Zum 100. Geburtstag "Sittes Welt": Große Retrospektive im Kunstmuseum Moritzburg in Halle

Willi Sitte war der bekannteste Staatsmaler und der mächtigste Kunstfunktionär der DDR. Er wurde vor 100 Jahren im tschechischen Kratzau geboren; 2013 starb er in seiner Wahlheimat Halle. Wie kaum ein anderer Künstler hat Sitte bereits zu DDR-Zeiten mit seiner unbedingten Staatstreue, aber auch mit seinen Bildern polarisiert. Zu seinem 100. Geburtstag gibt es im Kunstmuseum Moritzburg in Halle unter dem Titel "Sittes Welt" die Retrospektive zu seinem Leben und Schaffen zu sehen.

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle zeigt mit "Sittes Welt" mehr als 250 Werke aus allen Lebensphasen Willi Sittes. Es ist die erste umfassende Sitte-Schau seit rund 35 Jahren in diesem Umfang. Nach dem Mauerfall war Willi Sitte als überzeugter Kommunist und bis zuletzt Verfechter des DDR-Systems zu einer Art rotem Tuch in der deutschen Museumslandschaft geworden. In der Moritzburg möchte man nun zu seinem 100. Geburtstag einen frischen Blick auf sein Leben und Werk werfen.

Angelegt ist die Schau als eine Art Parcours, der weitgehend dem Leben und Werk von Sitte folgt: Es beginnt mit seiner Herkunft und Familie, gefolgt von der Zeit des Zweiten Weltkriegs und schließlich geht es um seine politische und künstlerische Entwicklung in der DDR. Zum ersten Mal bekommt man auch einen umfassenden Einblick in sein Schaffen nach 1989 bis ins Jahr 2005.

Sittes künstlerische Entwicklung im Fokus

Thomas Bauer-Friedrich, 2015
Thomas Bauer-Friedrich, Direktor am Kunstmuseum Moritzburg Bildrechte: dpa

Die Retrospektive will Sittes künstlerische Entwicklung begreifbar machen, vor allem auch seine Widersprüche: Einerseits ist er ein Künstler, der die moderne, westliche Avantgarde-Kunst geliebt hat und deshalb von den DDR-Funktionären als Formalist gegeißelt wurde. Andererseite war er auch überzeugter Anhänger des Sozialismus. Dieses Dilemma zeigt sich auch in seiner Kunst, wie Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich erklärt: "Er hat zum einen das geschaffen in seinem Atelier, was ihm wichtig war, die Auseinandersetzung mit der Moderne. Gleichzeitig hat er im Auftrag der Partei Auftragswerke geschaffen."

Willi Sitte im Zweiten Weltkrieg

Die Schau beleuchtet auch ein mythenumwittertes Kapitel in Sittes Biografie: seine Zeit als Wehrmachtssoldat im Zweiten Weltkrieg in Italien. Dort kam er 1944 an die Front. Nach eigenen Angaben hat er sich den italienischen Partisanen angeschlossen, um die deutsche Armee zu bekämpfen. Doch es geht um die Frage, wann genau er das getan hat.

Bauer-Friedrich und sein Co-Kurator Paul Kaiser haben zu diesem Thema in den Archiven und in Sittes eigenen Schriften nachgeforscht. "Das nationale Befreiungskomitee in Norditalien, quasi die Partisanen, haben ihm im Mai 1945 ein Attest ausgestellt, dass er am 11. April dissertiert sei. Am 29. April war die Kapitulation der Deutschen in Norditalien. Das war, um sich später als Verfolgter des Nazi-Regimes anerkennen zu lassen, zu kurz. Und unserer Meinung nach brauchte es die etwas veränderte Darstellung der eigenen Biografie in Bezug auf die Partisanen, um dann anerkannt zu werden."

