Szenen vom Land schafft Theater
Neben den Laiendarstellern spielt auch TV-Serienstar Cheryl Shepard in "Die große Reise" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Projekt "LAND-schafft-THEATER" "Die große Reise" macht Bad Düben zur Bühne

Unter der Überschrift "LAND-schafft-THEATER" feierte am Wochenende das Stück "Die große Reise" in Bad Düben Premiere. Dort bringen professionelle Theatermacher bereits zum dritten Mal gemeinsam mit Laiendarstellern aus der Stadt eigene Projekte auf die Bühne, inklusive TV-Stars wie Cheryl Shepard und Melanie Marschke. Ein theatraler Stadtrundgang, der das Thema Selbstoptimierung und Zeit in den Fokus nimmt: MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky hat "Die große Reise" in Bad Düben gesehen und ist fasziniert von der Spielfreude des Ensembles.

Szenen vom Land schafft Theater
Neben den Laiendarstellern spielt auch TV-Serienstar Cheryl Shepard in "Die große Reise" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach 2012 und 2015 ist es bereits das dritte "LAND-schafft-THEATER" in Bad Düben. "Die große Reise" ist wieder eine Kombination von Laiendarstellern aus der Stadt, inklusive Kurrende-Chor, Posaunenchor, eigener Band und Turnverein sowie Profischauspielern, wie Jana Bauke, Günther Schoßböck und Sven Reese.

Dazu kommen Serienstars aus dem Fernsehen: Cheryl Shepard, die viele Jahre in der Serie "In aller Freundschaft" besetzt war und Melanie Marschke, die in der Krimiserie "Soko Leipzig" die Hauptrolle spielt. Das Ensemble ist mit 150 Mitwirkenden sehr groß.

Zudem ist es tatsächlich ein Landschafts-Theater, denn konkret wandert das Publikum hier vier Stunden von einem Spielort zum nächsten. Insgesamt sind es fünf Orte. Gespielt wird drinnen, zu Beginn in der Kirche, und dann draußen, zuerst an der Mulde, dann auf einem ehemaligen LPG-Hof, in einer Kleingartensparte, auf einem Feld und schließlich auf dem Bahnhof.

Über Selbstoptimierung und Effizienz

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Schauspielerin Melanie Marschke als "Effi" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Die große Reise" erzählt von der Reise zu sich selbst. Es ist ein modernes Märchen mit Happyend, ein Märchen über unsere Lebenswelt - über "Work-Live-Balance". Es geht um Selbstoptimierung und Effizienz. Es geht um Zeit, wie man die verbringt. Es geht am Ende um die Frage, wie zwischenmenschliche Beziehungen gestaltet werden.

Dieses universelle Thema wird konkret nach Bad Düben geholt, indem in der ersten Szene, in der Stadtkirche St. Nikolai, ein Biber mitspielt. Das Wappentier der Dübener Heide hält eine Art Predigt oder besser: Standpauke, weil die Menschen in ihrem Optimierungswahn Weihnachten in den Sommer verlegt haben. Mit diesem Optimierungswahn hätten die Menschen auch Empathie und Demut verloren, sagt der Biber. Aber den Biber nimmt natürlich keiner ernst. Stattdessen tritt "Effi" auf. "Effi", die Effizienz, gespielt von Melanie Marschke, die die Bad Dübener Gemeinde auf ihrem Selbstoptimierung-Trip noch weiter anstachelt. Sie hat dazu eine Maschine gebaut: "Egoflex 60" - sozusagen das Hamsterrad, in dem sich ihre Anhängerschaft bewegt.

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In "Die große Reise" verbündet sich "Effi" mit "Eris, der Göttin der Zwietracht", gespielt von Schauspielerin Cheryl Shepard Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und natürlich gibt es dann - wir sind ja in der Märchenwelt - genau drei Helden: zwei Teenager und einen Bänkelsänger. "Walter" heißt er, wie Walter von der Vogelweide. Die drei kämpfen für das Gute gegen "Effi" und ihre seelenlose Anhängerschaft. Im Verlauf dieses Stationen-Dramas tauchen noch ein König und eine Schatztruhe auf, ein Teekessel, aus der eine Fee entweicht und es gibt auch noch eine unoptimierte Spiel- und Traumwelt: "Peter Pans Panoptikum".

Die Landschaft wird zur Bühne

Bei jeder Gelegenheit werden Klassikerzitate und Werbesprüche eingebaut - von Goethe über Loriot bis Dschungelcamp. Am Ende wird da sehr, sehr viel zu einem Text- und Szenen-Cocktail zusammengerührt - der Löffel im Glas der Assoziationen dreht sich von mit jedem Ortswechsel weiter und weiter. Das ist hier offenbar genau das Prinzip, um eine zweite und dritte Ebene aufzumachen.

Es geht ja auch immer um die Bilder: LAND-schafft-THEATER, heißt es so schön, aber in dieser Wanderung von Ort zu Ort steckt ja auch eine Behauptung: dass nämlich die Landschaft hier selbst eine Bühne sei! Wir sehen eine Landschaft am Ufer der Mulde, zusammengewürfelt aus vielen bekannten zivilisatorischen und natürlichen Versatzstücken, in die dann völlig irreal zum Beispiel ein riesiger Maulwurfshaufen gebaut ist, in dem der König feststeckt. Und ein Riesen-Maulwurf kommt mit einem Traktor angefahren.

Diese assoziative Dramaturgie, in der das Stück funktioniert - fällt auch die zur Bühne erklärte konkrete Landschaft plötzlich so aus Raum und Zeit, dass wir wieder ganz nah am Optimierungsthema sind: Was ist eigentlich der optimierter Raum? Das ist hier die Frage und die zweite Ebene, mit der die konkrete Landschaft hier in das Theater einbezogen wird.

Die 3. Ebene ist ein Lied: "Time", gesungen von Pierre Pokrant aus Bad Düben, der an Muskelschwund erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt. Er spielt gemäß Besetzungszettel den Astrophysikers Stephen Hawking und singt "Time, what about Time" - was ist Zeit? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Was bedeutet da Selbstoptimierung? Am Ende sind es universelle und aktuelle Fragen, denen das Theater hier nachgeht - die an diesem Ort, in Bad Düben, konkrete Konturen gewinnen.

Ein großes Miteinander

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Schpler aus Bad Düben spielen die Sklaven der Effizienz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Zusammenspiel von Laien und Profis funktioniert erstaunlich gut und ergibt ein großes Miteinander, das den Eindruck von großer Lust und Spielfreude vermittelt. Unterm Strich ist das Stück eine Empfehlung, auch wenn vier Stunden erst mal lang klingen. Durch die Ortswechsel und die vielen verrückten Bilder, die man sieht ist alles kurzweilig und inspirierend. Ein längere Pause mit Bratwurst und Fassbrause hilft durchzuhalten. Die Theater-Reise durch die Dübener Landschaft hat sehr fasziniert.

LAND-schafft-THEATER "Die große Reise" Am 1. und 2. September sowie am 7. und 8. September 2018, Beginn jeweils 17:30 Uhr an der Stadtkirche.

Text und Regie: Ulrich Hüni, Stefan Kaminsky und Henriette Lippold

Aktuelle Theaterrezension

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. August 2018 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 19:19 Uhr

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