Emil Nolde: Das letzte Abendmahl, 1909
"Das letzte Abendmahl" - das Gemälde von Emil Nolde aus dem Jahr 1909 ist ein Schlüsselwerk für das Kunstmuseum Moritzburg Bildrechte: SMK Photo, Jakob Skou - Hansen © Nolde Stiftung Seebüll

Ausstellung "Bauhaus Meister Moderne" - das Comeback geraubter Kunst

Bis 1933 galt das Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale als eines der führenden Häuser für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Doch mit der berüchtigten Aktion "Entartete Kunst" im Jahr 1937 ging diese herausragende Sammlung der Klassischen Moderne unwiederbringlich verloren. Darunter waren auch bedeutende Werke von Bauhaus-Künstlern. Nicht zuletzt deshalb versucht man jetzt zum 100. Jubiläum des Bauhauses, diese Sammlung zu rekonstruieren. Von den rund 150 beschlagnahmten Kunstwerken kehren nun knapp 40 der verlorenen Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen für kurze Zeit zurück. "Bauhaus Meister Moderne" heißt die Schau, die diese Leihgaben kombiniert mit Werken, die damals nicht beschlagnahmt wurden.

Andreas Höll
Bildrechte: MDR/Hendrik Kirchhof

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Kunstredakteur

Emil Nolde: Das letzte Abendmahl, 1909
"Das letzte Abendmahl" - das Gemälde von Emil Nolde aus dem Jahr 1909 ist ein Schlüsselwerk für das Kunstmuseum Moritzburg Bildrechte: SMK Photo, Jakob Skou - Hansen © Nolde Stiftung Seebüll

Das Pathos durfte nicht fehlen, wenn sich Adolf Hitler über die deutsche Kultur ausließ, und nur mit Schaum vor dem Mund sprach der Führer über die moderne Kunst in Deutschland wie 1934 auf dem Parteitag in Nürnberg: "Das  ganze Kunst- und Kulturgestotter und Kopisten, Futuristen, Dadaisten und so weiter ist weder rassisch begründet noch volklich erträglich."

Aktion "Entartete Kunst" traf Halle mitten ins Herz

Weder rassisch begründet noch volklich erträglich – mit dieser Kampfansage gegen die Avantgarde wurde dann auch 1937 die Aktion "Entartete Kunst" inszeniert. Und die traf das Kunstmuseum Moritzburg mitten ins Herz. Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich erzählt: "Insgesamt sind 147 Arbeiten verloren gegangen, beschlagnahmt worden. Das ist rein quantitativ gesehen nicht die große Zahl, da haben andere Museen mehr zu beklagen, aber es sind nahezu ausschließlich Gemälde und einige wenige Aquarelle, d. h. der repräsentative Kern der Sammlung ist verloren gegangen. Was nicht beschlagnahmt wurde, und was außergewöhnlich ist in Halle, dass Zeichnungen, Druckgrafiken in der Sammlung blieben und größtenteils bis heute noch geblieben sind."

Die Nazis übersahen Zeichnungen und Druckgrafiken, doch die Ikonen der Moderne wurden allesamt geraubt. Wie z.B. ein bedeutendes Gemälde von Emil Nolde aus dem Jahr 1909.

Das Abendmahl von Emil Nolde ist ein Schlüsselwerk im Werk von Nolde selbst, weil es eines der ersten frühen religiösen Gemälde ist. Und es ist ein Schlüsselwerk für die Geschichte des Hauses und seiner Sammlung: Weil es den Beginn markiert für das Sammlungsprofil 'Museum der Moderne' und den furiosen Auftakt für den Expressionismus-Schwerpunkt.

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor Kunstmuseum Moritzburg Halle

Meisterwerke von Kirchner, Kandinsky, Kokoschka oder El Lissitzky

Paul Klee: Ein Vorspiel zu Golgatha, 1926
Paul Klee: "Ein Vorspiel zu Golgatha", 1926 Bildrechte: Miyazaki Prefectura

Das Schlüsselwerk von Emil Nolde kann man jetzt wieder zeitweise in der Moritzburg sehen, dank einer Leihgabe aus Kopenhagen. Genauso wie weitere Meisterwerke von Kirchner, Kandinsky, Kokoschka oder El Lissitzky, die aus der ganzen Welt ausgeliehen wurden. Und das ist oftmals ein mühevolles und teures Geschäft, wie zum Beispiel beim Aufspüren eines verschollenen Werks von Paul Klee: "Golgatha". Dieses betörende Aquarell aus filigranen Rottönen hatte sich zuletzt im Besitz einer Galerie aus Paris befunden, in den 1980er-Jahren. Und wie ein Detektiv war dann Thomas Bauer-Friedrich dem Kunstwerk auf der Spur:

"Über Recherchen im Archiv der Galerie, über die letzte Mitarbeiterin dieser Galerie, die sich erinnern konnte, an wen es verkauft wurde, konnte ich dann diejenige in Japan ausfindig machen. Die sagte mir dann, dass sie es verkauft hat an ein Museum, das Prefectural Art Museum in Miyazaki."

