Museum Leipziger Bach-Archiv wird 70: ein Rück- und Ausblick

Bachpflege gab es in Leipzig seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert – natürlich mit den Thomanern, ihren Aufführungen und den Organisten, die Bachs Werke spielten. Wettbewerbe und Preise sorgen heute für internationale Aufmerksamkeit – jüngst ging die Bachmedaille an die kanadische Pianistin Angela Hewitt. Zudem gab es lange Zeit eine weitgehend ungeordnete Forschung zu Bach, zumindest bis zur Gründung des Bach-Archivs in Leipzig, sagt Dr. Peter Wollny, ihr heutiger Direktor.

Bachmuseum Leipzig - Innenhof
Innenhof des Bach-Museums, welches an das Bach-Archiv angegliedert ist Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig / Gert Mothes

Die Gründung des Bach-Archivs im Jahr 1950 sei ein wichtiger Schritt gewesen, denn 1950 seien die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs noch überall spürbar und sichtbar gewesen. Die Zerstörung großer Teile der Stadt, die Zerstörung wichtiger Bibliotheken – man habe nicht gewusst, wieviele der wertvollen Handschriften überhaupt den Krieg überstanden hatten.

All das war um 1950 ein wichtiges Thema und die Gründung des Bacharchivs sollte ein Institut schaffen, das das zusammenträgt, auswertet, sichtet, was der Krieg übrig gelassen hatte und sollte Bachs Werke und die Spuren seines Lebens und Schaffens für die Zukunft bewahren.

Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig

Facettenreiche Betrachtung

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig
Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig / Gert Mothes

Lange Zeit konzentrierte sich die Forschungsarbeit vor allem auf den großen Thomaskantor. Mittlerweile sei das Feld aber viel weitergesteckt. Das Bacharchiv habe sich zwar auch schon in den 60er- und 70er-Jahren umgeschaut – Was ist aus den Söhnen geworden? Wo sind die Spuren der Vorfahren Bachs? – aber so richtig systematisch sei die gesamte Familie eigentlich erst nach der Wende ins Blickfeld gerückt. Mit Ausgaben von Werken, mit wirklich intensivierter Forschung und einem Verständnis auch für die künstlerische Eigenständigkeit der übrigen Familienmitglieder. Darüber hinaus sollen die Mitarbeitenden im Laufe der Zeit immer stärker begriffen haben, dass man auch eine so herausragende Figur wie Johann Sebastian Bach nur dann richtig versteht, wenn man auch das Umfeld betrachtet, in dem er gewirkt hat, in dem er aufgewachsen ist, so Bach-Archiv-Direktor Wollny. Deswegen sei das Forschungsthema mittlerweile die gesamte mitteldeutsche Musiklandschaft und ihre einzigartige Musikkultur, welche es auf der Welt nicht noch einmal gebe. Die Betrachtung Bachs aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln stellt die Prämisse für die Arbeit des Bach-Archivs dar.

International gemeinsam und vernetzt

Heute, im siebzigsten Jahr des Bestehens ist das Bach-Archiv Leipzig gleichsam das Herzstück eines internationalen Netzwerks der Bachpflege und –forschung. Dazu tragen auch die Veranstaltungen mit besonderer Außenwirkung bei, wie das Bachfest und der Bachwettbewerb Leipzig. Seit einiger Zeit bestehen enge Verbindungen in alle Welt, beispielsweise nach Amerika, Australien, Neuseeland oder Japan. Es sei ein internationales Netzwerk von Forschenden entstanden, die miteinander in Kontakt stehen.

Die Gespräche, die meine Kollegen und ich mit Besuchern aus aller Welt während des Bachfestes führen, haben uns schon viele Türen geöffnet und ich denke, das wird auch so weitergehen.

Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig

Das in den letzten Jahren deutlich gewachsene Bachfest sei ein wichtiges Aushängeschild – zum einen für das Bach-Archiv seinem internationalen Publikum gegenüber, zum anderen zeige die Stadt Leipzig, dass dort eine internationale Schar der Bachfreunde zusammenkomme und man die Musik Bachs an den historischen Stätten erleben könne. Das helfe dem Bach-Archiv auch beim Einwerben von Geldern und um Kontakte zu knüpfen, wie beispielsweise zu Besitzerinnen und Besitzern von wichtigen Quellen.

