"Seegewohnheiten. Max Pechstein: Fotografie" Kunstsammlungen Zwickau zeigen Max Pechstein als Fotografen

Der expressionistische Maler Max Pechstein ist ohne Frage der Hausheilige der Kunstsammlungen Zwickau. Das Museum beleuchtet immer wieder spannende Facetten im Werk des gebürtigen Zwickauers. In der neuen Schau mit dem Titel "Seegewohnheiten. Max Pechstein: Fotografie" kann man den Maler als Fotografen kennenlernen. Präsentiert wird zum ersten Mal auch das lange verschollene und jetzt neu erworbene Bild "Brücke" aus dem Jahr 1921.

Männer ziehen ein Boot 4 min
Bildrechte: Pechstein – Hamburg/Preetz

Zeit seines Lebens war Max Pechstein auf der Suche nach Ursprünglichkeit und unverfälschter Natur. Und solch einen Sehnsuchtsort fand er Anfang der 1920er-Jahre, und zwar in der Region um Leba in Hinterpommern. Hier – an der heutigen polnischen Ostsee – fand er sein Malerparadies. Und hier griff er dann auch zum ersten Mal zur Kamera, das erzählt die Kuratorin Annika Weise:

Männer unter einer Zeltplane Fischernetze flickend und rauchend
Fischer am Strand beim Netzeflicken in Hinterpommern, fotografiert von Pechstein um 1927 Bildrechte: Pechstein – Hamburg/Preetz

"Max Pechstein hat sich seine 6x9-Klappkamera umgehängt und ist mit ihr auf Streifzug durch die Region gezogen. Es sind vor allen Dingen Begegnungen mit Menschen, und Menschen bei ihrer täglichen Arbeit, die einheimischen Fischer und Bauern. Sehr interessant ist, dass Max Pechstein offensichtlich auch Gefallen an Bewegungsabläufen hatte."

Fotografien wie für ein Daumenkino

hist. Aufnahme. Fischfang wird sortiert
Arbeitsalltag an der Küste von Pechstein eingefangen Bildrechte: Pechstein – Hamburg/Preetz

Max Pechstein ist fasziniert von Bewegungsabläufen, und die hält er dann in seriellen Fotografien fest, wie z. B. die Schnitter auf einem Feld. "Eine ganze Reihe, hauptsächlich Männer stehen mit ihren Sensen auf dem zu erntenden Kornfeld, führen rhythmisch die gleiche Bewegung aus", beschreibt Annika Weise: "Und Max Pechstein steht unweit entfernt, bewegt sich sogar langsam um die Gruppe herum und fotografiert in Serie. Und es entstehen dadurch Fotografien, die einem Daumenkino gleichkommen."

Fotos als Vorlage für Gemälde

Die filmischen Schnappschüsse von den Landarbeitern wechseln sich ab mit Inszenierungen von Häusern und Menschen. Max Pechstein hat sie selbst in ein Album eingeklebt – und so sind diese rund 300 kleinformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Nachwelt erhalten geblieben. In der Schau kann man nun nachverfolgen, wie Pechstein die Fotos als Vorlagen verwendet für seine Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken.

Und als besonderer Höhepunkt wird hier auch erstmals das Gemälde "Brücke" (Große Mühlengrabenbrücke) von 1921 präsentiert. Es ist ein Schlüsselwerk, das ebenfalls in seinem Malerparadies an der Ostsee entstand. Und so zeigt es ein leuchtend blaues Sommeridyll mit ankernden Booten, als Sinnbild für die Leichtigkeit des Seins.

Ein Gemälde mit einer Brücke und Booten
Ein Schlüsselwerk von Pechstein, das an der Ostsee entstand: "Brücke" Bildrechte: Kunstsammlungen Zwickau / Max-Pechstein-Museum

Das Gemälde "Brücke" verschwindet in NS-Zeit

Ein Dutzend Jahre später wird das Gemälde dann zu einem Symbol für die barbarische Politik der Nationalsozialisten. Denn die jüdischen Besitzer aus Berlin sahen sich damals zum Verkauf des Bildes gezwungen. Das Bild verschwand spurlos, der Vater wurde im KZ ermordet. Erst in den 1990er-Jahren taucht das Gemälde wieder auf. Es war nach dem Krieg in den Besitz einer Hamburger Familie geraten, die von alledem nichts wusste. Dabei kam es dann völlig überraschend zu einer wundersamen Begegnung:

"Tatsächlich hat die Hamburger Familie dann eine Ausgleichszahlung an die Berliner Familie gezahlt in den 1990er-Jahren, ganz freiwillig, das muss man betonen. Die beiden Familien haben sich gegenseitig oft besucht und gegenseitig öfter das Gemälde besprochen und auch gesehen, und so hat dann doch diese sehr aufwühlende Geschichte ein sehr gutes Ende genommen."

Angabe zur Ausstellung Max-Pechstein-Museum Zwickau
08058 Zwickau
Lessingstraße 1

Seegewohnheiten: Max Pechstein: Fotografie
Bis 11. September 2022

Öffnungszeiten
Di-Fr: 13 bis 18 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2022 | 06:10 Uhr

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