Schriftstellerin Barbara Honigmann während der Pressekonferenz zur Uraufführung der Oper Charlotte Salomon in der Kulisse im Festspielhaus in Salzburg.
Schriftstellerin Barbara Honigmann schreibt über ihren Vater "Georg" Bildrechte: imago/Rudolf Gigler

Buchkritik "Georg": Barbara Honigmanns ergreifende Biografie über ihren Vater

Barbara Honigmann machte sich in den 70er-Jahren in der DDR als Regisseurin und Dramaturgin einen Namen, geriet aber wegen ihrer kritischen Haltung zum SED-Staat unter Druck. Davon zeugen ihre viel beachteten literarischen Werke "Bilder von A." und "Alles, alles Liebe". Seit 1984 lebt die Autorin in Frankreich. Gerade ist unter dem Titel "Georg" ihr jüngstes Buch erschienen. Es geht um ihren Vater und dessen Verhältnis zum DDR-Regime – eine bewegende, stilistisch einzigartige Biografie, so unser Kritiker.

von Ulf Heise, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Schriftstellerin Barbara Honigmann während der Pressekonferenz zur Uraufführung der Oper Charlotte Salomon in der Kulisse im Festspielhaus in Salzburg.
Schriftstellerin Barbara Honigmann schreibt über ihren Vater "Georg" Bildrechte: imago/Rudolf Gigler

Barbara Honigmanns bisherige Werke hatten stets einen familiären Hintergrund. Dieser Linie bleibt sie mit ihrem neuen Buch treu. Das Thema wirkt bei ihr nie abgedroschen, obwohl sie es schon oft strapazierte. Das hängt mit den hochgradig spannenden Lebensläufen ihrer Eltern zusammen. Beide waren Juden, die vor den Nazis nach England flohen und sich dort als Kommunisten engagierten. Honigmanns Mutter Alice hatte in erster Ehe den berühmt-berüchtigten Doppelagenten Kim Philby geheiratet. Über diese Beziehung erzählte Honigmann auf eindrucksvolle Weise in ihrem 2004 gedruckten Buch "Ein Kapitel aus meinem Leben".

Honigmanns Vater – in der DDR ein Fremdkörper

Barbara Honigman - Georg, Buch
"Georg" ist im Hanser Verlag erschienen Bildrechte: Hanser Verlag

Fünfzehn Jahre später widmet sie sich jetzt auf ähnliche Weise ihrem Vater Georg, der nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR Karriere machte, aber auch mehrfach in Ungnade fiel, weil man den Westemigranten für einen ideologischen Wackelkandidaten hielt.

Georg war ein Opfer seiner Selbsttäuschung über den Sozialismus. Er mutet sehr widersprüchlich, vor allem aber rastlos an, denn er kommt weder beruflich noch privat je zur Ruhe. Insgesamt heiratet er vier Mal, unterhält unzählige Affären und kann sich als Sohn eines Medizinprofessors nicht vom großbürgerlichen Milieu seiner Herkunft lösen. Obwohl er im Dienst der SED die "Berliner Zeitung" und die "BZ am Abend" aus dem Boden stampft und als Direktor des Kabaretts "Die Distel" amtiert, sagt er von sich, er sei "nie über Hermann Hesse hinausgekommen".

Er trägt gern maßgeschneiderte Anzüge, schätzt gutes Essen und schnelle Autos. In der DDR bleibt der Mann, der 1929 seine Doktorarbeit über Georg Büchner verfasst hatte, ein ständiger Fremdkörper. Deshalb leidet er auch an schweren Depressionen, die sich verstärken, nachdem man ihn in den 50er-Jahren wegen mangelnder Parteidisziplin verhaftet. Fortan überwacht ihn die Staatssicherheit, so wie einst im Exil der MI 5. Sein Schicksal erinnert enorm an das des Ökonomen Jürgen Kuczynski, der in der DDR zwar hofiert, aber wegen seiner querdenkerischen Positionen als "linientreuer Dissident" auch misstrauisch beäugt wurde.   

Eine Art Doppelbiografie

Barbara Honigmann empfindet ihren Vater als ebenso liebevoll wie vereinnahmend. Politisch driften beide immer mehr auseinander. Sie befragt ihn immer wieder wegen seiner "Blindheit gegenüber den kommunistischen Verbrechen" unter Stalins Herrschaft und bezichtigte ihn, eine "jahrzehntelang anhaltende Bartholomäus-Nacht" geduldet zu haben. Während er sich trotz all seiner Differenzen mit dem SED-Staat weiterhin als Linker betrachtet, tritt seine Tochter in die jüdische Gemeinde in Berlin ein, bekennt sich zum mosaischen Glauben und reist 1984 aus der DDR aus, im selben Jahr übrigens, in dem ihr Vater in Weimar starb.

Es handelt es sich um eine Art Doppelbiografie, denn die Autorin verknüpft die bewegte Vita ihres Vaters geschickt mit ihren eigenen Lebensstationen. Es ist ein subjektiver Tatsachenbericht – das scheinen zwei Begriffe zu sein, die sich eigentlich beißen, aber diese Kombination trifft den Kern des Textes, weil die Autorin zwischen trockenen Fakten und erregten Schilderungen von Empfindungen pendelt. Sie passt ihre Sprache diesem Hin- und Herschwingen an. Mal verwendet sie ein sehr nüchternes Vokabular, dann wieder tendiert sie zu sehr aufwühlenden Formulierungen. Als Leser ist man hier einer Kaskade von stilistischen Wechseln aussetzt, und genau dieses Momentum fasziniert.   

Analytisch und emotional zugleich

Ihre teils nachrichtenartige, dann wiederum sehr emotionale Diktion kennt eigentlich kein Beispiel. Diese Mischung ist ziemlich einzigartig. Allerdings erinnert die analytische Art, mit der sie sich geschichtlichen Entwicklungen nähert, vom Ansatz her an Maxim Biller, aber auch an Rafael Seligmann, Robert Menasse oder Irina Liebmann. All diese Schriftsteller sind Nachfahren vom NS-Regime verfolgter Juden. Sie durchlitten den Holocaust nicht, spüren aber seinen Schatten, der nach wie vor über ihnen schwebt.

Auch Barbara Honigmann hat am Schicksal ihrer Familie zu tragen, aber durch das ergreifende Buch über ihren Vater ist ihr mental ein Befreiungsschlag geglückt, der ihr ein Stück von dieser Bürde nimmt, und das spürt man.

Angaben zum Buch Barbara Honigmann: "Georg"
Hanser Verlag, 2019
Gebunden, 158 Seiten
Preis: 18 Euro
ISBN 978-3-446-26008-5

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2019, 04:00 Uhr

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