Premiere Theater Erfurt "Giselle" als getanzter Psychothriller

Das Ballett "Giselle", mit der Musik von Adolphe Adam 1841 an der Pariser Oper uraufgeführt, ist ein Schlüsselwerk der französischen Romantik. Silvana Schröder choreografiert es mit einer Handlung, die stark vom Libretto abweicht. Der Abend ist düster und tiefenpsychologisch aufgeladen: Ein Blick in die verwirrte Seele eines jungen Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden, dass sich zu Tode tanzen will. Die Produktion ist die erste Koproduktion des Theaters Erfurt mit dem Thüringer Staatsballett Gera. MDR KULTUR-Kritiker Boris Michael Gruhl hat die Premiere gesehen.

MDR KULTUR: Wie nähert sich die Künstlerische Leiterin Silvana Schröder diesem romantischen Sujet?

Kritiker Boris Michael Gruhl: Sehr, sehr eigenwillig. Wenn man vorher noch schnell einen Blick in den Ballettführer geworfen hat, dann könnte man sich hier im falschen Film gefühlt haben. Also meine Empfehlung: Die neu erfundene Handlung vorher im Programmheft lesen und sich auf den Klang der Spieluhr vor allem einlassen, die jedes der beiden Bilder einleitet. Das Lied "Guten Abend, gute Nacht" mit dem Ende "Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt", denn dann geht's in den Tanz durch die Träume einer Nacht eben, von der man nicht weiß, ob sie endet, wie sie endet.

Da ist Giselle als Kind, das sind Pubertät, Angstträume, die Autorität einer verstorbenen Mutter verfolgt sie, das ist eine schwarze Gestalt, sonst die Königin der Willi Myrtha im zweiten Teil, ganz energisch furios getanzt von Alina Dogodina. Und die kann sich dann auch noch mindestens verzehnfachen. Hilarion ist in dieser Fassung Giselles Bruder, der macht sich Sorgen um sie, das kommt bei ihr überhaupt nicht gut an. Und Albrecht ist hier ein guter Freund, in den ist sie hoffnungslos verliebt, der sorgt sich auch, der tanzt mit ihr, weil sie das so gern tut, das weckt bei ihr ganz andere Gefühle. Ihr Eifersuchtswahn wird brutal, wenn seine Verlobte dazu kommt. Also diese Giselle wirkte wie eine Lolita in der Pubertät - und sie will sich natürlich zu Tode tanzen.

Das klingt eher nach Tiefenpsychologie statt nach romantischer Stimmung. Wie ist das Bühnenbild von Verena Hemmerlein?

Das ist ein riesiger steriler, weißer Raum, ein angsteinflößendes Kinderzimmer, alles so groß, dass die Tänzerin Daria Suzi als Giselle darin wie ein kleines Kind wirkt. Im zweiten Teil steht das alles auf dem Kopf, die schwarze Mutter schwebt sogar mal thronend über dem Geschehen. Giselle hat sich jetzt auch vervielfacht, ihre gespenstigen Wiedergängerinnen hetzt sie auf ihren Bruder Hilarion, dieser nette Typ, wie ihn Vinicius Leme tanzt, der muss grausam dran glauben. Sie sticht ihn ab mit dem Messer, mit dem sie sich am Ende des ersten Teils in die Füße gestochen hatte, um ihren Wahntanz zu beenden. Das will sie auch mit dem von Filip Kvačák getanzten Albrecht machen. Die furienhaften Doppeltänzerinnen stehen schon auf der Spitze bereit, aber Giselle verzeiht seinen Betrug, den gibt's ja nur in ihrem Wahn, und laut Programmheft bluten jetzt seine Füße, ihre sind irgendwie verbunden, also aus mit dem Tanz auf der Spitze, oder soll man besser sagen: auf des Messers Schneide.

"Giselle" als Psychothriller könnte man da meinen, ziemlich düster, was Sie da beschreiben. Holt sich diese junge Frau ihre Therapie im Tanz?

Der Tanz ist für diese Giselle ein Ausweg, aber er führt eben nicht zur Bewältigung der Ängste, er treibt sie erst so richtig auf die Spitze.

Stichwort "Spitze" - gibt es die Spitzentanztradition in dieser Ballettversion? Oder choreografiert Silvana Schröder da was hinein?

Also Spitzentanz wird dramaturgisch sehr geschickt eingesetzt, eben nicht als Demonstration technischen Könnens - obwohl das schon wirklich grandios ist, was die Solisten, die weißen Tänzerinnen im Corps de ballet, hier verstärkt durch junge Elevinnen leisten. Die männlichen Tänzer schwarz verhüllt als Wiedergänger der Schreckensmutter, die kommen ein bisschen zu kurz. Das Ganze wirkt so wie ein Versuch, Ballett und zeitgenössisches Tanztheater zu verbinden. Da lassen sich auch Variationen von sehr anspruchsvollen Zitaten aus der Vorlage entdecken. Diese Vermischung der Stile entspricht wohl dem Anliegen der Choreografin mittels des Tanzes und der Musik so etwas wie einen Blick in die verwirrte Seele dieses jungen Mädchens an der Schwelle zum Erwachsenwerden zu wagen und zudem scheint dieses Kind auch noch an einem schweren Trauma zu leiden.

Wie fügt sich das Spiel des Philharmonischen Orchesters Erfurt dazu, unter der Leitung von Takahiro Nagasaki?

Na ja, es fügt sich. Es fügt sich nicht immer so ganz glücklich, aber im Grunde gibt diese hier entsprechend der Handlung zusammen gestellte Abfolge der Klänge aus der Ballettmusik von Adolphe Adam schon so etwas wie eine unbedingt nötige Erweiterung der Assoziationsmöglichkeiten für das Publikum.

Das Interview mit Boris Michael Gruhl führte Moderator André Sittner.

Informationen zur Inszenierung: Musikalische Leitung: Takahiro Nagasaki
Inszenierung/ Choreografie: Silvana Schröder

Solisten, Corps de ballet und Balletteleven des Thüringer Staatsballetts
Philharmonisches Orchester Erfurt
Eine Koproduktion des Theaters Erfurt mit dem Thüringer Staatsballett Gera

Nächste Aufführungstermine (im Theater Gera): 14. Juni, 5. & 11. Juli 2020

Über das Ballett "Giselle": 1841 an Pariser Oper uraufgeführt, ist "Giselle" ein Schlüsselwerk der französischen Romantik. Die Musik stammt von Adolphe Adam. Das Libretto von Théophile Gautier (1811–1872) basiert auf Heinrich Heines Schilderung einer deutschen Sage in "De l’Allemagne". Darin geht es um gespenstische, tanzende Luftgeister - die Willis: Junge Frauen, die vor ihrer Hochzeit gestorben sind und in der Nacht treulose Männer zu Tode tanzen.
Das Tanzen, eines der Lieblingsmotive der Romantik, steht als eigentliche Handlung des Balletts im Mittelpunkt. So entscheidet der Tanz nicht nur über das Schicksal Giselles, sondern auch über das Leben ihrer Liebhaber.
Wenige Jahre vor der Uraufführung war der Spitzentanz erfunden worden. Die Variationen dieser Technik sind in "Giselle" von hohem Anspruch, hinzukommen kunstvolle Facetten der Ballett-Pantomime. Bis heute ist diese Rolle begehrt bei klassischen Ballerinen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2018 | 09:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2018, 09:45 Uhr

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