Charles Baudelaire, französischer Schriftsteller
"Les Fleurs du Mal" ist das bekannteste Werk des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire. Bildrechte: imago/alimdi

"Die Blumen des Bösen" Ist Poesie übersetzbar?

Können Reim und Rhythmus und dazu noch Inhalt und spezielle Sprachfärbung von einer Sprache in die andere übersetzt werden? Seit Jahrhunderten ist die Geschichte der Poesie auch eine Geschichte der Übersetzung. Ein schönes Beispiel dafür ist die Übertragung des großen Gedichtzyklus "Les Fleurs du mal" von Charles Baudelaire aus dem Französisch ins Deutsche ("Die Blumen des Bösen"). Walter Benjamin hat sich daran versucht, Stefan George und einige andere Dichter des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 2017 dann eine weitere Übertragung von Simon Werle, eine so sprachsichere wie hochmoderne deutsche Aneignung des Baudelairschen Universums. Wir haben einige Übersetzungs-Varianten verglichen.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR

Charles Baudelaire, französischer Schriftsteller
"Les Fleurs du Mal" ist das bekannteste Werk des französischen Schriftstellers Charles Baudelaire. Bildrechte: imago/alimdi

Die Mitte des 19. Jahrhunderts war von gewaltigen sozialen Verschiebungen geprägt: Der Bürger emanzipert sich, doch zugleich ekelt er sich vor der Welt, die er gerade erschaffen hat. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Rausch und Genuss, aus Ekel und Überdruss, die Charles Baudelaire in seiner Gedichtsammlung "Les Fleurs du Mal", zu deutsch: "Die Blumen des Bösen", formuliert: Im ersten Gedicht mit gleichnamigem Titel wendet sich Baudelaire direkt an den Leser, den Bürger, und offenbart ihm eine Welt der Hässlichkeiten. Mehrere Gedichte dieser Sammlung wurden seinerzeit von der französischen Justiz auf den Index gesetzt, durften also nicht gedruckt werden. Wie nun können solche Verse übersetzt werden, auf dass ihnen zugleich etwas von ihrer seinerzeit so verstörenden Kraft eingeschrieben bleibt? 1925 erscheint eine Übertragung des Gedichts "An den Leser" von Therese Robinson:

In Dumpfheit, Irrtum, Sünde immer tiefer
Versinken wir mit Seele und mit Leib,
Und Reue, diesen lieben Zeitvertreib,
Ernähren wir wie Bettler ihr Geziefer.

Übersetzung des Gedichts "An den Leser" von Therese Robinson (1925)

Therese Robinson versucht im Wesentlichen, die Laut- und Reimgestalt des Originals und auch dessen Inhalt nachzuahmen: Seele und Leib etwa, dazu, wie bei Baudelaire, ein sozusagen weiches, klingendes Versende, Geziefer reimt auf tiefer, dazu ein stumpfer Reim mit Zeitvertreib auf Leib. Es klingt ein bisschen wie deutscher Expressionismus, aber es klingt eben auch ein wenig nach gewöhnlicher poetischer Reimproduktion. Der Inhalt dieser Verse mag anstößig sein, doch lassen sie den Leser an irgendeiner Stelle stocken, neu ansetzen, zurückzucken?

Nachdichter versuchen, die Sprache ihrer eigenen Zeit zu finden

Rainer Kirsch, einer der bekanntesten Lyriker der DDR, zudem ein hervorragender Nachdichter und Theoretiker, schrieb in seinem Aufsatz "Das Wort und seine Strahlung": Der Grund, aus dem der Nachdichter zum Leser spricht, ist immer der gegenwärtige Stand der Poesie. Von deren Sprache geht er aus und wird sie durch ihm geeignet scheinende Verfahren modifizieren, um der poetischen Mitteilung des Originals nahezukommen. 

Das aber hieße, dass es weniger auf die möglichst adäquate inhaltliche Übersetzung ankommen müsste. Vielmehr muss der Nachdichter eine Sprache finden, die eben die spezielle Wirkung des Gedichts in seiner Originalsprache und in seiner Zeit widergibt. Ein weiteres Beispiel für eine deutsche Baudelaire-Übertragung, wieder die ersten vier Zeilen des Gedichts "An den Leser", diesmal von Carl Fischer, erschienen 1955:

Verirrung, Torheit, Geiz und sündiges Begehren
Bedrängen unsren Geist, belasten unsren Leib;
Die Reue füttern wir als holden Zeitvertreib,
So wie die Bettler sonst ihr Ungeziefer nähren

Übersetzung des Gedichts "An den Leser" von Carl Fischer (1955)

Verglichen mit der Übertragung von 1925 hat sich so viel gar nicht geändert: Reimstruktur und rhythmische Ordnung ähneln denen der früheren Übertragung, allerdings hat Fischer den Wortschatz sanft modernisiert: "belasten unseren Leib" ist wohl die auffälligste Fügung, die aus heutiger Sicht unfreiwillig die Umgangssprache des 21. Jahrhunderts.

Wie klingt Baudelaire in aktueller Übersetzung?

Wie aber ein konsequent ins Deutsche der Jetztzeit übertragener Baudelaire klingen könnte, beweist Simon Werle in seiner Übertragung aus dem Jahr 2017: 

Der Sünde, Blindheit, Dummheit, Knauserei Gebresten
Zermürben unseren Körper und besetzen unseren Geist,
Und unsere traulichen Gewissensbisse päppeln feist
Wir auf, wie Straßenbettler ihre Ungeziefer mästen.

Übersetzung des Gedichts "An den Leser" von Simon Werle (2017)

Nicht zu überhören: Die Strophe liest sich viel sperriger als die in den anderen Übertragungen - und mit einem selten benutzten Wort wie "Gebresten" (es steht für Gebrechen) wird ebenso eine Exklusivität angezeigt wie mit der Wendung von den "traulichen Gewissensbissen" oder den Straßenbettlern, die ihre Ungeziefer mästen.

Der Kritiker Andreas Isenschmid schrieb zu dieser Übertragung: "Werle geht mit dem strengen französischen Alexandriner, einem sechshebigen Reimvers mit einer Zäsur nach der dritten Hebung, freier um als die meisten seiner Vorgänger. Werle gewinnt ohne Verlust an prosodischer Eleganz ein Maximum an Wörtlichkeit; erstaunlich, wie wenig er opfert, wie viel er retten kann! So viel Baudelaire war nie. Und er bringt durch die geräumigeren Platzverhältnisse in seinem Vers das Deutsche wenn schon nicht zum Klingen, da ist dem Französischen und Italienischen kaum gleichzukommen, so doch zum Schwingen – nicht zuletzt durch erstaunliche Reimfunde." atsächlich, es sind delikate Reime: feist reimt auf Geist, mästen auf Gebresten. Ja, so könnte er geklungen haben, der große Ekel, dem Charles Baudelaire sich hingab, als er vor 150 Jahren durch Paris gegeistert ist.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Januar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2019, 04:00 Uhr

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