Zwei Tänzerinnen aus dem Balett Magnificat
Kraftvolle Bildsequenzen: das Ballett "Magnificat" an der Oper Leipzig Bildrechte: Ida Zenna

Premiere Leipziger Ballett tanzt "Magnificat" mit glühendem Herzen

Nach Bachs Johannes-Passion, widmet sich Mario Schröder in seiner neuesten choreografischen Uraufführung wieder einem Werk des Leipziger Thomaskantors, dem "Magnificat" aus dem Lukasevangelium. Er kombiniert sie für das Leipziger Ballett mit dem "Stabat Mater" von Pergolesi sowie mit Livemusik der Band Indigo Masala. Eine musikalische Kombination, die Spannung erzeugt und starke Momente des Tanzes ermöglicht.

von MDR KULTUR-Opernkritiker Boris Michael Gruhl

Zwei Tänzerinnen aus dem Balett Magnificat
Kraftvolle Bildsequenzen: das Ballett "Magnificat" an der Oper Leipzig Bildrechte: Ida Zenna

Für "Magnificat" kombiniert Mario Schröder Bachs Komposition mit dem "Stabat Mater" von Giovanni Battista Pergolesi, einem Zeitgenossen Bachs und auch mit live von der Band Indigo Masala gespielter Musik, die sich in eigenen Kompositionen musikalischen Traditionen der indischen Musik widmet. Eine spannende Kombination mit Korrespondenzen an den Lobgesang der Maria aus dem Lukasevangelium:

Meine Seele erhebt den Herrn. Sie wird die Mutter des Heilands sein. Ihr Gesang ist voller Hoffnungen, Visionen, voller Zuversicht. Dieser Heiland, den sie zur Welt bringt, wird nach dem Willen Gottes die Gewaltigen vom Thron stürzen, die Niedrigen erheben, die Hungernden wird er mit Gütern füllen, die Reichen gehen leer aus [...]

"Magnificat", Evangelium des Lukas

Die Musik erzeugt Spannungen

Eine soziale Botschaft, eine revolutionäre, dazu – das Evangelium wurde zwischen 60 und 80 nach Christus abgefasst – eine ungewöhnliche Aussage einer Frau zu dieser Zeit. Aber es endet für den Sohn Marias tödlich, er wird hingerichtet, stirbt am Kreuz. Dem Schmerz der Mutter unterm Kreuz gibt das mittelalterliche Gedicht "Stabat Mater, dolorosa" emotionale Tiefe. Die Komposition Pergolesis nimmt das auf. Die Zusammenführung beider Werke bedeutet inhaltlich und musikalisch diese große Spannung zwischen Hoffnung, Aufbruch und dem Scheitern, was aber immer wieder auch, so erschließt sich die Dramaturgie dieser großen choreografischen Inszenierung, neuen Aufbruch, neue Kraft und Hoffnung, bedeutet.

Zwei Tänzer auf der Bühne
Ein großes Rad ist Mittelpunkt des Bühnenbildes für "Magnificat". Bildrechte: Ida Zenna

Hinzu kommt traditionelle Musik aus Indien: gespielt, gesungen und gepfiffen von den drei Musikern der Band Indigo Masala. Hier sollte wohl Kraft der Klänge eine Erweiterung vorgenommen werden, ein weltumspannender Gedanke musikalische Form erhalten, zugleich auch ein zeitlicher Bogen gespannt werden, vom ersten Jahrhundert nach Christus, über das 18. Jahrhundert bis in die Aktualität der Gegenwart mit ihren Gegensätzen zwischen hoffnungsvollen Aufbrüchen und schmerzvollen, tödlichen Niederlagen, derer, die sich den ungelösten Fragen der Gerechtigkeit stellen, dafür eintreten, scheitern und wieder aufstehen.

Wobei die Musik der Band Indigo Masala teilweise doch sehr europäisiert wirkte, die Übergänge mild klingen, auch schon mal zu einer Art Hintergrundsound werden, ein bisschen wie Filmmusik, dagegen setzen die Musik von Bach und Pergolesi die stärkeren Akzente auch für die choreografischen Anregungen.

Tanz mit heißem, glühendem Herzen

Ein Tänzer auf der Bühne
Ballett "Magnificat" an der Oper Leipzig Bildrechte: Ida Zenna

Dem Tanz widmen sich Mario Schröder und das Leipziger Ballett hier mit heißem, glühendem Herzen, mit großem Engagement, mit vollem Einsatz. Schröder ist da voll in seiner Thematik, dem Leiden an Unvollkommenheit und Ungerechtigkeit, dem Aufbruch und der Niederlage, Aufstand und Scheitern. Starke Momente des Tanzes, wenn die musikalischen Themen mit den Bildern der Bewegung verschmelzen, besonders in den solistischen Varianten. Assoziationen des Aufbruchs und des Scheiterns gibt es in den großen Bildern, wenn sich Menschen zusammenfinden und sich wieder in der Vereinzelung verlieren. Wen sie aufstehen, wenn sie stürzen, wenn sie Halt aneinander und untereinander suchen. Es ist ja kein Handlungsballett, eine Abfolge von Bildsequenzen, auch da erschien die Kraft, die auf den Tanz wirkt, bei Bach und Pergolesi stärker als bei den Passagen zur indischen Musik, vor allem wenn die Führung der Arme und die Haltungen der Hände im Tanz so ein bisschen indisch wirkten: Mit freundlicher Ironie, das war dann ein bisschen wie Bach und Bollywood.

Große Bühne, große Besetzung

Die Bühne von Paul Zoller wird umgrenzt von gerüstartigen Türmen, als sei da eine Ab- und Ausgrenzung im Entstehen. Noch ist alles durchlässig, noch können diese Elemente bewegt und in den Tanz einbezogen werden. An der hinteren Bühnenwand ein großes Rad, der Weltkreis, das Rad der Geschichte, auch hier Bewegung und Stillstand, ein Bild für die Quadratur des Kreises, man liegt wohl nicht ganz falsch, wenn man da an Dürers oder da Vinchis Menschen im Kreis denkt, außerdem ist ja der Mensch als Mikrokosmos gerade im Tanz von besonderer Bedeutung.

Gewandhausorchester, Opern- und Kinderchor sowie ein Solistenquintett unter der Leitung von Christoph Gedschold bieten ein sicheres Fundament, kein Wenn oder Aber. Die musikalische Interpretation setzt entscheidende Maßstäbe und Impulse für diese Aufführung, deren Stärke am Ende vielleicht doch darin liegen wird, dass man auf ganz unterschiedliche Weise Zugang findet, dass die Kraft des Scheiterns eben auch eine Kraft ist, dass betrachtendes Innehalten ganz wesentlich ist, um Kraft für neue Aufbrüche zu erlangen.

Angaben zum Stück "Magnificat" Ballett von Mario Schröder an der Oper Leipzig

Musik von Johann Sebastian Bach, Giovanni Battista Pergolesi und Indigo Masala
Bühne, Kostüme: Paul Zoller
Dirigent: Christoph Gedschold

Weitere Aufführungen:
16. / 22. Februar 2019
8. / 29. / 30. März 2019
weitere Termine im April und Mai

Mehr Ballettkritiken

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Februar 2019 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2019, 10:25 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren