"Tage der deutschsprachigen Literatur" Wettlesen um Bachmannpreis: Zwei Nominierte aus Sachsen dabei

Erst nach einigem Hin und Her wurde entschieden, dass die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt dieses Jahr online stattfinden. Von Mittwochabend bis Samstag stellen 14 Autorinnen und Autoren neue Texte vor. Mit dabei sind auch zwei Teilnehmende aus Sachsen: Katja Schönherr wuchs in Dresden auf und Matthias Senkel studierte am Leipziger Literaturinstitut. Beide bedauern die seltsame Stimmung im aktuellen Jahrgang, sind aber auch froh, dass mit dem Bachmannpreis dennoch ein Zeichen für die Literatur gesetzt wird.

Probedurchlauf Bachmannpreis
Das Studio in Klagenfurt wird für den virtuellen Jahrgang vorbereitet. Bildrechte: ORF

Matthias Senkel ist zweifelsohne der bekanntere der beiden sächsischen Autoren, die in diesem Jahr bei den Tagen der deutschsprachigen Literataur lesen: 1977 wurde er in Greiz geboren und war vor zwei Jahren mit seinem Roman "Dunkle Zahlen" für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Katja Schönherr hat im letzten Jahr ihren Debütroman "Marta und Arthur" vorgelegt. Sie lebt in der Schweiz, hat ihre Wurzeln aber in Sachsen: "Ich bin im Erzgebirge geboren und in Dresden aufgewachsen. Also alles, woran ich mich aktiv erinnern kann, fand in Dresden statt. Das wird vielleicht nicht direkt in meinen Texten deutlich, aber alles, was ich erlebt habe, spielt da mit rein."

Jeder kämpft für sich

Katja Schönherr  ich würde gerne das anhängende Bild ins System einpflegen lassen:  Bildrechte: Suzanne Schwiertz  Darüber hinaus würde ich mich sehr über eine Collage freuen, bei der die Autorin neben einen anderen Autoren gestellt wird. Das Bild dazu ist unter folgender ID zu finden:  matthias-senkel-108  Beste Grüße  Simon Bernard
Die Schriftstellerin Katja Schönherr ist in Dresden aufgewachsen. Bildrechte: Suzanne Schwiertz

Im Zentrum ihres Romans stehen keine einzelnen Orte, sondern das Verhältnis ihrer Figuren zueinander. Katja Schönherr schreibt über die Einsamkeit in Beziehungen, über seelische und körperliche Wunden, die sich Menschen gegenseitig zufügen. "Man geht immer davon aus, dass das, was andere Leute sagen, stimmt. Aber ich glaube, dass niemand den ganzen Tag die ganze Wahrheit sagt. Es gibt in Beziehungen so viele Missverständnisse und Konflikte, die nicht geklärt werden können. Ich finde es spannend, wie sich die Leute das Leben schwer machen", erzählt Schönherr.

Am Ende kämpfe jeder für sich allein, erklärt die Autorin im obligatorischen Vorstellungsvideo zum Bachmannpreis. Ähnliches lässt sich auch vom Wettlesen in Klagenfurt sagen. Matthias Senkel hat das im Jahr 2012 schon einmal erlebt. Von den meisten Juroren gab es damals Lob für seinen klugen und witzigen Text, einigen erschien er dagegen als etwas zu klug. An den Wettbewerb hat Senkel aber vor allem positive Erinnerungen:

Es ist eine tolle Lesung mit gespannten und konzentrierten Zuhörern. Das trifft auch auf die anschließende Diskussion zu, auf wenn das etwas schwierig ist: Man sitzt auf dem Präsentierteller und der Text wird zerlegt. Aber es gehört dazu, dass es positive und negative Leseeindrücke gibt. Man nimmt von beiden Seiten etwas mit.

Matthias Senkel

Das, was fehlt

Matthias Senkel vor rotem Hintergrund.
Der Leipziger Schriftsteller Matthias Senkel liest schon zum zweiten Mal beim Bachmannpreis. Bildrechte: MDR/Stephan Flad

In seinen Geschichten macht Matthias Senkel auf spielerische Weise die Geschichte selbst zum Thema. Sein erster Roman „Frühe Vögel“ handelt von einem fiktiven Luftfahrtpionier. In "Dunkle Zahlen" lässt er eine Literaturmaschine von einer - wiederum fiktiven - Programmierer-Spartakiade in Moskau erzählen. Er sei an den Defiziten interessiert: "Bei 'Frühe Vögel' ging es darum, welche Aspekte in der Luft- und Raumfahrtgeschichte unterbelichtet geblieben sind. Bei 'Dunkle Zahlen' ist es die Computergeschichte, die immer sehr stark aus amerikanischer Perspektive beleuchtet wird."

Die Geschichte, mit der er in Klagenfurt antritt, hat Matthias Senkel schon eingelesen. Wie alle anderen Lesungen wird auch diese als Aufzeichnung gezeigt. Der Wettbewerb fühle sich diesmal sehr steril an, sagt Senkel und freut sich dennoch, dass er stattfindet.

Probedurchlauf Bachmannpreis
Die Jury wird in diesem Jahr nur virtuell nebeneinander sitzen, wie hier im Probedurchlauf. Bildrechte: ORF

Es war die richtige Entscheidung, in diesem kulturarmen Jahr zu sagen, wir geben der Literatur ein Forum, zeigen die Autorinnen und Autoren und lassen Literatur im Fernsehen stattfinden. Gleichzeitig finde ich es schade, dass ich Klagenfurt, die anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen und die Jury nicht kennenlerne."

Katja Schönherr

Ein wenig wird sich das Wettlesen wohl wie ein simulierter Wettbewerb anfühlen. Vor Ort im Studio werden nur ein Moderator und der Justiziar der Stadt Klagenfurt sitzen. Die Autoren und Juroren bleiben zu Hause. Da die Jury dennoch live tagt und aus der Ferne ihr Urteil fällt, dürfte sich im 44. Jahrgang trotzdem die gewohnte Spannung einstellen – verbunden mit der Frage, welcher Text überzeugt, welcher durchfällt und welcher am Ende mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wird.

Infos zum Bachmannpreis Wann genau die Lesungen der beiden sächsischen Autoren gezeigt werden, wird noch ausgelost.
Die Lesungen und Diskussionen werden live im Internet und beim Fernsehsender 3sat an folgenden Terminen übertragen:
Donnerstag und Freitag jeweils 10-15.30 Uhr
Samstag 10-14.30 Uhr
Preisverleihung wird dann am Sonntag von 11-12 Uhr gezeigt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Juni 2020 | 13:40 Uhr