Zehn Fragen zum Bauhaus


Was ist das Bauhaus?

Das Bauhaus gilt gemeinhin als die bedeutendste Kunstschule des 20. Jahrhunderts und als die einflussreichste Stilrichtung aus Deutschland überhaupt – und dass, obwohl das Bauhaus nur 14 Jahre bestand. Von Beginn an war die Kunstschule starken Anfeindungen ausgesetzt. In ihrer Ablehnung übersahen viele die innovative Kraft der deutschen Design-und-Architektur-Revolution, die zu einer Schule der Avantgarde und der Moderne werden sollte.

Als erster Leiter setzte Walter Gropius auf die Verbindung von Industrie, Wissenschaft und Kunst. Zudem griff  Gropius auch Ansätze des Deutschen Werkbundes und des Expressionismus auf: Schlichte Formen, neue Materialien und kunstvolles Handwerk prägten den Bauhaus-Stil. Besonders formte das Bauhaus die Architektur und verhalf ihr zum Durchbruch der Moderne. Die Architekten des Bauhauses führten neue Baustoffe wie Stahl, Glas und Beton ein, ließen die ersten industrialisierten Wohnungsbauten für Menschen, auch aus ärmeren sozialen Schichten, entstehen. Und sie entwickelten die Idee, dass ein Gegenstand zugleich einfach, schön, funktional und für alle zugänglich sein kann – eine Auffassung von Design, die heute allgegenwärtig ist.


Wann ist das Bauhaus entstanden und wie hat es sich entwickelt?

Am 1. April 1919 unterzeichnete Walter Gropius den Vertrag, mit dem zwei Großherzoglich-Sächsische Kunstschulen fusionierten. Das Staatliche Bauhaus in Weimar entstand. Gropius richtete ein Dutzend Werkstätten ein, setzte Meister wie Paul Klee, Johannes Itten und Oskar Schlemmer ein. Als der Rechnungshof schwere Buchungsfehler in den Bilanzen der Schule fand, warf der Syndikus Emil Lange das Handtuch.

1924 kürzte die Regierung unter der nationalliberalen Deutschen Volkspartei den Etat um 50 Prozent. 1925 beschloss der Meisterrat den Umzug nach Dessau. Gropius gründete dort die Bauhaus GmbH, führte Architekturkurse ein und baute die Werkstätten aus, machte das Bauhaus weltbekannt, erntete aber auch viel Kritik. 1928 warf er hin, Hannes Mayer übernahm.

1932 setzte die NSDAP die Schließung des Staatlichen Bauhauses Dessau durch. Nach Gropius und Hannes Meyer wurde Mies van der Rohe der dritte Direktor der Schule. Er überführte das Bauhaus 1932 in eine private Institution und fand eine neue Bleibe in Berlin-Steglitz. Am Morgen des 11. April 1933 fanden die "Bauhäusler" ihre Schule versiegelt, kurz darauf sah man sich zur Selbstauflösung gezwungen. Viele Bauhaus-Künstler emigrierten und verbreiteten die Ideen des Bauhauses international.


Welche Künstler gehören zum Bauhaus?

Die Königsdisziplin des Bauhauses ist die Architektur. Alle Direktoren des Bauhauses waren Architekten. Walter Gropius und Mies van der Rohe wurden mit ihren Entwürfen und Bauten weltberühmt. Auch Marcel Breuer war von Haus aus Architekt, wurde aber 1925 zum Leiter der Möbelwerkstatt in Dessau ernannt. Dort entwarf er eine Reihe von Stahlrohrmöbeln, als deren Erfinder er gilt.

Unter den drei Bauhausmeistern und Malern Wassily Kandinsky, Paul Klee und Lyonel Feininger wurde Kandinsky als Künstler und Pädagoge einer der prägendsten. Er leitete unter anderem die Werkstatt für Wandmalerei. 1926 publizierte Kandinsky mit seiner Schrift "Punkt und Linie zur Fläche", in der er sich mit der abstrakten Malerei beschäftigte, eines der bedeutendsten Bücher seiner Zeit.

Neben der Metallgestalterin Marianne Brandt gehörte Gunta Stölzl von 1919 bis 1931 zu den prägenden Gestalterinnen am Bauhaus in Weimar und Dessau. Sie gilt als Erneuerin der Handwebkunst, entwarf und webte eine Fülle von eindrucksvollen Raumtextilien. Alma Siedhoff-Buscher ist eine der wenigen Frauen, die sich erfolgreich außerhalb der den Frauen zugewiesenen Webereiwerkstätten durchsetzen konnte. Mit ihrem Kinderzimmer im Haus "Am Horn", wurde sie international bekannt.


Wo in Deutschland haben die Bauhaus-Künstler gewirkt?

