"Wir sind, was wir tun" Fotoausstellung in Wurzen zeigt, wie sich die Arbeitswelt im Laufe der Zeit verändert hat

Wie sieht oder sah eigentlich Ihr Arbeitsplatz aus? Sicherlich entdecken Sie persönliche Dinge – ein Foto, einen Lieblingsstift, eine Brotbox. Und Ihr Zuhause? Vom Homeoffice mal abgesehen: Gibt es Hinweise auf Ihre Arbeit? Was wir täglich tun, hat Einfluss darauf, wer wir sind. Und andersherum. So hat es der Leipziger Fotograf Fabian Heublein beobachtet und diesem Zusammenhang mehrere Bildreihen gewidmet – zu sehen in der Ausstellung "Wir sind, was wir tun" im Kulturhistorischen Museum Wurzen.

Älterer Mann sitzt in einer Werkstatt und bearbeitet eine lange Feile mit einem Hammer
Der Feilenhauer ist ebenso Teil der Wurzener Ausstellung wie die Buchbinderin und der Medientechnologe Druck. Bildrechte: Fabian Heublein

Ein grauhaariger Mann mit Stirnglatze. Durch die schwarz umrandeten Gläser seiner Brille blickt er hinab auf ein Metallstück, das an einer Werkbank klemmt. In seiner vom Alter faltigen rechten Hand hält er einen Hammer, in der linken eine Art Meißel, angesetzt an das Werkstück. Eine Feile, wie Claudia Kunde verrät. Sie ist die Leiterin des Kulturhistorischen Museums Wurzen und stellt den Porträtierten Handwerker als Herrn Martin vor.

Er sei die Verbindung zur Dauerausstellung im Kulturhistorischen Museum Wurzen, sagt sie. Die Familie, aus der Herr Martin stamme, habe hier 1885 eine Feilenhauerwerkstatt gegründet, die Herr Martin bis 1992 geführt habe. Teile dieser Werkstatt können Besucherinnen und Besucher im Museum anschauen.

Wurzener Ausstellung zeigt Berufe im Wandel der Zeit

Buchstäblich als Letzter seiner Zunft steht der Feilenhauer damit geradezu symbolisch für eine der Fotoserien des Leipziger Fotografen Fabian Heublein, der in seinen Arbeiten stets den Menschen in den Mittelpunkt stellt. In der Ausstellung "Wir sind, was wir tun" hat er erstmals die Gelegenheit, Werke aus unterschiedlichen Reihen zu kombinieren. Große inhaltliche Klammer ist dabei der Kontext Arbeit, in dem die Porträts stehen.

Die Abbildung des Feilenhauers gehört etwa zur Reihe "Verdrängte Berufe", in der auch Aufnahmen einer Buchbinderin, eines Druckers oder eines Videothekars zu finden sind. Insbesondere den ehemaligen Mitarbeitenden der Karl-Marx-Werke im thüringischen Pößneck, die einstmals 90 Prozent der Druckerzeugnisse in der DDR produzierten, sei eine gewisse Trostlosigkeit anzumerken, meint Claudia Kunde. "Man sieht da eigentlich nur noch eine Ruine, man sieht abgeblätterte Wände. Man sieht keine Maschinen mehr und das, was sozusagen das Leben von Menschen ausgemacht hat." Auch die Identifikation mit dem Ort gehe durch dessen Veränderung verloren, merkt die Museumsleiterin mit Blick auf die Porträts an.

Ältere Frau in schwarzer Hose und gelbem T-Shirt steht vor einer Wand, auf dem Boden abgeblätterter Putz
Das Porträt der Buchbinderin stammt aus der Serie "Verdrängte Berufe" des Leipziger Fotografen Fabian Heublein. Bildrechte: Fabian Heublein

Kann man tatsächlich noch etwas ablesen von den Personen, von ihren Haltungen, Gesichtern, wenn die Menschen dann mit dem Fotografen an den Ort zurückkehren, wo sie so lange gearbeitet haben?