Willi Sitte: Memento Stalingrad, 1961, Mischtechnik auf Hartfaser, jeweils 153,5 x 120 cm, Predella: 123 x 240 cm
Willi Sitte: Memento Stalingrad, 1961 Bildrechte: Akademie der Künste Berlin / Foto: Ilona Ripke © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Fasziniert von der Kunstszene Halles

1947 kam Willi Sitte nach Halle an der Saale, wo er sofort fasziniert ist von der pulsierenden Kunstszene – vor allem Herbert Bachmann war für ihn ein wichtiger Künstler, der sich für die Moderne einsetzt im Osten Deutschlands. So möchte der hochbegabte junge Sitte malen wie Picasso oder Léger – genau deshalb gerät er in eine Art Dauer-Konflikt mit der SED.

Willi Sitte: Stilleben mit Brille, 1963, Öl und Collage auf Hartfaser, 45 x 54 cm
Willi Sitte: Stilleben mit Brille, 1963 Bildrechte: Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) / Foto: Punctum/Bertram Kober © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Ende der 50er Jahre gerät er zudem in eine tiefe persönliche Lebenskrise. Der verheiratete Familienvater verliebt sich in eine Studentin an der Burg Giebichenstein. Die Situation eskaliert als ihn diese vor die Wahl stellt zwischen ihr und seiner Frau. Sitte unternimmt zwei Selbstmordversuche. Beim zweiten dreht er im Familienhaus den Gashahn auf. "Da hat die Partei dann keinen Spaß mehr verstanden, da er bei dieser Gelegenheit Frau und Sohn mit in Gefahr gebracht hat", so Bauer-Friedrich. Doch Sitte hat Glück im Unglück: Er hat Fürsprecher in der Partei und kommt letztlich mit einer Rüge davon.

"Fleischberge": Sittes berühmte Aktbilder

In den 1960er Jahren kommt Sitte wieder in ruhigere Bahnen – und langsam hat er auch künstlerisch Erfolg. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre wird er sehr berühmt wie auch berüchtigt als Maler.

Berühmt wird er vor allem für seine Bilder von derben nackten Körpern. Nach eigenen Angaben hat sich der Künstler von den FKK-Stränden an der Ostsee inspirieren lassen. Als Maler lässt er sich bei diesem Thema von den Alten Meistern inspirieren. Vor allem Rubens ist eine große Anregung und das Flair des Barock. Malerisch hat aber auch die jüngere Kunstgeschichte eine große Rolle gespielt, wie der Kurator Thomas Bauer-Friedrich ausführt: "Eigentlich ist es eine Mischung aus grobem Impressionismus, mit ganzen vielen expressiven gestischen Elementen in der Malerei. Die Körper dominieren das Bild." Das habe auch zu den sogenannten Fleischbergen geführt, die sich beim Großteil eines Publikums eingeprägt haben.  

Großformatige Historienbilder

Doch Willi Sitte hat nicht nur seine berühmten Aktbilder gemalt, sondern auch großformatige Historienbilder. Seit 1986 nicht mehr gezeigt, nehmen sie bei der Retrospektive einen ganzen Saal ein. Sie gehören zu den repräsentativen Arbeiten, die Sitte im Auftrag von Staat und Partei angefertigt hat. Ein prominentes Beispiel dafür sind die beiden monumentalen Leuna-Bilder aus den 60er Jahren.

