Wandtapete von Gunta Stölzl
Eine Wandtapete der Bauhaus-Künstlerin Gunta Stölzl Bildrechte: imago/United Archives International

Frauen am Bauhaus Die einzige Meisterin am Bauhaus: Gunta Stölzl

Die Geschichte des Bauhauses ist eine Geschichte männlicher Helden, etwa Walter Gropius oder Mies van der Rohe. Die Künstlerinnen am Bauhaus standen im Schatten ihrer Kollegen. Fotoaufnahmen der Designerinnen, Architektinnen und Kunsthandwerkerinnen sind entsprechend selten. Dabei haben auch Frauen der Kunstschule der Moderne zum Erfolg verholfen. Zum Beispiel Gunta Stölzl, die die einzige Frau unter den Meistern am Bauhaus war und deren Textilklasse in der Bauhaus-Geschichte eine der erfolgreichsten wurde. Dennoch war sie nicht gern gesehen. Ein Porträt.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Wandtapete von Gunta Stölzl
Eine Wandtapete der Bauhaus-Künstlerin Gunta Stölzl Bildrechte: imago/United Archives International

Ein Foto aus dem Jahr 1926 zeigt Gunta Stölzl auf dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Laufbahn – als einzige Frau unter den Meistern des Bauhauses. Jene Position hatte Stölzl durch das Votum der Angehörigen ihrer Werkstatt erlangt, nicht etwa durch Berufung.

"Bauhausfrauen" - Monika Stadler - Tochter von Bauhaus-Meisterin Gunta Stölzl - im Interview
Monika Stadler, Tochter von Gunta Stölzl Bildrechte: ARD-Foto / MDR/Koberstein Film/Marcus Winterbauer

Monika Stadler, Stölzls Tochter, gibt die Sicht ihrer Mutter aufs Geschehen wieder: "Das war eine Revolution von unten, eine Revolution der Weberinnen. Die forderten vom Meisterrat, dass Stölzl jetzt als Jungmeisterin die Weberei führen sollte." Stadler erzählt weiter, dass ihre Mutter immer schlechter gestellt gewesen sei als die Männer. Sie habe keine Pensionsansprüche und immer ganz kurzfristige Verträge gehabt.

Wandtapete von Gunta Stölzl 4 min
Bildrechte: imago/United Archives International
Wandtapete von Gunta Stölzl 4 min
Bildrechte: imago/United Archives International

Weberei finanzierte Bauhaus mit

Die Bauhaus-Meister hatten ursprünglich nicht vor, eine Frau in ihr Kollegium aufzunehmen. Es wirkte, so die Berliner Bauhaus-Forscherin Theresia Enzensberger, der "Geniemythos, die Idee, dass nur Männer auf eine künstlerische Art genial sein können, während Frauen fleißig sind und einfühlsam". 

Gleich nach ihrer Proklamation von 1919 – die Männer und Frauen zum Bau an der "Kathedrale des Sozialismus" einlud – hatten die Bauhaus-Begründer damit begonnen, die Studentinnen in die traditionelle Beschäftigung mit Textilien abzuschieben. Stölzl ergriff das "Seil der Betriebsamkeit" wie sie es nannte, ignorierte den Dünkel ihrer männlichen Kollegen, war fleißig. So fleißig, dass die Bauhaus-Weberei begann, das Bauhaus – an dem die Protagonisten oft an Hunger litten – mitzufinanzieren.

Kein Aushängeschild für das Bauhaus

Wandbehang von Gunta Stölzl
Wandbehang von Gunta Stölzl Bildrechte: dpa

Anja Baumhoff promovierte über die Frauen am Bauhaus. "Die Textilklasse ist eigentlich in der gesamten Bauhaus-Geschichte eine der erfolgreichsten Werkstätten gewesen, die haben am meisten Geld gemacht, viel verkauft, viel ausgestellt und produziert", so Baumhoff. Doch am Bauhaus sei das nicht gern gesehen worden: "Es ist die Klasse, die immer an letzter Stelle genannt wurde, weil gesagt wurde, sie soll nicht das Aushängeschild des Bauhauses werden."

1897 als Adelgunde Stölzl in München geboren, wird die Künstlerin zunehmend von der Forschung als eine zentrale Figur des Textildesigns im 20. Jahrhundert entdeckt. Schon bald beginnt sie, die am Bauhaus gelehrten Prinzipien auf die Weberei zu übertragen, erschafft geometrische Formen und abstrakte Bildkompositionen, schult die Farbgebung ihrer Studentinnen, die Wahl von Material und Textiltechniken ist frei.

Tabu: Mutterschaft und Führungsposition

Mit Marcel Breuer erarbeitete Stölzl schließlich Stoffe für Sitzmöbel. Irgendwann arbeiten die Studentinnen in der Weberei bis zu acht Stunden am Tag; angetreten waren sie, um künstlerisch zu experimentieren. Hartnäckig bringt Stölzl ihre Klasse auf den neuen Kurs der industriellen Fertigung. Christoph Stölzl, Rektor der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, erinnert sich an seine strenge Tante Gunta: 

Das Komische ist, dass die Tante mir als Kind unendlich konservativ erschien. Es war schon ganz böse, die Butter schief anzuschneiden, das Bett nicht ordentlich zu machen oder ein Buch nicht in das Buchregal zurückzustellen.

Christoph Stölzl, Rektor der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar und Neffe von Bauhaus-Künstlerin Gunta Stölzl

1931 putschen Studentinnen der Weberei-Klasse. Die Erfolgreiche sieht sich abenteuerlichen Vorwürfen ausgesetzt, der homosexuellen Belästigung einer Studentin als auch antisemitischen Anwürfen. 1929 hatte Stölzl den jüdischen Architekten Arieh Sharon geheiratet: Die gemeinsame Tochter bringt sie mit in die Werkstatt und stillt sie. Stölzl versucht, am avantgardistischen Bauhaus Mutterschaft und Führungsposition zu vereinen – ein Tabubruch. 1931 verlässt sie das Bauhaus und emigriert in die Schweiz. Bis zu ihrem Tod 1983 widmet Stölzl ihr Leben der Weberei.

Programmtipp Frauen am Bauhaus – Themenabend im Ersten

Mi, 13.02. | 20:15 Uhr (Film)
Lotte am Bauhaus

Mi, 13.02. | 22:00 Uhr (Doku)
Bauhausfrauen

Frauen am Bauhaus

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Februar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Februar 2019, 04:00 Uhr

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