Toot! am Schauspiel Leipzig
Dehnbare Tanzkleidung ließ die Körperformen dynamischer werden. Bildrechte: zenna.de

Ballettpremiere "TOOT!" überzeugt mit ergreifend schönem Ballett

Vor zwei Jahren haben das Ballett der Oper Leipzig und das Schauspiel Leipzig schon einmal gemeinsame Sache gemacht. Ein moderner Ballettabend findet demzufolge nicht in der Oper, sondern im Schauspielhaus statt. Das soll offenbar Tradition werden, denn nun gab es am 29. Juni wieder eine Tanz-Premiere im Schauspielhaus. MDR KULTUR-Theaterkritiker Wolfgang Schilling hat "TOOT!" gesehen und zeigt sich begeistert.

Toot! am Schauspiel Leipzig
Dehnbare Tanzkleidung ließ die Körperformen dynamischer werden. Bildrechte: zenna.de

MDR KULTUR: Warum macht man einen solchen Bühnenwechsel, bei dem es Ballett im Schauspielhaus gibt? Mario Schröders Company könnte ja auch ganz normal bei sich zu Hause in der Oper tanzen.

Wolfgang Schilling: Also dahinter stecken, glaube ich, zwei Gedanken: Der des Tapetenwechsels. Aber auch die von Schauspielintendant Enrico Lübbe gepflegte Zusammenarbeit zwischen den Leipziger Kulturinstitutionen. Fast zeitgleich gibt es ja eine Präsentation des sehr interessanten Bühnenbilds des Leipziger Malers Titus Schade zu der Elfriede-Jelinek-Inszenierung "Wolken.Heim" im Bildermuseum der Stadt. In den Silvesterpremieren arbeitet das Schauspiel gerne mit dem Gewandhaus zusammen.

Toot! am Schauspiel Leipzig
"TOOT!" wird am Schauspiel Leipzig gezeigt Bildrechte: zenna.de

Und diese Kooperation mit dem Ballett der Oper bietet den Tänzern dieser Company eben auch mal die Möglichkeit einer anderen Raumerfahrung. Es ist eine große Bühne. Aber eben keine Oper. Es gibt keinen Orchestergraben, der ja auch etwas Trennendes hat. Man ist nah dran am Publikum, muss sich aber räumlich trotzdem nicht beschränken. Und, das war auch gestern wieder zu erleben, man hat ein anderes Publikum, als in der Oper. Ich würde sagen, eins, das wirklich nur wegen des Balletts kommt.

Ja und zu guter Letzt: Mario Schröder, der Ballettchef lässt auch mal los. Was ihm vielleicht gar nicht so leicht fällt. Er überlässt seine Company im Schauspiel immer einer anderen künstlerischen Hand. Was natürlich für die Tänzer und Tänzerinnen ein wichtiger Aspekt ist.

Als Choreographin hat er diesmal die Holländerin Didy Veldman gewonnen. Was muss man über sie wissen?

Sie ist 1967 geboren und in Holland zur Tänzerin ausgebildet worden, an der Akademie des Scapino-Ballets Rotterdam, wo sie dann auch engagiert war. Sie hat dann später am Ballet du Grand Theatre in Genf getanzt, in England bei der Rampert Dance Company. Also sehr gute, erste europäische Adressen. Sie hat schon als junge Tänzerin choreographiert und sich mit Anfang 30 als Choreographin selbstständig gemacht - mit ihrer eigenen, ganz kleinen, freien Company - und ist als Gast, das muss man sagen, inzwischen weltweit gefragt. Leipzig ist ganz neu für sie.

Es ist also auch ein Kennenlernen für alle Beteiligten. Was ist bei dieser Erstbegegnung zu erleben?

Toot! am Schauspiel Leipzig
Eine Kooperation von Leipziger Ballett und Schauspiel Leipzig Bildrechte: zenna.de

Ein Abend, der aus zwei relativ kompakten Stücken besteht. Eins dauert eine knappe, das andere eine reichliche halbe Stunde. Stücke aus dem Repertoire von Didy Veldman - Glanzstücke muss man sagen, die den Tänzern technisch einiges abverlangen, ihnen aber auch viel Raum geben, sich als Individuen zu zeigen. Sie können Emotionen nicht nur mittels ihrer tänzerischen Bewegung, sondern auch fast schon im Grenzbereich zum Tanztheater auszudrücken. Ja und dazu kommt auch noch ein sehr besonderer Bewegungskanon, der immer auch etwas Heiteres verbreitet. Es ist so ein Tanzen, das einem als Zuschauer das Herz übergehen lässt.