Hier können Sie einige der Kunstwerke aus der Schau "Bauhaus Meister Moderne" sehen

Oskar Schlemmer: Geländer-szene I, 1931
Oskar Schlemmer: Geländer-szene I, 1931 Bildrechte: Peter Schälchli, Zürich - Inv. DL320
Oskar Schlemmer: Geländer-szene I, 1931
Oskar Schlemmer: Geländer-szene I, 1931 Bildrechte: Peter Schälchli, Zürich - Inv. DL320
Wassily Kandinsky: Abstieg, 1925
Wassily Kandinsky: Abstieg, 1925 Bildrechte: Kulturstiftung Sachsen - Anhalt
Emil Nolde: Mulattin, 1913
Emil Nolde: Mulattin, 1913 Bildrechte: President and Fellows of Harvard College © Nolde Stiftung Seebül
Lyonel Feininger: Der Rote Turm II, 1930
Lyonel Feininger: Der Rote Turm II, 1930 Bildrechte: Stiftung Sammlung Ziegler ©VG Bild - Kunst, Bonn 2019
Paul Klee: Besessenes Mädchen, 1924
Paul Klee: Besessenes Mädchen, 1924 Bildrechte: Robert Bayer
Georg Muche: Bild mit dem Gittermotiv in der Mitte, 1919
Georg Muche: Bild mit dem Gittermotiv in der Mitte, 1919 Bildrechte: bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders ©Bauhaus - Archiv Berlin
Marguerite Friedlaender-Wildenhain: Teekanne und Dose, um 1926 - 1927
Marguerite Friedlaender-Wildenhain: Teekanne und Dose, um 1926 - 1927 Bildrechte: Punctum/Bertram Kober © Charles S. Friedlaender, New York
Wiilhelm Lehmbruck: Mutter und Kind, 1918
Wilhelm Lehmbruck: Mutter und Kind, 1918 Bildrechte: Klaus Göltz
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Beinahe hätte Walter Gropius ein Museum in Halle gebaut

Das Aquarell von Paul Klee gehört zu den rund 150 beschlagnahmten Kunstwerken – und von denen kann man jetzt in Halle wieder rund 40 Arbeiten sehen. Außerdem ist es nun im virtuellen Raum möglich, die komplette Sammlung zu erleben. Und zwar mit einer Datenbrille, die führt einen in ein imaginäres Museum der Moderne, das beinahe gebaut worden wäre in den 1920er-Jahren - und zwar von keinem Geringeren als Walter Gropius. Der hatte damals für Halle ein weitläufiges Kultur- und Sportforum entworfen.

Lyonel Feininger: Der Rote Turm II, 1930
Lyonel Feininger: Der Rote Turm II, 1930 Bildrechte: Stiftung Sammlung Ziegler ©VG Bild - Kunst, Bonn 2019

"Im letzten Jahr, das Gropius noch Direktor des Bauhauses in Dessau war, 1927, lobt die Stadt Halle einen Wettbewerb aus für ein zu bebauendes Areal, also ein Komplex: zentrale Stadt- und Kongresshalle, neues Kunstmuseum und Stadion mit Turn- und Ruderhalle - ein ganz futuristischer Entwurf. Leider ist dieses Projekt nie realisiert worden", berichtet Bauer-Friedrich.

Eines ist sicher: wenn das Projekt realisiert worden wäre, dann gehörte es ohne Zweifel zum Weltkulturerbe. So tröstet man sich in Halle mit einer weiteren Schau, in der die Bauhaus-Kollegen von Gropius präsentiert werden. Und das sind die berühmten Bauhaus-Maler wie Kandinsky, Feininger, Klee oder Schlemmer. Auch diese hochkarätige Schau macht noch einmal schmerzlich bewusst, welche grandiose Kultur unwiederbringlich zerstört wurde – nicht zuletzt durch die barbarische Aktion zur sogenannten "Entarteten Kunst".

Mehr zur Ausstellung

Paul Klee: Besessenes Mädchen, 1924 4 min
Bildrechte: Robert Bayer
Thomas Bauer-Friedrich 8 min
Bildrechte: imago/Felix Abraham

Der Direktor der Moritzburg Thomas Bauer-Friedrich spricht über die Schau "Bauhaus Meister Moderne", die mit internationalen Leihgaben eine Rekonstruktion der von den Nazis geraubten Sammlung aus Halle versucht.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 28.09.2019 08:45Uhr 07:40 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. September 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2019, 04:00 Uhr

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