so Petra Lutz.

Weimarer Parcour macht auch Tiefpunkte deutscher Sprache sichtbar

So erzählt dieser Parcours mitten in der Innenstadt viel von den Glanzpunkten der Weimarer Geschichte. Wer danach noch Zeit hat, sollte sich aber unbedingt noch aus dem Zentrum herausbewegen, denn auch die Tiefpunkte werden nicht ausgespart. Im Museum Neues Weimar informiert eine Hörsäule über die Sprache des berüchtigten Thüringer NS-Gauleiters Fritz Sauckel.

Und am Bahnhof, wo einst Häftlinge in Richtung Buchenwald getrieben wurden, steht ein weiterer der schwarz-weißen Sprachsplitter mit einem Zitat des Literaturwissenschaftlers und Politikers Victor Klemperer: "Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Mai 2022 | 18:20 Uhr

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