Bachmedaille für kanadische Pianistin

Im Rahmen des Bachfests wird zudem jährlich die Bachmedaille verliehen – in diesem Jahr an die kanadische Pianistin Angela Hewitt. Sie spielte in der Leipziger Thomaskirche Bachs "Goldberg-Variationen", ein Konzert das wegen der Corona-Pandemie ohne Publikum stattfand und im Internet gestreamt wurde. Es ist noch bis zum 15. Februar 2021 bei Arte Concert zu sehen. Mit der Auszeichnung werden nicht nur Hewitts künstlerische Lebensleistung, sondern auch ihre besonderen Bemühung, Bachs Werk zu pflegen, gewürdigt. Die Stadt Leipzig vergibt die Medaille jährlich ehrenhalber, ohne Preisgeld.

Angela Hewitt spielt am Flügel
Angela Hewitt wurde 2020 als erste Frau mit der Bachmedaille ausgezeichnet. Bildrechte: Keith Saunders

Digitale Arbeit läuft schon seit 10 Jahren

Ein weiteres Schaufenster ist das dem Bach-Archiv angegliederte Bach-Museum, wo in wechselnden und Dauerausstellungen Einblick gewährt wird, u. a. auch in die Forschungsarbeit. Seit einiger Zeit sei man darüber hinaus emsig mit der Digitalisierung des Archivs beschäftigt. Direktor Peter Wollny erklärt stolz, dass diese Arbeit schon seit zehn Jahren stattfinde. Da im 19. Jahrhundert Handschriften in alle Welt verkauft und unter den Privatsammlerinnen und Privatsammlern weitergereicht worden seien, würden sich die Notenhandschriften heutzutage über die ganze Welt verteilt befinden.

Wir können ja nicht alles ankaufen, manches ist auch dauerhaft in Bibliotheken – aber es ist unser Wunsch, mit wirklich hochwertigen Farbscans Bachs originale Notensammlung wenigstens virtuell wieder zusammenzuführen.

Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig

Lesesaal der Bibliothek des Bach-Archivs Leipzig
Lesesaal der Bibliothek des Bach-Archivs Leipzig Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig / Johannes Voigt

Zum Beispiel seien von einer von Bachs großen Kantaten zum Michaelisfest alle Stimmen, die mal in der Thomasschule gelegen haben, einzeln verkauft worden. Diese seien über viele Bibliotheken verstreut. Digitale Scans könnten daher helfen, Dinge, die über Jahrhunderte voneinander getrennt worden seien, wieder zu vereinen. Dies sei für die Forschung von besonderer Bedeutung, betont Wollny. Und so sieht sich das Bach-Archiv in seinem Jubiläumsjahr gut aufgestellt für künftige Herausforderungen und Aufgaben in Sachen Bach und sein Umfeld.

Corona sorgt für starke Einschränkungen der Feierlichkeiten

Bachmuseum Leipzig - Hofansicht
Bachmuseum Leipzig - Hofansicht Bildrechte: Bach-Archiv Leipzig / Gert Mothes

Die Festivitäten rund um das Jubiläum sind allerdings größtenteils der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen zum Opfer gefallen. Urspünglich sollte es zum Beispiel ein großes Festkonzert, ein Konzert zur Verleihung der Bachmedaille der Stadt Leipzig und eine Konferenz geben. All das musste mit dem zweiten Lockdown im November weichen. Die Publikumskonzerte sind zwar abgesagt, aber zwei Konzerte werden wenigstens als Streams stattfinden dürfen, darunter das Medaillenkonzert. Die kanadische Pianistin Angela Hewitt werde ganz alleine in der Thomaskirche spielen und dabei gefilmt werden.

Das ist natürlich ein schwacher Ersatz für das, was wir eigentlich vorhatten.

Dr. Peter Wollny, Direktor des Bach-Archivs Leipzig

Aber die Zeiten würden eben nicht mehr erlauben, trotzdem soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Bacharchiv seinen 70. Geburtstag feiert. Daher müsse es jetzt auf Sparflamme funktionieren – es wird überlegt, wann und in welcher Form die Feierlichkeiten nachgeholt werden können.

Mehr Informationen Das Bachfest Leipzig "Erlösung" findet vom 11. bis 20. Juni 2021 statt. Kartenvorverkauf startet am 16. November 2020.

Mehr Bach erleben

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2020 | 10:15 Uhr