Ballett Dornröschen an Oper Leipzig
"Dornröschen - Once Upon a Dream" an der Oper Leipzig Bildrechte: Ida Zenna

Ballett "Dornröschen - Once Upon a Dream" als traumhaft schön getanzter Albtraum

Das Märchen "Dornröschen" ist in Deutschland als eines der Grimm-Märchen bekannt. Seinen Ursprung hat die Geschichte allerdings in Frankreich. Charles Perrault schrieb sie Ende des 17. Jahrhunderts und nannte sie "La Belle au bois dormant (Die schlafende Schöne im Wald)". Für den neuen Ballettabend der Oper Leipzig ließ sich Gast-Choreograf Jeroen Verbruggen von Perraults Originalfassung inspirieren, die um einiges grausamer ist als die Grimm'sche. Die Musik stammt natürlich von Peter Tschaikowski.

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Ballett Dornröschen an Oper Leipzig
"Dornröschen - Once Upon a Dream" an der Oper Leipzig Bildrechte: Ida Zenna

Mario Schröder tut, was verantwortungsvolle Ballettdirektoren von Zeit zu Zeit im Interesse ihres Ensembles tun: Sie überlassen es Gästen, damit es andere Handschriften erlebt und neue tänzerische und körperliche Erfahrungen macht. Da ist Mario Schröder ein mutiger Chef, denn er holt sich Kollegen ins Haus, die auch echte Konkurrenz sind. Diesmal hat er einen jungen, ambitionierten und international schon sehr erfolgreichen Choreografen wie den Belgier Jeroen Verbruggen geholt. Er ist ein Bruder im Geist, nicht nur beim Ausloten von tänzerischen Grenzen, sondern auch was die Wirkmächtigkeit von Bühnenbild, Licht, Videokunst und Kostüm betrifft.

Der 36-jährige ehemalige Tänzer hat eine Crew von erstklassigen Partnern mit nach Leipzig gebracht, die sonst an den großen englischen Ballett-Companies und den Theatern im Londoner Westend arbeiten, für Modehäuser und Luxusmarken wie Chanel, L'Oréal, Tommy Hilfiger oder Popstars wie Lady Gaga. Ganz klar: Da waren großartige Profis am Werk. Was das Drumherum betrifft und um zum Eigentlichen zu kommen, die Leipziger Companie kann das inzwischen mit gleicher Münze zurückzahlen.

Ein traumhaft schöner Albtraum

Die Choreografie von Verbruggen hat absolut nichts mit dem klassischen russischen Ausstattungsballett zu tun. Es nennt sich auch "Dornröschen - once upon a dream" - also: "Es war einmal ein Traum". Und der nimmt in der Lesart des Belgiers teilweise schon albtraumhafte Züge an, was ihre gewollte Wirkung betrifft, niemals die Umsetzung, die ist von Anfang bis Ende traumhaft schön.

Ballett Dornröschen an Oper Leipzig
Szene aus "Dornröschen" Bildrechte: Ida Zenna

Es beginnt mit dem Prolog: Musik kommt aus dem Graben, der Vorhang hebt sich auf zwei Meter Höhe und gibt die Sicht auf 14 aufrecht stehende Matratzen frei. Auf ihnen ist eine Trickfilmsequenz zu sehen: Zwei Hände entstehen da in feinen Strichen, die streifen schwarze Handschuhe über, greifen zu einer Tattoo-Stechmaschine, eine Rose erscheint, in deren Blüte ein schönes Mädchen drapiert ist. Und dann, ein Stich zuviel - wir sind im Märchen Dornröschen, das steht dann in großen Lettern auf den Matratzen zu lesen. Die Bühne öffnet sich zu einem großen Schlafsaal, in dem eine lustige Truppe in Pyjamas kopfkissenköpfend die Nacht zum Tage macht: Kissenschlacht auf Spitze und mit deutlichen Anleihen bei der rhythmischen Sportgymnastik. Dann tauchen drei taubenhaft schöne weiß kostümierte Gestalten auf, es sind die guten Feen, die erstmal ein bisschen für Ordnung sorgen im Reich des hier gar nicht so ruhigen 100-jährigen Schlafs.

