Ayaha Tsunaki und Ensemble in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden
Ayaha Tsunaki und Ensemble in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ian Whalen

Semperoper Dresden Das Ballett "Carmen" ist ein atemberaubend getanztes choreografisches Meisterwerk

Das Ballett "Carmen" feierte in der Semperoper Dresden Premiere. Star-Choreograf Johan Inger - prämiert mit dem Tanz-Oscar Prix Benois de la Danse - zeigte seine tänzerische Sicht auf diesen Mythos. Eine eigene choreografische Sprache, hochartistische Tänzer und eine blendend aufgelegte Staatskapelle: MDR KULTUR-Kritiker Wolfgang Schilling ist rundum begeistert. In einem Wort zusammengefasst: sensationell!

Ayaha Tsunaki und Ensemble in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden
Ayaha Tsunaki und Ensemble in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ian Whalen

MDR KULTUR: Das Ballett "Carmen" in der Choreographie des Schweden Johan Inger hat eine Vorgeschichte, welche ist das, Herr Schilling?

Wolfgang Schilling: Sie spielen auf den Prix Benois de la Danse an, den Johann Inger vor drei Jahren für die Choreographie von Carmen bekommen hat. Der wird alljährlich in Moskau verliehen, für ein Lebenswerk, den besten Tänzer, die beste Tänzerin und eben auch die beste Choreographie. Er gilt allgemein als der Tanz-Oscar: Wer den bekommt, ist ein einer eignen Liga unterwegs. Johan Inger hat die Choreografie für Carmen ursprünglich mit dem Nationalballett in Madrid entwickelt. In den letzten Jahren arbeitete er schon zweimal mit der Company der Semperoper und befand jetzt wohl, dass diese reif ist für dieses Werk. Und es ist wirklich ein Meisterwerk, das eben auch eine meisterhafte Company braucht, damit es seine Wirkung entfalten kann.

Was macht dieses Meisterwerk aus?

Der entscheidende Punkt ist zweifellos ein sehr besonderes Bewegungsalphabet, dass Inger entwickelt hat. Das auf einem ganz hohen klassischen Standard basiert, diesen aber gleichsam ins Moderne abstrahiert. Das hat viel mit der abrupten Unterbrechung von Bewegungen zu tun. Einer Körperkontraktion, die dem Tanz aus dem Moment heraus plötzlich ganz andere Richtungen gibt, als man als Zuschauer erwartet. Das ist hochartistisch und körperbeherrscht. Das braucht Tänzer, die das können, und die standen gestern auf der Bühne.

"Carmen" ist spanisch konnotiert - verwendet Inger überhaupt die Musik von George Bizet?

Jón Vallejo als Don José in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden
Jón Vallejo als Don José in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ian Whalen

Auch - und die von Rodion Schtschedrin, die der Russe für seine Frau, die berühmte Ballerina Maja Plissetzkaja geschrieben hat, ist zu hören. Aber Inger hat noch mehr in Petto, nämlich eine sehr moderne, elektronisch verfremdete, sogar bis ins Grenzgebiet zum Hiphop anklingende "ergänzende Neukomposition" des spanischen Komponisten Marc Álvarez. Das passiert mit lautsprechergestützter Vehemenz, die aber auf Samtpfoten daherkommt, nicht brachial-brechend. Überhaupt, der musikalische Beginn der glänzend aufgelegten Staatskapelle muss da erwähnt werden. Die beginnt, kaum bemerkt, ins Publikumsgemurmel des noch hellen Zuschauerraums hinein zu ouvertüren. Der Dirigent Manuel Coves hat ganz ohne den üblichen Auftrittsapplaus unbemerkt seinen Stab zu führen begonnen. Und das sagt etwas darüber, wie Johan Inger die alte, ja auch klischeebehaftete Geschichte ins Heute holt: Mit seiner ganz eigenen Sicht auf dieses Drama von Liebe, Eifersucht, Selbstbestimmtheit und Mord.

Lässt diese ganz eigne Sicht dem Klassiker eine Chance? Erkennt man Carmen und Don José überhaupt wieder?

Ayaha Tsunaki und Ensemble in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden
Ayaha Tsunaki und Ensemble in "Carmen" - Ballett-Premiere an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ian Whalen

Ja! Da wird niemand vor den Kopf gestoßen. Weil uns Inger nichts wegnimmt, sondern etwas hinzufügt. Es gibt eine zentrale Gestalt, ein Kind. Von einer gestandenen Tänzerin, der ersten Solistin Anna Merkulova, getanzt: ein kleiner Junge mit Lederball, in Shirt und kurzen Hosen. Er ist ein kindlicher Beobachter dieses Erwachsenendramas, das sich da vor seinen immer größer werdenden Augen abspielt. In einem sozusagen mittanzendem Bühnenbild, das aus geschätzt vier Meter hohen dreiseitigen, beweglichen Säulen besteht und einer glatten schwarzen Wand, verspiegelt oder lamellenhinterleuchtet - je nachdem, was man für die Szenerie braucht. Die werden von den Tänzern bewegt, ein variables System, das auf elegante Art alle Innen- und Außenräume assoziiert. Kompliment also auch für den Bühnenbildner Curt Allen Wilmer und den Lichtgestalter Tom Visser. Sie merken schon, das geht alles in Richtung Gesamtkunstwerk.

Das aber nichts wäre, ohne die Tänzer. Was ist zu denen zu sagen?

Carmen in der Semperoper
"Carmen" in der Semperoper Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ayaha Tsunaki aus Japan ist die Carmen, sie hat sich über das Elevenprogramm der Palucca-Schule ihren Platz in der Company ertanzt. Sie verkörpert eine hoch erotische und dabei so gar nicht Carmenzita-haftige Verführerin. Hier tanzt das 21. Jahrhundert, mit Perfektion und Hingabe. Aber es geht noch besser: Was der Spanier Jón Vallejo als Don José bietet, ist einfach unglaublich. In ihm hat Johan Inger sozusagen den perfekten Körper und Bewegungsgeist für seine choreographische Sprache gefunden. Dieses schon beschriebene kontraktierende Bewegen aus der Körpermitte, das sich von dort auf absonderliche, verfremdete und doch immer betörend schöne Weise über die Extremitäten nach außen hin bewegt, das zeigt er in atemberaubender Perfektion. Da gibt es ein großes Solo, in dem die innere Zerrissenheit von Don José geradezu ihre körperliche Entsprechung findet. Klassik trifft - oder scheint - Breakdance zu treffen. Aber eben nicht so plump, hier fließt so viel zusammen. Das ist Tanz in Perfektion, mit klugem Kopf und heißem Herzen. Der von jedermann verstanden wird.

Meine Begleiterin war diesmal zehn Jahre alt. Das erste Mal überhaupt in ihrem Leben im Ballett und genauso atemlos gefangen wie ich. Im Falle dieser Carmen lässt sich das Kritikerurteil in einem Wort zusammenfassen: Sensationell.

Das Gespräch führte André Sittner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Januar 2019 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2019, 13:15 Uhr

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