Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Karl Schmidt-Rottluff: "Monte Palatino" (1930) Bildrechte: Brücke-Museum + Karl und Emy Schmidt-Rottluff-Stiftung

Online-Ausstellung

Kunstsammlungen Zwickau laden zu einer Reise nach Italien

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Stand: 11. April 2021, 04:00 Uhr

Die Kunstsammlungen Zwickau wecken mit ihrer farbenprächtigen Schau "Italiensehnsucht!" Urlaubsgefühle. Werke von Malern wie Heckel, Macke, Schmidt-Rottluff und Kandinsky entführen nach Rom, Florenz, an die Amalfiküste, Capri und Sizilien. Die Schau bleibt aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie geschlossen, sie kann aber online in einem 360-Grad-Rundgang besucht werden. Auch der Ausstellungskatalog lohnt sich.

Schon Johann Wolfgang von Goethe wusste genau, was uns Deutschen (und in diesen Corona-Tagen sowieso) fehlt – und er wusste auch, wo wir es finden können, jenes Gefühl der "inneren Verklärung seiner selbst", ja, "von freyerem Leben, höherer Existenz, Leichtigkeit und Grazie", wie er es 1786 seinem Tagebuch anvertraute: in Italien. Die Unruhe, endlich nach Italien und dort zu sich selbst zu kommen, durchzieht die deutsche Literatur und Malerei wie ein grün-weiß-roter Faden, vom allgemeinen Tourismus nicht zu reden. Nun widmen die Kunstsammlungen Zwickau einem besonderen Kapitel der deutschen "Italiensehnsucht!" eine hochkarätige, leider geschlossene, Sonderschau – nämlich jener magischen Anziehung, die das Land auf die Malerinnen und Maler in den Jahren von 1905 bis 1933 ausübte, auf Maler wie Beckmann, Heckel, Macke oder Pechstein.

Erich Heckel: "Campagna Landschaft" (1909) Bildrechte: Nachlass Erich Heckel Hemmenhofen

Farbenprächtige Bilder entführen nach Rom, Florenz, an die Amalfiküste, Capri und Sizilien

Da hängt es präsent auf limettengrünem Hintergrund, gleich am Eingang der Schau "Italiensehnsucht!", die die Zwickauer Kunstsammlungen mit viel Enthusiasmus, im Verbund mit zwei weiteren Museen, geplant haben, jenes Bild "Monterosso al Mare", das Max Pechstein ebenda malte. 1924 ein einsamer Strand. Malerparadies in unberührter Natur, auch heute noch schwer zu erreichendes Dorf der Cinque Terre an der italienischen Riviera. Petra Lewey, Leiterin der Kunstsammlungen Zwickau, betont, dass sie für die Wände die kräftigen, teils grellen, Farben des Südens gewählt hat, die Expressionisten wie Schmidt-Rotluff, Macke oder Pechstein inspirierten: Azurblau, Orange, Aubergine.

Wir werden gleich reingezogen in eine wunderschöne Küstenlandschaft – Monterosso al Mare, dieser, von den Touristen noch etwas verschont gebliebene Küstenort. Die Fischer, die Kneipen, die südliche Landschaft, das war ein Italienbild, was sich natürlich auch in den Zeichnungen und Malereien wiederfindet.

Petra Lewey, Leiterin der Kunstsammlungen Zwickau über Max Pechsteins "Monterosso al Mare"

Max Pechstein: "Monterosso al Mare" (1924) Bildrechte: Pechstein Hamburg Tökendorf

Über 100 Werke von 31 Malerinnen und Malern präsentieren Katalog und Ausstellung, teils in Petersburger Hängung, teils mit zusätzlichen Stellwänden. Zugpferde wie Heckel, Kandinsky, Macke, Münter, Pechstein oder Schmidt-Rottluff machen mit vielen unbekannten Malern und vor allem Malerinnen bekannt, die Anfang des 20. Jahrhunderts das verklärende Licht des Südens suchten. Der Katalog zeigt in einer Grafik wie auch in Beiträgen: Sie suchten keine andere Stätten auf als Italien-Pilger heute – die weiten Plätze Roms, Florenz, die prächtigen Kirchen, die römischen Antiken mit ihren Ruinen, Ligurien und die pittoreske Amalfiküste oder etwa die Inseln Sizilien und Capri.