Claudia Kunde, Museumsleiterin

Fotografien von "Verdrängten Berufen" bis zu "Berufen 4.0"

Den verdrängten Berufen – tatsächlich auch räumlich – gegenüber befinden sich die Porträts eines Geoinformatikers, eines Agrardronenpiloten, eines IT-System-Elektronikers – "Berufe 4.0", also jene, welche die Digitalisierung hervorgebracht hat. Eine eigene Wand im Ausstellungsraum ist den großformatigen Porträtaufnahmen dreier Waldarbeiter gewidmet. "Man könnte sagen, ein alter Beruf der Moderne“, meint Fabian Heublein.

Junger Mann mit grauem Pullover, längeren, im Nacken gebundenen Haaren und Brille steht vor einer weißen Wand und blickt in die Kamera
Der Fotograf Fabian Heublich lebt und arbeitet in Leipzig. Bildrechte: Fabian Heublein

Dem Fotografen ist es indessen wichtig, die Menschen persönlich zu treffen, die er porträtieren will, ihnen während der Arbeit, an ihrem Arbeitsplatz zu begegnen. Ein Mensch sei ohnehin nie unabhängig von dem Ort zu denken, an dem er arbeite, meint er. "In meinen Augen ist das der zweitprivateste Raum, der Arbeitsplatz eines Menschen, den man betreten kann." Man bringe dort so viel Zeit zu, dass es immer eine Wechselwirkung gebe zwischen Mensch und dem Arbeitsplatz, der sich sowohl am Arbeitsplatz als auch am Menschen zeige.

Mit jedem, den ich hier treffe, ist ja ein Moment Einlassung vonnöten. Dass die Leute sich auf mich, das Thema einlassen und etwas von sich auch preisgeben.

Fabian Heublein, Fotograf

Ausstellung lädt zum Nachdenken über die Zukunft ein

Mit jenen Bildern von Menschen die in StartUp-Unternehmen arbeiten, möchte man Betrachterinnen und Betrachter anregen, visionär zu denken, erläutert Claudia Kunde. Dabei hat sie insbesondere das Publikum aus Wurzen im Blick. Sie verweist auf die Gründerzeitstimmung im 19. Jahrhundert, die der kleinen Stadt zu Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichem Aufschwung verholfen habe. "Das ist ja eingeschrieben in die DNA des Ortes", betont sie, "und da möchten die Menschen natürlich auch wieder hin. Das ist eine sehr schöne Anregung für uns, darüber nachzusinnen: Wo könnte Zukunft für alle liegen? Wie soll Arbeit morgen aussehen?"

Junge Frau mit rot-weißem Ringelshirt, weißer Jacke, schwarzer, an den Knien zerrissener Jeans und roten Turnschuhen steht in einem modernen Büro mit Schreibtisch, PC und Rennrad vor dem Fenster
Mit Fotografien wie dem dieser Mitarbeiterin eines StartUp-Unternehmens schlägt die Ausstellung in Wurzen eine Brücke in die Zukunft. Bildrechte: Fabian Heublein

Fabian Heublein jedenfalls wird dranbleiben. Seine Fotoreihen betrachtet er als unabgeschlossen. Er wird weiter beobachten. Und abbilden. Und wer weiß, wie eine Serie aussehen wird, die er getrost mit dem Label Berufe 5.0 betiteln könnte?

Weiterführende Informationen "Wir sind, was wir tun. Porträts aus der Arbeitswelt"
Fotografie-Ausstellung von Fabian Heublein

9. Dezember 2022 bis 11. Februar 2023

Städtische Galerie "Am Markt"
Markt 1, 04808 Wurzen

Öffnungszeiten:
Mo, Di, Do 13 bis 18 Uhr
Mi 9 bis 12 Uhr und 13 bis 18 Uhr
Sa 9 bis 12 Uhr

Eintritt frei

(Redaktionelle Bearbeitung: Tina Murzik-Kaufmann)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Morgen | 09. Dezember 2022 | 07:10 Uhr

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