Musikfestival in Corona-Zeiten Leipzig bekommt Bach-Marathon statt Bachfest

1.500 Minuten dauert der Bach-Marathon - das Ersatzprogramm für das wegen der Corona-Pandemie entfallene Bachfest. Untertitel: "Zur Recreation des Gemüths", weil Bachs Musik die Menschen auch trösten kann. Und Trost haben wir in der Krise alle nötig, sagt Michael Maul, Intendant des Bachfestes. Der Bach-Marathon wird vor allem von der Leipziger Freischaffenden-Szene gestemmt. Abschluss bildet wie jedes Jahr die h-Moll-Messe, auch wenn diese überhaupt nicht corona-tauglich ist, wie Maul erklärt. Und so wird es die kleinstbesetzte Aufführung der Welt!

MDR KULTUR: An zwei Wochenenden steigt der "Bach-Marathon" – was ist das?

Michael Maul: Ein "Bach-Marathon" sind 1.500 Minuten Bach verteilt auf sechs Stunden an den Wochenende-Tagen im Bachfest-Zeitraum: am 13./14. und 20./21. Juni und hat den Untertitel "Zur Recreation des Gemüths", das ist ein Bach-Zitat. Bach hat der Musik die Wirkung bescheinigt, zur "Recreation des Gemüths" beizutragen, wir wissen auch alle, Bachs Musik begeistert die Leute nicht nur, sondern ist auch in der Lage, sie zu trösten. Und diese "Recreation", die haben wir alle in der Krise gut nötig und deswegen versuchen wir uns mit diesem Bach-Marathon, wir selber als Veranstalter, sicherlich auch die vielen beteiligten Künstler und all die, die gern zum Bachfest gereist wären, etwas zu therapieren.

Mit dabei sind Mahan Esfahani, Calmus Ensemble, amarcord, Ton Koopman ... Was sind Ihre Höhepunkte?

Zunächst: Es ist toll, das erstmal die Leipziger Freischaffenden-Szene das Programm stemmt, das war mir ganz wichtig. Über 150 Freischaffende sind beteiligt, eigentlich alles, was wir an bekannten Vokalensembles, Kammermusik-Formationen zu bieten haben, ist dabei.

Verdienen die Freischaffenden auch etwas, Herr Maul?

Gemälde von Johann Sebastian Bach
Johann Sebastian Bach Bildrechte: dpa

Ja, wir haben bei der Johannes-Passion damals zu Spenden aufgerufen für die Freischaffenden, um weitere Streaming-Angebote zu schaffen. Da sind von Bach-Liebhabern aus der ganzen Welt 20.000 Euro zusammen gekommen. Und jetzt haben unsere wirklich treuen verlässlichen Partner des Bachfestes geholfen, als sie von diesem Konzept gehört haben, das wir vor allem den Freischaffenden eine Bühne bieten wollen. Da haben sie das Portemonnaie aufgemacht, die Sparkasse Leipzig, die Leipziger Gruppe, die Chorherrenstiftung, zuletzt noch die So-Geht-Sächsisch-Kampagne. Da haben wir jetzt einen Künstler-Honorarpott von 70.000 Euro zusammen bekommen. Jeder von uns verdient gleich, ob er Ton Koopman heißt oder der zweite Geiger im Leipziger Barockorchester ist, das gefällt mir sehr.

Und jetzt: Verraten Sie uns die Programm-Highlights!

Das ist auch ganz schwierig zu sagen: Es ist die Vielfalt. Ich hab vor drei Wochen, also die Planung jetzt war auch ein Marathon so kurzfristig, bin ich auf die Musiker zugegangen, hab gesagt: Wir haben das vor, wir haben soundosviel Zeit – habt ihr Programmvorschläge? Dann haben wir wirklich versucht, alle unter zu bringen. Man sollte unbedingt auf unsere Website gehen und sich das im Detail anschauen.

Um mal beliebig drei Highlights rauszupicken: Wir werden ganz am Schluss - es ist ein Wagnis, aber es muss sein - diesen Marathon wie ein normales Bachfest zu Ende gehen lassen, nämlich mit der Aufführung der h-Moll-Messe. Dieses Stück ist absolut nicht corona-tauglich, weil es die größtbesetzte Komposition von Bach ist. Gregor Meyer, Gewandhauschor-Leiter, dem hab ich gesagt: Wir müssen irgendwie eine Fassung finden mit 14 Leuten, das müsste dann abstandstechnisch auf der Bühne machbar sein. Er hat tief geschluckt, am Ende hat er mich noch auf 17 hochgehandelt und hat eifrig die h-Moll-Messe uminstrumentiert. Der älteste Musikverlag der Welt Breitkopf ist uns zu Hilfe geeilt, um die Edition der besonderen Fassung - normalerweise brauchen wir für die h-Moll-Messe drei, vier Jahre, um das zu edieren - jetzt in vier Tagen zu erstellen. Das wird wahrscheinlich die kleinstbesetzte h-Moll-Messe aller Zeiten, aber wir streamen ja alles im Netz und diese h-Moll-Messe wird mit Kameras aufgenommen aus unterschiedlichen Perspektiven. Ich habe all die Bach-Chöre, die nach Leipzig kommen wollten, eingeladen: Schaut euch den Stream an, ihr bekommt die Partitur des Dirigenten, bitte singt mit zu Hause in Neuseeland oder Paraguy, schickt uns hinterher die Videos, damit im Nachgang aus dieser kleinsten Aufführung die größte wird.

Eine andere Sache ist, wir werden die Johannes-Passion vom Karfreitag an diesem Sonntagabend nochmal zeigen, allerdings jetzt bereichert mit über 300 Mitsing-Videos, die wir aus der ganzen Welt bekommen haben. Der MDR hat uns das zauberhaft zusammen gesetzt. Ich hab schon mal reingeschaut und muss sagen, wer da nicht Gänsehaut bekommt oder sich das eine oder andere Tränchen verdrückt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Informationen zum diesjährigen Bachfest: Die insgesamt vier Programmteile am 13., 14., 20. und 21. Juni werden teils live, teils als Aufzeichnung aus den Bach'schen Originalstätten Thomas- und Nikolaikirche gestreamt. Beginn ist wegen der erwartungsgemäß zahlreichen Zuhörer in den USA jeweils um 16 Uhr, das Eröffnungskonzert am Samstag startet bereits um 14.30 Uhr.
An den beiden Samstagen können jeweils bis zu 200 Interessierte auch Konzerte im Rahmen von Gottesdiensten in der Thomas- und
Nikolaikirche besuchen. Ebenfalls ist geplant, musikalische Grüße von
Bach-Freunden aus aller Welt und Mitsing-Formate ins Programm
einzustreuen.
Das eigentlich von 11. bis 20. Juni geplante 95. Bachfest ist wegen der Coronavirus-Pandemie auf 2022 verschoben worden. Unter dem Motto "Bach - We are Family" hätten in diesen Tagen eigentlich Dutzende Bach-Chöre und -Gesellschaften aus aller Welt zur größten Zusammenkunft der globalen Bach-Community der Geschichte nach Leipzig kommen sollen.

Michael Maul 10 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juni 2020 | 08:10 Uhr