In Weimar, Dessau oder Berlin wirkten alle Bauhaus-Künstler mindestens ein Mal. Als es 1933 geschlossen wurde, emigrierten viele Bauhaus-Künstler in die USA. Als Professoren an wegweisenden Kunstinstitutionen entwickelten sie die innovativen Ansätze weiter. So wurde Mies van der Rohe, letzter Direktor der Bauhaus-Schule, Leiter der Architekturabteilung im "Illinois Institute of Technology" in Chicago. Dort baute er die Wolkenkratzer, die wir alle kennen: Berühmt sind etwa das "Federal Center" in Chicago und die 1951 erbauten "Lake-Shore-Drive-Appartments", von denen der Komponist John Cage meinte, sie zeigten, dass van der Rohe den Blitz erfunden habe.

1950 entwarf van der Rohe das berühmte "Seagram Building" in New York. Walter Gropius, der erste Direktor der Bauhausschule, wurde Leiter der "Harvard School of Design". Und László Moholy-Nagy, einer der berühmten Lehrer am Bauhaus, gründete in Chicago das "New Bauhaus".

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirkten diese Ideen wieder auf Europa zurück, so dass sich hier bis in die Gegenwartskunst hinein Positionen des Bauhauses finden lassen. Bauhaus-Schüler und -Professoren flohen vor den Nationalsozialisten unter anderem auch nach Israel und bauten in Tel Aviv die "Weiße Stadt", in der Sowjetunion wirkten sie im Städtebau mit.


Wo findet man Spuren des Bauhauses?

In Weimar, Dessau und Berlin lassen sich natürlich Spuren des Bauhauses finden. Von 1929 bis 1930 ließ Mies van der Rohe in Brünn die "Villa Tugendhat" errichten. Das Haus gilt als eines der berühmtesten Bauwerke der Moderne und entstand zeitgleich zu van der Rohes "Barcelona-Pavillon" als "Deutscher Pavillon" für die Weltausstellung 1929. In den 1980er-Jahren ließ die Stadt Barcelona den Pavillon wieder aufbauen.

Begeistert vom Bauhaus sind heute auch noch die Besucher der Weißenhof-Siedlung in Stuttgart, die 1927, unter Mies van der Rohe, gebaut wurde. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung gingen viele wichtige "Bauhäusler" nach Amerika und nahmen das Bauhaus mit in die Neue Welt. Doch auch in der "Weißen Stadt" in Tel Aviv und sogar in Ankara hinterließ die Kunstschule Spuren.

Nach dem Krieg gab es eine Bauhaus-Auferstehung in Form der "Hochschule für Gestaltung Ulm", an der alte Bauhaus-Künstler maßgeblich Anteil hatten. Seit 50 Jahren ist Ulm jedoch Geschichte. Das Gebäudeensemble der Kunsthochschule Berlin-Weißensee indessen gilt als herausragendes Denkmal der Nachkriegsmoderne. Architekt Selman Selmanagić begann 1929 ein Studium am Bauhaus, das er 1932 abschloss.


Was kennzeichnet Bauhaus-Architektur?

Kühl, weiß, sachlich – dafür steht die Bauhaus-Architektur 100 Jahre nach ihrer Gründung. Der einfache, klare Stil hat die Architektur des vergangenen Jahrhunderts geprägt, aber längst nicht alle überzeugt. Gern wird das Bauhaus beschuldigt, mit seinem "Reduktionismus" sogenannte "Arbeiterwohnregale", Plattenbauten und Vorort-Tristesse, erst ermöglicht zu haben. Hinzu kommen jene Fertighaus-Hersteller, die unter dem Rubrum "Bauhaus" ihre weißen "Wohn-Kartons" anbieten, an denen alles weggelassen wird, was ein Wohnhaus wohnlich macht.

Das, was das Bauhaus jenseits der gepflegten Kälte einst ausmachte, muss heute wiederentdeckt werden. Dazu begibt man sich besser nicht nach Berlin-Gropiusstadt oder nach Halle-Neustadt, dessen Chefplaner Richard Paulick seine Architekten-Laufbahn am Bauhaus in Dessau begann. Wer heute den Bauhaus-Stil in seinem besten, individuellen, Sinne entdecken möchte, besucht am besten die vielen Einzelbauten und Bauhaus-Villen oder auch Tel Aviv, die "Weiße Stadt", die als das größte Bauhaus-Ensemble der Welt gilt.


Was kennzeichnet Bauhaus-Design?

Trotz seiner Affinität zu Schwarz-Weiß, Stahlrohr und Silber schwelgte das Bauhaus auch in Farben. Was die damalige Fotografie leider nicht vermitteln kann. Doch wer eines der berühmtesten Objekte der Schule, die Wiege, die Peter Keler in Weimar entwarf, in Augenschein nimmt, wird die Bedeutung der Farben für das Bauhaus verstehen. Das Design der Wiege war streng, dass Aussehen jedoch bunt, ganz nach der Farblehre Wassily Kandinskys, der seit 1922 die Abteilung Farbmalerei am Bauhaus leitete.