Hans Kuhn: "Südliches Zimmer" Bildrechte: Nachlass Hans Kuhn Baden-Baden

Italien als Zufluchtsort hungernder Künstlerinnen und Künstler

Dafür nahm die deutsche Künstlergemeinde Anfang des letzten Jahrhunderts teils große Entbehrungen auf sich, ebenso wie jene Heere von deutschen Malern, die im 18. und 19. Jahrhundert über die Alpen gekommen waren. Wer seine Werke, vorzugsweise an Touristen, nicht verkaufen konnte, hungerte auch schon mal. Als das idyllische Capri nach dem Ersten Weltkrieg seine Inspiration verlor, entdeckte die deutsche Künstlergemeinde nicht weit weg das karge Fischerdorf Positano, den "senkrechtesten Ort der Welt", wie Paul Klee schrieb.

Die finanzielle Situation war natürlich auch katastrophal, auch während der Zeiten der Inflation in Deutschland. Und da hat man versucht, mit wenig Geld irgendwo zu leben. Und es hatte natürlich auch diese Schattenseiten in Italien. Gerade Positano war fast leer gezogen von den Italienern, es gab nichts mehr zu verdienen.

Paul Klee, Maler

Künstlerort Positano: Der "senkrechteste Ort der Welt"

Nirgendwo war die Welt so porös wie hier, so rätselhaft und fragil und glich dem Zeitgefühl nach der Apokalypse des Krieges. Diesem Kapitel widmen die Kunstsammlungen Zwickau einen ganzen, großen Ausstellungssaal. Viele Künstler malten die beängstigenden und bedrohlich labilen Abhänge der Bergmassive um Positano. Magischer Realismus, Neue Sachlichkeit und pittura metafisica finden hier ein Echo. So ließ der Maler Adolf Erbslöh aus dem Kreis des Jungen Rheinland einen Berggipfel im kosmischen Expressionismus erstrahlen – eine ideale Kulisse für den damals entstehenden Filmklassiker "Metropolis".

Der malerische Ort Positano zog zahlreiche Künstlerinnen und Künstler an. Bildrechte: imago images/UIG

Die Hamburger Malerin Anita Rée evoziert mit kahlen Bäumen und tot wirkenden Häusern Positano als einen rätselhaften Ort. Positano wurde für die Nachkriegsgeneration zum Ort der Selbstvergewisserung, erzählt die Museumsleiterin Petra Lewey: "Und dann ist das wirklich ganz eigenartig in die Felsen hineingebaut. Das hat natürlich die Künstler fasziniert, auch die verschiedenen Blicke, die man hat, von oben nach unten und von unten nach oben. Vom Meer hoch gibt es Ansichten, aber auch wenn man oben steht, mit dem Blick aufs Meer hat man wunderbare, malerische, pittoreske Ansichten."

Positano blieb natürlich das Schicksal nicht erspart, das viele Künstlerkolonien erlebten: Der Ort erlebte in den 50ern einen Ansturm amerikanischer Prominenz, sie löste einen Touristenboom aus. Dass das Felsennest einmal ein wichtiger Ort für die Kunstwelt um 1920 war, entdeckt die Zwickauer Schau mit ihren Besuchern wieder, die durch die teils hochkarätigen Bilder befeuert, in ihren eigenen Italiensehnsüchten schwelgen können.

Hans Purrmann: "Forum Romanum" (1923) Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn

Informationen zur Ausstellung:"Italiensehnsucht! Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler von 1905-1933"
Kunstsammlungen Zwickau
bis 30. Mai 2021

Die Sonderschau kann vor Ort nicht besucht werden.

Das Museum bietet auf seiner Webseite einen 360-Grad-Rundgang an.

Der gleichnamige Katalog ist im Wienand-Verlag erschienen und kostet 25 Euro.

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. April 2021 | 17:10 Uhr