Wie muss man sich einen besonderen Bewegungskanon vorstellen?

Zum ersten Teil des Stückes hat sich Didy Veldman vom Leben im Wasser inspirieren lassen. Sie ist fasziniert von den Bewegungen der Fische, was die im Schwarm für rasante Wendungen und blitzschnelle Formationswechsel hinkriegen. Für einen sehr beweglichen Tänzer ist das eine unglaubliche Anregung, aber natürlich schwer zu kopieren. Aber man kann es versuchen.

Toot! am Schauspiel Leipzig
Ein zweiteiliger Tanzabend von der Niederländerin Didy Veldman Bildrechte: zenna.de

Und so ist der erste Teil mit sieben Tänzern und Tänzerinnen so eine Art schwankend-schwebendes Agieren aus der Körpermitte. Ein immer wieder Erstarren in bizarren Posen. So wie Pflanzen, die in der Strömung hin und her oder weggetrieben werden.

Und so entstehen aus Gruppenbildern plötzlich Pas de Deux- oder Pas de Trois-Konstellationen, in denen sich die brasilianische Tänzerin Laura Costa Chaud und ihr französischer Kollege Lou Thabart und vor allem auch der Kubaner Yan Leiva über das menschenmögliche Maß hinaus bewegen. Drei Mitglieder des Ensembles, die sich in den letzten Jahren sehr zu Recht in die erste Reihe getanzt haben. Mit einem kleinen Trick: Sie tragen sehr elastische Trikots. Man greift da an den Ärmel des Partners und der wird plötzlich gefühlte zwei Meter lang. Und so bekommen zwei Tänzer einen unglaublichen Radius, in dem sie miteinander verbunden tanzen. Mal schnell, dann wieder fast zeitlupenartig. Ein intensives, sehr überraschendes Bewegen ist das im ersten Teil vor der Pause.

Es gibt einen zweiten Teil nach der Pause. Ist dieser dann anderes?

Er ist anders, ja. Wenn der erste "Unter-Wasser-Teil" sehr poetisch war, wird es jetzt zupackender. Es geht noch mehr in Richtung Tanztheater, das Erzählen von Geschichten, das Zeigen von Situationen im menschlichen Miteinander.

Die Szene verwandelt sich in eine angedeutete Zirkusarena. Die wird zunächst von zwei traurigen Clowns besetzt, ein dritter kommt dazu. Die Musik ist ein Wechsel aus Stücken des Balanescu Quartetts. Der rumänische Geiger Alexander Balanescu hat viel für das zeitgenössische Tanztheater, für Pina Bausch und Jochen Ullrich gearbeitet. Aber auch Filmmusiken für Peter Greenaways große Streifen komponiert. In diesem Fall ist es eine moderne, fast abstrakte Kammermusik, kombiniert mit der Jazzsuite von Schostakowitsch, dieser großartigen, aber auch etwas modernistischen russischen Walzerherrlichkeit. Zwei sehr extreme Soundtracks, die das jetzt auf 15 Tänzer angewachsen Ensemble in immer wieder neuen Konstellationen des Zwischenmenschlichen zueinander fügt.

Es endet in einer clownesken Chorusline. Alle bewegen sich in gefühlten zwei, drei Minuten in Zeitlupe von ganz hinten nach vorn an die Rampe. Und wechseln peu à peu aus dem Himmelhochjauchzend- in den Zu-Tode-betrübt-Modus und fallen, vorne angekommen, in eine Geste der Verbeugung. Langer und von Herzen kommender Applaus war ihnen dann sicher, für diesen wirklich ergreifend schönen und zugleich von großer Heiterkeit getragenen Abend.

Toot! am Schauspiel Leipzig
Die Musik stammt von Alfred Schnittke, Dimitri Schostakowitsch und dem Balanescu Quartet. Bildrechte: zenna.de

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juni 2018 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2018, 13:51 Uhr

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