Zum 100. Geburtstag Willi Sitte: Muss das Werk des umstrittenen DDR-Malers neu bewertet werden?

Willi Sitte war der bekannteste und zugleich auch umstrittenste Maler der DDR. Wie kaum ein anderer polarisierte der mächtige Staatskünstler Zeit seines Lebens. Als er nach dem Mauerfall in politische Ungnade fällt, verschwanden seine Werke praktisch aus dem öffentlichen Diskurs, die großen Museen haben Sittes Werke in den letzten drei Jahrzehnten kaum gezeigt. Anlässlich seines 100. Geburtstags soll im Oktober im Kunstmuseum Moritzburg in Halle die große Retrospektive "Sittes Welt" gezeigt werden. Ist es damit an der Zeit, das künstlerische Schaffen Willi Sittes neu zu bewerten?

Maler Willi Sitte, 2009
Willi Sitte hätte am 28. Februar 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Bildrechte: Imago/ Köhn Painter

Seit mittlerweile drei Jahrzehnten ist das künstlerische Werk Willi Sittes beinahe vollständig aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Seine Gemälde sind weder Gegenstand wissenschaftlicher Abhandlungen, noch werden sie in Ausstellungen präsentiert. Vor allem Sittes Wirken als bekanntester Staatsmaler und mächtigster Kunstfunktionär der DDR wird heute eng mit seinem künstlerischen Schaffen verbunden. Doch wie kam es dazu, dass der einst hochdekorierte Künstler im vereinten Deutschland zu einer Unperson zu werden schien?

Eine prädestinierte Biografie

Willi Sitte, 1971
Willi Sitte im Jahr 1971 Bildrechte: DRA

Willi Sitte kommt 1921 als Arbeiterkind und Sohn eines Mitglieds der Kommunistischen Partei im tschechoslowakischen Kratzau zur Welt. 1941 wird er als Soldat der Wehrmacht eingezogen und später an die italienische Front geschickt. Archivarische Dokumente belegen Sittes Desertion aus der Wehrmacht und seine Zugehörigkeit zu einer italienischen Partisanengruppe im Kampf gegen den deutschen Faschismus.

Übersiedlung nach Halle

Willi Sittes Biografie scheint prädestiniert dafür, nach Kriegsende in der entstehenden DDR Fuß zu fassen. 1947 übersiedelt er nach Halle, dem damaligen Hotspot der Moderne im Osten Deutschlands. Hier entdeckt er die Malerei der westlichen Avantgarde für sich. Doch als in den 50er-Jahren die Formalismus-Debatte tobt, fällt auch Sittes Kunst bei der Staatspartei in Ungnade. Seine modernistischen Arbeiten werden vom Regime scharf kritisiert und von Ausstellungen ausgeschlossen. Nichtdestotrotz hält Sitte an der Souveränität seiner Kunst entschlossen fest – bis die Kritik an seinem Werk im Jahr 1963 in einem zehntägigem Parteiverfahren gipfelt. Daraufhin veröffentlicht Willi Sitte eine Selbstkritik, in der er sich öffentlich zum Prinzip des sozialistischen Realismus sowie zum politischen System der DDR bekennt.
Aber auch danach bleiben seine Werke umstritten: Vor allem seine nackten, derb-üppigen Körper und die Darstellungen von ungestümer Erotik provozierten die Betrachter, was sich auch im Volksmund in dem berühmten Bonmot niederschlug:

Lieber vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt.

Provokativ und staatstreu zugleich

Ein Besucher betrachtet das Gemälde "Liebesspiel im Wasser", 1990, zu sehen in der Willi-Sitte-Galerie in Merseburg 2006.
"Liebesspiel im Wasser" – Willi Sitte provozierte mit seinen Bildern nackter Körper. Bildrechte: imago images / Eckehard Schulz

Willi Sittes Leben und Schaffen zu DDR-Zeiten war von einer tiefen Widersprüchlichkeit geprägt: Einerseits ist der begnadete Zeichner und Virtuose ein Verfechter der von der DDR verfemten westlichen Moderne und provoziert mit seinen Darstellungen derber, aggressiv anmutender, nackter Körper.

Staatsratsvorsitzender Erich Honecker (vorn 3.v.li., GDR/SED), Maler Willi Sitte (vorn 2.v.re., GDR), Horst Sindermann (GDR/SED/Präsident der Volkskammer) und Willi Stoph (2.v.li., GDR/SED/Vorsitzender des Ministerrates der DDR) während der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden, 03.10.1987
Willi Sitte und Erich Honecker 1987 während der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden Bildrechte: imago images / Ulrich Hässler

Demgegenüber steht jedoch seine unbedingte Staatstreue. So trennt er sich von der Künstlergruppe um Fritz Cremer und Herbert Sandberg und beginnt, seine Rolle im System zu suchen. Dieser Eingliederungsversuch wird von der Parteileitung positiv wahrgenommen. Und schon bald belohnt das Regime ihn mit Einzelausstellungen und Preisen. Willi Sitte und seine Kunst bekommen endlich die von ihm lang herbeigesehnte große Bühne. Auch seine neue Rolle als mächtigster Kunstfunktionär und Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR nutzt er zu verschiedenen Zwecken: Während sich Sitte massiv für die Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle einsetzt, versucht er andererseits Künstlerkarrieren wie die des Dresdner Malers A.R. Penck aktiv zu verhindern.