Damals war man mit dem Bauhaus angetreten, die Menschheit von Schnörkeln und Samtkissen zu befreien, die etwa der Jugendstil mit sich brachte. Man propagierte eine ornamentlose, schlichte, an geometrischen Grundformen orientierte Gestaltung und versuchte – fast antimodern und nostalgisch – das Handwerk vor der Industrialisierung zu retten. Viele Bauhaus-Entwürfe werden heute noch in höheren Auflagen weiter produziert. Darunter, neben diversen Freischwinger-Stühlen, der "Barcelona-Sessel" von Mies van der Rohe, der Design-Geschichte geschrieben hat – oder auch jene Metall-Leuchte mit Milchglaskuppel, Fußplatte und vernickeltem Schaft, die Wilhelm Wagenfeld, Silberschmied am Bauhaus in Weimar, 1923 entwickelte und die zum Kassenschlager werden sollte.


Wie wurde am Bauhaus studiert?

In einem Manifest verkündete Walter Gropius 1919 das primäre Ziel seiner Schule: "Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!" Architektur, Bildhauerei und Malerei sollen zum Handwerk zurückgeführt werden, um gemeinsam den Bau der Zukunft zu gestalten. So lernte man am Bauhaus Dinge zu entwerfen, die gleichzeitig hoch künstlerisch, funktional und innovativ waren und die serienmäßig hergestellt werden konnten. Die Schüler und Schülerinnen absolvierten Kurse in Kunsttheorie, studierten im Vorkurs die Formen- und Farbensprache.

Danach mussten sie sich für eine der Bauhaus-Werkstätten  entscheiden. Dort lernten sie  unter anderem weben, töpfern oder Metallverarbeitung. Die Werkstätten wurden idealerweise sowohl von einem Künstler als auch von einem Handwerksmeister geleitet, um Handwerk und künstlerische Gestaltung direkt mit der Praxis verbinden zu können. Erst spät, 1927 in Dessau, richtete man eine Architekturklasse ein. Obwohl Walter Gropius an seiner Kunstschule von 1919 an Frauen zuließ, zog er doch Grenzen. Malerei, Bildhauerei und Architektur waren Frauen so gut wie nicht zugänglich. Für sie gab es eine gesonderte Klasse – die der Weberei.


Welche Vorläufer hat das Bauhaus?

Der Grundgedanke des Bauhauses war, nicht länger zwischen der Bildenden Kunst und der Angewandten Kunst, also dem Kunsthandwerk, zu unterscheiden. Dieser Gedanke keimte bereits im 19. Jahrhundert auf und fand Ausdruck in Bewegungen wie Arts & Crafts in England oder auch im Jugendstil. Das Weimarer Bauhaus-Manifest basierte noch auf der Arts-and-Crafts-Bewegung: "Architekten, Bildhauer, Maler, wir müssen alle zum Handwerk zurück!"

Das Leitbild für die Erneuerung der Kunst war die mittelalterliche Bauhütte, in der einst Kunst und Handwerk verschmolzen war. Gotische, expressionistische und vor allem romantische Ideen prägten das "Bauhaus" in Weimar, bevor es sich 1922 dem "Industrial Design" und dem typisierten Bauen zuwandte. Verschiedene ästhetische Reformbewegungen kämpften Anfang des 20. Jahrhunderts "gegen den Bürgerplüsch". Hierzu zählt auch der Deutsche Werkbund. Seine Ziele waren eine Gestaltung, die sich an Funktionalität, Ergonomie und sozialer Verantwortung orientierte.

Auch dem "Bauhaus" ging es zu Beginn um die Ästhetisierung des bürgerlichen Alltagslebens. Erst Emil Hans "Hannes" Meyer, als radikalster Bauhaus-Direktor, setzte schließlich innerhalb der Architektur eine Orientierung vom "Luxusbedarf" zum "Volksbedarf" durch.


Wo kann ich mir in Deutschland Beispiele für Bauhaus-Architektur anschauen?

Das Hochschulgebäude in Dessau und Georg Muches "Haus am Horn" in Weimar sind Mustergebäude der Bewegung. Das Musterhaus am Horn präsentiert sich nach Rückbau, Restaurierung und Rekonstruktion als Prototyp modernen Wohnens: quadratisch, praktisch, licht und klassisch!

In Dessau gibt es inzwischen einen ganzen, Bauhaus-Parcours. Als makellose weiße Kuben im lichten Gehölz glänzen etwa die Meisterhäuser. Im Inneren erwarten die Besucher teils unglaubliche Farbkompositionen. In der Siedlung Törten indessen nahmen die Bewohner durch Eigenleistung einen Trend vorweg, der inzwischen überall zu finden ist: Industrielle Fertigung von Häusern ja, aber bitte individuell. Törten war ein erster Schritt zum normierten Bauen mit vorgefertigten Elementen, die Berliner Gropiusstadt das Ziel. 

Ab 1963 wurde die Großsiedlung erbaut. Bald darauf sprach der Arzt Alexander Mitscherlich von der "Unwirtlichkeit unserer Städte". Am Obersee in Berlin-Hohenschönhausen liegt indessen idyllisch – mit großen Glasfassaden – das "Haus Lemke", das Mies van der Rohe entworfen hatte, kurz bevor er 1938 in die USA emigrierte. Die "Weißenhofsiedlung" in Stuttgart gilt bis heute als Paradebeispiel der Bauhaus-Architektur. 

Zuletzt aktualisiert: 14. November 2018, 16:45 Uhr