Balkon-Geschichte Wie kam es zum Urlaub auf "Balkonien"?

Beliebte Reiseziele bei den Deutschen sind gerade Mallorca, Gran Canaria und Thailand. Für alle, die nicht verreisen können, ist Balkonien zum geflügelten Wort geworden. Aber wie kam es dazu? Eine Kulturgeschichte.

von Sabrina Gebauer, MDR KULTUR

Je genauer man über alltägliche, ja beinah selbstverständliche Dinge nachdenkt, desto erstaunlicher erscheinen sie oftmals – der Balkon ist eine solche Sache. Heute fehlt er bei kaum einem Wohnungsgesuch, an vielen Altbauten wird er sogar nachträglich angebaut, aber warum nicht gleich so? Wie kam es zum Urlaubstrend "Balkonien"?

Balkons gab es schon vor 2.000 Jahren

Balkons gab es schon bei den alten Römern: Erst kürzlich fanden Archäologen in Pompeii fast 2.000 Jahre alte Exemplare mit Weinvorräten und bunten Malereien an der Wand. In deutschen Städten setzte sich der Balkon als kleine Urlaubsoase  trotzdem erst im 20. Jahrhundert durch. In der Zeit dazwischen dienten Balkons vorrangig als Schmuckelement – etwa an italienischen Adelspalazzi. Der Stadt-Balkon war bis ins 18. Jahrhundert den Reichen und Adligen vorbehalten, erklärt die Professorin für Baugeschichte und Baukultur an der HTWK Leipzig, Annette Menting.

Ursprünglich gab es Balkone nur vereinzelt, weil sie sehr aufwendig zu bauen waren. Und es gab nur wenige, denen die Möglichkeit gegeben wurde, auf so einen Balkon hinauszutreten und sich erhaben gegenüber den anderen zu präsentieren. Bis ins 18. Jahrhundert waren Balkone hier für diese Zwecke vorbehalten.

Annette Menting, Professorin für Baugeschichte und Baukultur an der HTWK Leipzig

In der Stadt diente der Balkon also zur Repräsentation, als Bühne, um den Untergebenen auch optisch zu verdeutlichen, dass sie untergeben waren. Auf dem Lande hingegen hatte der Balkon praktische Aufgaben. Dort wurden Balkone zur Lagerung und zum Trocknen, etwa von Heu und Ernte, genutzt.

Ein Balkone Richtung Alpen
Die Balkons in den Alpen sind ein Beispiel für Balkons im ländlichen Raum: Sie wurden ursprünglich für praktische Zwecke genutzt. Die Holzbalkons waren zunächst direkt unter dem Dach angebracht, wo sie zur Trocknung von Heu und Ernte genutzt wurden. Mit dem Alpentourismus im 19. Jahrhundert begann man, auch auf weiteren Etagen umlaufende Balkos anzubauen, wo sich die Touristen erholen konnten – meist sind sie mit prachtvollen Geranien bepflanzt. Bildrechte: IMAGO

Wenn man aber verfolgen will, wie der Balkon an tausende Wohnungen gekommen ist, muss man in die Städte schauen: Hier verschönerte sich das gehobene Bürgertum schon in der Biedermeierzeit die Balkons der Vorortvillen mit Pflanzkübeln. Eine romantische Vorstellung der Zurückgezogenheit, der Harmonie und Idylle hielt Einzug. Aber noch immer war der Balkon ein Privileg. Das sollte sich bald ändern.

Wie der Balkon den Massenwohnungsbau eroberte

Mit der Industrialisierung zogen Millionen Menschen vom Land in die Städte, um in Fabriken zu arbeiten. In kürzester Zeit wurden unzählige Wohnungen gebaut: "Es entstanden fast Slum-ähnliche Wohnbedingungen – auch in deutschen Großstädten gab es Situationen, die menschenunwürdig waren", erklärt die Architektur-Professorin. "Das heißt, es gab feuchte Wohnungen, keine sanitären Einrichtungen, keine ausreichende Belichtung oder gar Belüftung – das hat zu extremen Krankheiten und schlechten sozialen Bedingungen geführt, die kann man sich heute kaum noch vorstellen."

Und so begannen sich Ende des 19. Jahrhunderts Architekten wie Paul Mebes oder Paul Emmerich Gedanken zu machen, wie man die Situation verbessern könnte - wirklich in Fahrt kam das Thema Reformwohnungsbau aber erst mit der Weimarer Republik: Mit dem sich nun allmählich durchsetzenden Acht-Stunden-Arbeitstag. "Und damit begann das Thema: Wie kann man sich erholen, wie kann man auch jemandem, der viel mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, so eine Möglichkeit geben?"

Es ging nun darum, den Wohnraum nicht nur für wenige Auserwählte angenehm zu gestalten, sondern für viele – ganz im Zeichen der Demokratie könnte man sagen. Der Balkon war dabei nicht nur gut für die Gesundheit der Arbeiter, die so im Einklang mit Sonne und Luft leben konnten, sondern er hatte auch eine soziale Funktion:  Nachbarn kamen hier ins Gespräch. Ein bedeutender Vertreter dieses neuen Bauens war Bruno Taut, dessen Hufeisen-Siedlung in Berlin heute UNESCO-Weltkulturerbe ist.

