Designklassiker Der Z-Stuhl: Von der Rückkehr einer Möbel-Ikone in Chemnitz

In den 70er-Jahren waren die Z-Stühle in Ost- und Westdeutschland ein Renner, entworfen hatte sie Designer Ernst Moeckl. Dann verschwanden sie irgendwann – bis sie die Chemnitzer Jungunternehmerin Liv Pestel wiederentdeckte und in ihrem Familienunternehmen nun herstellt. Dabei war es eine Liebe auf dem zweiten Blick.

Z-Stuhl von Ernst Moeckl (auch bekannt als Hockender Mann oder Känguru) – Plastikstuhl, der mit Sitzfläche und Beinen von der Seite wie ein Z aussieht 4 min
Bildrechte: Chair-ity [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], from Wikimedia Commons

Manchmal kriegt man ja Sachen zum Geburtstag geschenkt, die man am liebsten gleich wieder loswerden würde – aber aus Höflichkeit behält man sie. So ging es auch Liv Pestel aus Chemnitz, die vor vielen Jahren von ihren Eltern einen Z-Stuhl geschenkt bekam. Das sind diese bunten Plastikstühle, die so aussehen, als würde schon einer darauf sitzen. Weshalb sie in den 70er-Jahren, als sie in Ost und West groß in Mode waren, auch der "hockende Mann" genannt wurden. Pestels erster Eindruck war allerdings nicht so begeistert, doch das änderte sich schnell:

Ja, dann stand er halt in einer Ecke, und tatsächlich hat mich im ersten Moment das Design nicht so angesprochen. Als ich dann aber vier insgesamt hatte und die bei mir am Esstisch standen, dachte ich mir: 'Mensch, das sieht schon cool aus.'

Liv Pestel

Comeback im Chemnitzer Familienunternehmen

Kinderstuhl
Variante in ähnlichem Design, hergestellt für Kinder Bildrechte: imago images / photothek

Pestel gehört nicht zu der Generation, die das Stuhldesign noch aus der Jugend kennt, daher empfindet sie den Z-Stuhl auch als modern. Die moderne, junge Frau verließ dann erstmal die sächsische Heimat, studierte BWL und Produktionsmanagement, lebte im Ausland und kam vor sechs Jahren zurück ins Chemnitzer Familienunternehmen, wo man sich seit 30 Jahren mit der Herstellung von Verkleidungsteilen aus ebendem Grundstoff beschäftigt, aus dem auch der Z-Stuhl besteht: Polyurethan.

Gelber Plastestuhl im Schwimmbad
Die sportliche Variante Bildrechte: Pestel PUR-Kunststofftechnik GmbH & Co. KG

Ursprünglich entworfen vom Ulmer Designer Ernst Moeckl, gilt er heute als Design-Ikone des 20. Jahrhunderts – auch, weil er seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts nirgendwo mehr hergestellt wird. Bis Liv Pestel auf den Plan trat und dem Z-Stuhl eine Wiedergeburt bescherte, was jedoch gar nicht so einfach war: "Ich habe fast ein Jahr gebraucht, bis ich erstmal den Rechteinhaber ausfindig machen konnte. Weil der Ernst Moeckl 2013 gestorben ist. Und dann hat es fast noch mal ein Jahr gedauert, bis wir uns einigen konnten, dass ich jetzt die exklusiven Rechte innehabe und wir damit auch hochoffiziell wieder produzieren dürfen. Einzigartig auf der Welt."

Menschen sind fülliger geworden

Farbige Plastestühle
Neue Dimensionen Bildrechte: Pestel PUR-Kunststofftechnik GmbH & Co. KG

Die Renaissance des Stuhldesigns erforderte allerdings auch einige Anpassungen, so Pestel: "Menschen werden größer, breiter, schwerer. Wir haben den Stuhl also nicht nur nach oben gezogen, sondern wir haben den in alle Dimensionen vergrößert. Das nennt man skalieren. Der ist also breiter, tiefer und höher – und auch dicker von den Materialien. Aber alles designgerechnet, wir haben da nichts verändert sonst."

Alles in Handarbeit - weltweite Nachfrage

Weiße Plastestühle an einem Tisch
Der Z-Stuhl lebt wieder auf. Hier im Haus Siegfried. Bildrechte: Pestel PUR-Kunststofftechnik GmbH & Co. KG / Elena Krämer

Wer nun denkt, die Z-Stühle der neuen Generation fallen am Fließband aus dem 3D-Drucker, hat sich getäuscht. Jeder Stuhl wird einzeln in einer Negativgussform aus zwei flüssigen Komponenten ausgeschäumt. Und dann geht’s ums Detail, wie Pestel beschreibt: "Wir können an dem Stuhl fast keine Maschinen einsetzen, weil es keine geraden Flächen gibt. Wir würden immer die Geometrie verformen. Deswegen alles per Hand. Und auch die Lackierung mit einem Drei-Schicht-System ist sehr aufwendig und braucht viel Zeit, auch für die Trocknung, sodass das am Ende schon immer ein Unikat ist. Das hat so seine eigene Handschrift von den Leuten, die das gemacht haben. Es ist eigentlich ein Manufakturprozess."

Diese Handarbeit hat den Vorteil, dass man effektiv auf Bestellung produzieren kann. Und bestellt wird der Stuhl weltweit. Anfragen kommen aus Australien, Südafrika, Bolivien, Holland, England, Frankreich, Schweiz – und natürlich aus Deutschland, freut sich die Jungunternehmerin. Und auch ihre Eltern sind begeistert, dass sie mit dem scheinbar verunglückten Geburtstagsgeschenk für ihre Tochter alles richtig gemacht haben in Sachen Zukunft des Chemnitzer Familienunternehmens.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. November 2020 | 07:10 Uhr

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