Willi Sitte:  Leuna 1921, 1965–1966 Öl und Tempera auf Hartfaserplatte, 270 x 480 cm (4 Tafeln à 270 x 120 cm)
Willi Sitte: Leuna 1921, 1965–1966 Bildrechte: Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: bpk / Nationalgalerie, SMB / Klaus Göken © VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Das Bild "Leuna 1921" zeigt einen Arbeiteraufstand in der Fabrik im Leuna des Jahres 1921. Ergänzt wird es durch ein Gemälde mit dem Titel "Leuna 1969". Begonnen hatte der Künstler damit 1966 als in Leuna eine große zukunftsweisende Erdölraffinerie mit modernster Technologie geplant war. Dafür hatte die Sowjetunion zugesagt, preiswertes Erdöl in die finanzschwache DDR zu liefern. Doch es kam der Vietnam-Krieg, die Sowjets hatten hohe Kosten für das Militär und wollten die DDR nicht mehr mit billigem Öl subventionieren – mit drastischen Folgen für Leuna, da die Werke nie mit Erdöl in Betrieb gingen, wie Bauer-Friedrich erzählt: "Die Anlagen wurden aufgebaut und dann mussten sie sofort wieder umgerüstet werden auf die Braunkohleveredlung. Das war letztendlich unwirtschaftlich und ein hoch umweltschädigendes Verfahren. Das, was Sitte 1969 fertigstellt hat, war eigentlich schon eine gescheiterte Utopie zum Zeitpunkt der Fertigstellung." 

Selbstporträts: Sittes Schaffen nach der Wende

Willi Sitte: Selbstbildnis mit Pinseln, 1981, Öl auf Hartfaser, 125 x 80 cm, Privatbesitz
Willi Sitte: Selbstbildnis mit Pinseln, 1981 Bildrechte: Privatbesitz / Foto: Punctum/Bertram Kober / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

"Sittes Welt" gibt erstmals auch Einblick in das Schaffen des Künstlers nach der Wende. Diese hatte dem bekennenden Kommunisten regelrecht die Füße unter dem Boden weggezogen – mit Konsequenzen für sein künstlerisches Werk. Thomas Bauer-Friedrich: "Mit dieser großen Zäsur setzt für ihn nochmal die Befragung seiner eigenen Person ein. Mit den heftigen Anfeindungen, die er 89/90 und in den Folgejahren erfahren hat, setzt er sich künstlerisch auseinander. Das sind Inszenierungen, wo er sich hinterfragt, wo er sich auch als Gescholtenen, fast etwas christusartig als Gekreuzigten, Gegeißelten darstellt. Er sah sich ja immer zu Unrecht kritisiert. Das spiegelt sich dann in den vielen Selbstporträts, die er malt."

Wie besessen malt Willi Sitte an diesen Bildern in den 1990er Jahren: Er stilisiert sich als gekreuzigter Christus, dann wieder zeichnet er radikale Selbstporträts wie die Serie "Männerkopf" aus dem Jahr 1992 – Arbeiten, in denen der Künstler sein Gesicht auslöscht und somit sich selbst. Er geht aber auch auf Angriff über. In einem satirischen Zyklus mit dem Titel "Herr Mittelmaß" mokiert er sich über die angeblichen Wendehälse im Osten Deutschlands.

Weder Heldenverehrung, noch Denkmalsturz

Die große Retrospektive "Sittes Welt" will einen ebenso wertschätzenden wie auch kritischen Blick auf das Werk von Willi Sitte werfen. Entstanden ist eine wirklich überfällige Auseinandersetzung, die den ganzen Sitte zeigt von den 30er Jahren bis ins Jahr 2005. Man begegnet dem Künstler in all seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit – es ist weder eine Heldenverehrung noch ein Denkmalsturz – und das basierend auf umfangreichen neuen Forschungen in den Archiven. Die Schau gibt dabei auch einen Eindruck von Licht und Schatten in Sittes Kunstschaffen.

Zudem können Besucherinnen und Besucher etliche Entdeckungen machen, denn viele Arbeiten wurden seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr oder gar noch nie ausgestellt. Wer sich mit dem wohl umstrittensten Maler, den die DDR hervorgebracht hat, auseinandersetzen möchte, kommt man an dieser Schau nicht vorbei.

Mehr Informationen "Willi Sitte: Die Retrospektive"
3. Oktober 2021 bis 9. Januar 2022

Kunstmuseum Moritzburg
Friedemann-Bach-Platz 5
06108 Halle

Öffnungszeiten:
Do. bis Di. und Feiertage: 10 bis 18 Uhr Mittwochs geschlossen

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Oktober 2021 | 18:00 Uhr