Mit dem Urlaubs-Boom entsteht"Balkonien"

Im ganz großen Stil hat sich der Balkon dann aber erst nach dem 2. Weltkrieg durchgesetzt, so Baukultur-Professorin Menting: "Da gab es die Zäsur des Zweiten Weltkrieges und den Wiederaufbau der Städte. Der Wohnungsbau war gefragt – man griff auf die Konzepte der 20er-Jahre zurück. Jetzt gibt es verschiedene Formen von Balkons und Aufenthaltsmöglichkeiten im Freien."

Prora
Eines der ersten Ferienheime in Deutschland: Prora. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und wann begann man, Urlaub auf "Balkonien" zu machen? Der Begriff kam laut einem Wörterbuch der Umgangssprache schon in den 30er-Jahren in Berlin auf. Eine wichtige Rolle spielte dabei das allmähliche Entstehen des Massentourismus: Schon in den 30er-Jahren wurden erste Ferienheime an der Nord- und Ostsee eingerichtet, bekanntestes Beispiel ist Prora. Die Deutschen bekamen ein Gefühl davon, was Urlaub überhaupt bedeutet. Der richtige Reise-Boom setzte dann in den Fünfzigern ein – es ging nach Italien oder Spanien – und man wollte sich dieses Urlaubsgefühl nachhause holen, so die Baukultur-Expertin: "Der Balkon bekommt auch atmosphärisch eine ganz andere Bedeutung – es entsteht dieses Leben auf Balkonien: Man nimmt sich so ein Stück wieder mit zurück von der Reise oder wenn man nicht reist, suggeriert man sich die Reise in das eigene Ferienland Balkonien."

Berühmte Balkone - Bildergalerie

Der Balkon: Rednerpult, politische Bühne und romantischer Zufluchtsort. Ob Königsfamilien oder Fußballmannschaften, sie alle nutzen ihn, sich zu präsentieren. Einige berühmte Balkone haben wir hier zusammengefasst.

Philipp Scheidemann, der die Republik ausruft, darunter eine jubelnden Menschenmenge.
Noch prägender für die deutsche Balkon-Geschichte war der 9. November 1918. An jenem Tag wurde die Republik gleich zweimal ausgerufen – das Ende der Monarchie konnte nicht deutlicher sein: Erst trat der SPD-Politiker Philip Scheidemann auf einen Balkon des Reichstagsgebäudes (der heute Scheidemann-Balkon genannt wird) - und sagte: "Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen – es lebe das Neue, es lebe die Republik!" Später an diesem Tag rief Karl Liebknecht die Republik im sozialistischen Sinne aus. Bildrechte: dpa
Philipp Scheidemann, der die Republik ausruft, darunter eine jubelnden Menschenmenge.
Noch prägender für die deutsche Balkon-Geschichte war der 9. November 1918. An jenem Tag wurde die Republik gleich zweimal ausgerufen – das Ende der Monarchie konnte nicht deutlicher sein: Erst trat der SPD-Politiker Philip Scheidemann auf einen Balkon des Reichstagsgebäudes (der heute Scheidemann-Balkon genannt wird) - und sagte: "Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen – es lebe das Neue, es lebe die Republik!" Später an diesem Tag rief Karl Liebknecht die Republik im sozialistischen Sinne aus. Bildrechte: dpa
Karl Liebknecht spricht 1911 vor Bürgern in Berlin
Kurz danach ruft Karl Liebknecht die Republik im sozialistischen Sinne aus - auf dem Balkon des Berliner Stadtschlosses (leider gibt es davon keine Bilder): "Parteigenossen […], der Tag der Freiheit ist angebrochen. Nie wieder wird ein Hohenzoller diesen Platz betreten." Damit erobert er genau den Balkon fürs Volk, welcher vorher dem Adel vorbehalten war. Die Weimarer Republik war geboren – und damit die Demokratie in Deutschland. Bildrechte: IMAGO
Prinzessin Catherine und Prinz William küssen sich auf dem Balkon des Buckingham Palast.
Unter dem Applaus der Menge gaben sich Kate und William hier 2011 ihren Hochzeitskuss. Bildrechte: dpa
 Balkon von Romeo und Julia in Verona
Der Balkon der Balkone befindet sich wohl in Verona: Hier soll Shakespeares Julia auf ihren Romeo gewartet haben. Den Balkon gab es in Wahrheit nie wirklich, in Verona wurde er im Renaissance-Stil nachgebaut und ist ein beliebtes Ziel für Touristen. Wie gerne posiert man hier, wo einst Julia gestanden haben soll fürs Foto als Angebetete da oben, so nah und doch so fern. Nichts könnte die Dramatik des entzweiten Liebespaares besser darstellen als der Balkon. Bildrechte: Colourbox.de
Alle (4) Bilder anzeigen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Spezial | 18. Juli 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2018, 04:00 Uhr

Tipps für den Balkon

Kleine Balkon-Pflanzenkunde