Das böse Erwachen nach 100 Jahren Schlaf

Ballett Dornröschen an Oper Leipzig
Szene aus "Dornröschen" Bildrechte: Ida Zenna

Die berühmten 100 Jahre sind um. Vater, Mutter, Königskind erwachen in einem Himmelsbett und aus der Seitengasse drängen sieben Prinzen. Sechs davon benehmen sich ziemlich machohaft und klettern gleich mal rein ins Bett der noch nicht ganz wachen Prinzessin. Der siebente scheint ein bisschen netter zu sein und trägt auch nicht das Brutalo-Outfit der anderen. Er hat eine Gießkanne dabei, mit der er die Prinzessin ins wache Leben holt. Doch bevor es nach einem ersten wundervoll innig gewundenen Pas de deux zwischen Lou Thabart und Madoka Ishikawa, die Prinz und Prinzessin tanzen, zum erlösenden Kuss kommt, greift die Königin Mutter ein. Sie bringt die Prinzengarde ins Spiel, die sich wie nebenbei in eine Art Wolfswesen verwandelt haben. Ihnen wachsen lange schwarze Haare an den Unterarmen, auch unter den Achseln und auf Brust und Rücken und attackieren auf Befehl der Mutter die Prinzessin, wollen ihr an die blutrote Rosenblüte, die sie auf dem Kopf trägt. In ihrer Bedrängnis entblättert sie sich Blatt für Blatt, bis die drei guten Feen, jetzt als aufgeregte schwarze Kampfvögel gekleidet, die sechs übergriffigen Männer in den Schlaf versenken. Der Vater sorgt dann dafür, dass auch die Prinzessin wieder zur Ruhe kommt. Dann ist erstmal Pause und Zeit, diesen Tanz der untergründigen, sexuell hoch aufgeladenen Gewalt mit schönen Bildern ein bisschen zu verdauen.

Atemberaubende Hebe- und auch Flugfiguren: Ensemble in Höchstform

Ballett Dornröschen an Oper Leipzig
Szene aus "Dornröschen" Bildrechte: Ida Zenna

Dieses albtraumhafte Geschehen wird nochmal gesteigert. Die sechs Prinzen mutieren immer mehr zu Wölfen, ihnen wachsen Schwänze aus der Hose hinten raus, sie verdoppeln ihre Zahl, nehmen den Kampf mit wiederum einem Dutzend Wiedergängerinnen der Prinzessin auf. Das hat dann wirklich animalische Qualitäten. Verbruggen hat da wirklich eindrucksvolle Bewegungsabläufe entwickelt, zum einen geradezu schlangenhaft aus dem Bühnenboden in die Horizontale sich windende Solo- und Pas de deux-Passagen, die Thabart und Ishikawa in Schönheit und auch artistischer Verschlungenheit präsentieren. Dann gibt es immer, wenn die Wölfe über ihre Opfer herfallen, atemberaubende Hebe- und auch Flugfiguren. Respekt vor Ishikawa, aber auch der bösen Königinmutter Fang Yi Liu und dem Leitwolf Alpha, der getanzt wird von Carl van Godtsenhoven. Letzterer verkörpert mit seinen Kollegen in kraftvollster Eleganz das Böse. Das kann nur ein Ensemble in Höchstform leisten. Und die 34 Akteurinnen und Akteure des Abends leisten das mit Bravour.

Für einen Moment scheint es ein Happy End zu geben, wenn Prinz und Prinzessin am Ende von den Feen ihr Baby gebracht bekommen. Doch dann greifen im Hintergrund die Trickfilmhände wieder zur Tattoo-Maschine und der ewige Tanz zwischen Gut und Böse beginnt wohl auf ein Neues. Ein nachhaltiger Albtraum und ein atemberaubender Abend, der das Prädikat "Überwältigend" verdient.

Informationen zur Inszenierung: Dirigent: Felix Bender
Choreografie: Jeroen Verbruggen
Bühne: Chiara Stephenson
Kostüme: Charlie Le Mindu
Video: Tina Alloncle
Licht: Fabiana Piccioli
Leipziger Ballett
Gewandhausorchester

Prinzessin: Madoka Ishikawa
Prinz: Lou Thabart
Fee: Laura Costa Chaud
Fee: Vivian Wang
Fee: Yun Kyeong Lee
Königin: Fang Yi Liu
König: Oliver Preiß
Wolf Alpha: Carl van Godtsenhoven

Weitere Termine:
01.12.2019, 18:00 Uhr
04.12.2019, 19:30 Uhr
05.12.2019, 19:30 Uhr
15.12.2019, 18:00 Uhr

Ballett Dornröschen an Oper Leipzig
"Dornröschen - Once Upon a Dream" an der Oper Leipzig Bildrechte: Ida Zenna

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. November 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2019, 10:15 Uhr

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