"Politische Funktion in Verbrecherstaat"

Ähnlich ging es dem halleschem Künstler Bernd "Wasja" Götze. Götze studierte in den 60er-Jahren an der Burg Giebichenstein, schuf Bilder im Pop-Art-Stil – traumhaft-surreal und vor allem selten in der DDR. Spätestens als Götze in den Siebzigern als Einziger im Bezirk Halle die Biermann-Petition unterschrieben hatte, war er künstlerisch abgemeldet und blieb ohne Aufträge. Er kann den Wandel Sittes bis heute nicht akzeptieren: "Ein Mensch, der in den 50er- und 60er-Jahren Bilder gemalt hat, die man respektieren konnte. Und er fing dann zunehmend an, Staatskünstler zu werden. Staatskünstler gab es von der Renaissance an immer wieder." Und weiter:

Aber dass er eine politische Funktion in einem, so nenne ich das, Verbrecherstaat ausübte und dieses Verbrecher-Regime aktiv, ich betone aktiv, mitgetragen hat, das ist das, wo ich bei Willi Sitte keine Nachsicht üben kann."

Bernd "Wasja" Götze, Künstler aus Halle

Sittes Verdienst an der Burg Giebichenstein in Halle

Gemäßigter blickt Götzes Frau Inge auf Sitte, obgleich auch sie die ideologisch geprägten Kunst-Pfade ihres Chefs stets mit Sorge betrachtete. Inge Götze war in den 60er-Jahren Studentin von Sitte in der "Burg", leitete bis 2004 die Textilklasse, war selbst Dekanin und sieht deshalb auch Sittes Verdienste für die Kunsthochschule. So habe Sitte dafür gesorgt, dass die Hochschulreform, laut der die Kunsthochschulen der DDR nur für ausgewählte Bereiche zuständig sein sollten, rückgängig gemacht werde. Laut dieser Reform wäre Halle ausschließlich für die Formgestaltung zuständig gewesen, andere Bereiche, wie etwa die Gebrauchsgrafik und die Klasse für Buchbinderei, waren kurzzeitig abgeschafft worden, erklärt Inge Götze:

Die 'Burg' wurde in ihrer Vollständigkeit wieder hergestellt – das ist sein großer Verdienst.

Inge Götze, Künstlerin aus Halle

Moritz Götze erfährt wenig Entgegenkommen Sittes

Maler Wasja Goetze (li.) und Sohn Moritz im Atelier des Vaters.
Wasja Goetze und Sohn Moritz, 1999 Bildrechte: imago/Koall

Wenig Entgegenkommen Willi Sittes erfuhr indessen Sohn Moritz, heute bekannt für sein Werk, das sich künstlerisch auch mit Sitte-Werken auseinandergesetzt hat, damals in der Stasi-Akte OV "Max" geheißen. Er verliebte sich Mitte der 80er-Jahre in eine Nichte Bärbel Bohleys und stellte den Ausreiseantrag. Mutter Inge musste zum Rapport, Moritz Götze: "Und da hat Willi Sitte dann so indirekt – ist ja nun schon lange her – gesagt: 'Wer einen Ausreiseantrag stellt, stellt sich gegen diese Gesellschaft und ist damit ein Feind'."

Nach dem Mauerfall

Nach dem Mauerfall werden die Bilder des zu DDR-Zeiten hochdekorierten Künstlers kaum noch ausgestellt. Im Jahr 2000 wird eine geplante Sitte-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aus politischen Gründen zunächst verschoben und dann von Sitte höchstpersönlich abgesagt. Erstmals erhält die Beschäftigung mit dem einstigen DDR-Parteikünstler nationale Bedeutung – um letztlich doch wieder im Sand zu verlaufen.

"Sittes Welt" – Retrospektive zum 100. Geburtstag

40 Jahre nach der letzten Retrospektive im Jahr 1981 findet im Oktober 2021 am selben Ort erneut eine große Schau statt: Anlässlich des 100. Geburtstags Willi Sittes eröffnet dann das Kunstmuseum Moritzburg in Halle die Retrospektive "Sittes Welt". Die Ausstellung solle eine "sachlich-objektive Auseinandersetzung" mit dem Künstler befördern, sagt Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale). Stellt man Bauer-Friedrich die Frage nach der Neubewertung von Sittes Werk, erhält man eine klare Antwort:

Ja natürlich, ein ganz klares, eindeutiges Ja. Es ist an der Zeit für eine Neubewertung – sie ist eigentlich auch überfällig.

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale)

Denn wenn man von der sogenannten 'Viererbande' von Mattheuer, Tübke, Heisig und Willi Sitte spreche, so Thomas Bauer Friedrich, "dann muss man sagen, dass die anderen Drei in den letzten Jahrzehnten Ausstellungen bekommen haben, dass ihre Werke erforscht, dokumentiert, publiziert und wissenschaftlich bearbeitet wurden – und das steht für Willi Sitte nach wie vor aus".

In "Sittes Welt" solle es deshalb in erster Linie um den Künstler Willi Sitte gehen, selbst wenn man seine Rolle als Kulturpolitiker dabei nicht außen vorlassen könne, betont Bauer Friedrich: "Man hatte bislang einfach nicht die Chance, sich einmal den gesamten Sitte anzuschauen und in 'Sittes Welt' einzusteigen."

Maler Willi Sitte 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Maler Willi Sitte 8 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Maler Willi Sitte (GER) anlässlich seiner Ausstellung - Euros und Vision - in Erfurt 6 min
Bildrechte: imago/Bild13
Maler Willi Sitte (GER) anlässlich seiner Ausstellung - Euros und Vision - in Erfurt 6 min
Bildrechte: imago/Bild13

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2021 | 19:05 Uhr

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