Szenenbild aus "Die neue Zeit"
In der ARTE-Serie "Die neue Zeit" spielt Anna Maria Mühe die Bauhaus-Schülerin Dörte Helm. Bildrechte: ZDF/Zero One Film/Constanin Television/Nadcon/Anke Neugebauer

100 Jahre Bauhaus Bauhaus-Serie "Die neue Zeit": Anna Maria Mühe im Interview

Passt das Bauhaus in eine Fernsehserie? Der Sechsteiler "Die neue Zeit" (ARTE, ZDF) von Lars Kraume entwirft ein Panorama aus Geschichte, Kunst, Liebe und zeichnet die ersten Weimarer Jahre des Bauhauses nach. Ins Zentrum rückt Regisseur Kruse, der auch am Drehbuch mitgearbeitet hat, die Emanzipationsgeschichte am Bauhaus. Die Bauhaus-Schülerin Dörte Helm (Anna Maria Mühe) und der Direktor Walter Gropius (August Diehl) sind die Hauptfiguren der ersten Staffel. MDR KULTUR-Redakteurin Claudia Bleibaum hat Anna Maria Mühe zum Interview getroffen.

Szenenbild aus "Die neue Zeit"
In der ARTE-Serie "Die neue Zeit" spielt Anna Maria Mühe die Bauhaus-Schülerin Dörte Helm. Bildrechte: ZDF/Zero One Film/Constanin Television/Nadcon/Anke Neugebauer

MDR KULTUR: Wie würden Sie Ihre Figur Dörte Helm beschreiben?

Anna Maria Mühe: Also das Spannende an Dörte war für mich, dass sie aus einer erzkonservativen Familie kommt und an dieses Bauhaus gerät und merkt, so wie sie bis jetzt gelebt hat, wird sie da nicht Bestand haben. Sie musste sich hinterfragen und neu definieren und dann auch zu merken, wofür man einsteht. Nämlich für das Recht auf Gleichberechtigung und dass man für seine Liebe kämpft. Und dass sie da so für sich eingestanden hat, das hat mir sehr imponiert.

Auf ihrem Weg dorthin hat sie sehr viele Zweifel, genährt durch Lehrer des Bauhauses, besonders Johannes Itten, der sie immer wieder herausfordert. Sind Selbstzweifel typisch weiblich?

August Diehl als Walter Gropius und Anna Maria Mühe als Dörte Helm in einer Szene der Bauhaus-Serie "Die Neue Zeit"
Walter Gropius (August Diehl) und Dörte Helm (Anna Maria Mühe). Bildrechte: Anke Neugebauer/ZDF/dpa

Also ich kenne schon viele Männer, die auch mit Selbstzweifeln unterwegs sind. Auch ein August Diehl ist jemand, der sich immer wieder hinterfragt und seine Arbeit und wie er bestimmte Sachen angeht. Das ist ja auch das Spannende an einem Menschen, egal ob Mann oder Frau, dass man sich immer wieder fragt, ob es vielleicht einen anderen Weg gibt.

Ja, das ist schon interessant, dass die Dörte Helm sehr gegen die Frauenklasse kämpft, die dafür steht, dass Frauen nur weben dürfen, keine Häuser entwerfen dürfen – obwohl sie am Bauhaus studieren. Später darf sie dann in die Klasse von Oscar Schlemmer. Und heute ist es so, dass die Frauen dafür kämpfen, dass sie für die gleiche Arbeit, wie der Mann sie tut, auch gleich bezahlt werden. Also die Kämpfe sind ähnliche, leider. Aber gerade deswegen finde ich es gut, dass wir diese Serie gemacht haben, weil sie noch mal vor Augen führt, dass wir noch lange nicht da sind, wo wir eigentlich sein könnten, müssten.

Die Serie heißt "Die Neue Zeit" – was hat Sie daran fasziniert?

Also ich meine, das war eine unfassbar progressive Zeit. Unser erster Drehtag war tatsächlich im Haus am Horn, als Dörte Helm Walter Gropius das Haus zeigt, wie sie ihn da durchführt. Und dann ist das so absurd, weil ich mich in der Vorbereitung mit vielen anderen Elementen beschäftigt habe, weil Dörte aus einem sehr konservativen Haus kommt. Und dann siehst Du diesen Plattenbau und das muss ja ein Wahnsinn gewesen sein. Heute ist das normal, aber damals muss das für die erzkonservativen Bürger und Politiker ein unfassbares Mysterium gewesen sein, dass das jetzt das sein soll, was schick ist. Es war wirklich fortgeschritten und sehr mutig, gemeinsam was Neues entwickeln wollen.

Was mögen Sie oder mögen Sie nicht an den Dingen, die das Bauhaus hervorgebracht hat?

Ich mochte schon immer die Marcel Breuer-Stühle, es gibt ein tolles Teeservice. Ich habe mich schon vorher dafür interessiert, war aber nicht so belesen, wie jetzt. Jetzt habe ich ein ganzes Bücherregal. Wir hatten das Glück, dass zum Jubiläum so viele Bücher erschienen sind. Der Einkaufskorb war sehr schnell voll, wenn man das Stichwort im Internet eingegeben hat.

Sie spielen ja eine historische Figur – Dörte Helm, die es wirklich gab. Macht das einen Unterschied zu einer komplett fiktiven Figur?

Szenenbild aus "Die neue Zeit"
Sven Schelker (Mitte) spielt Johannes Itten. Bildrechte: ZDF/Zero One Film/Constanin Television/Nadcon/Anke Neugebauer

Auf jeden Fall. Ich hatte das Glück, dass ich mich mit der Tochter von Dörte Helm treffen durfte, Frau Heise. Sie war zwar erst drei Jahre alt, als ihre Mutter gestorben ist, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, dass ich da einen Menschen vor mit hatte, der ganz viel mit Dörte Helm zu tun hat. Und das war für mich ein Geschenk. Man hat einfach eine andere Verantwortung, wenn man eine Figur spielt, die wirklich gelebt hat. Und natürlich freut es mich, dass die Tochter von Dörte Helm, die Serie gesehen hat und absolut begeistert war.

Dörte Helm entwickelt sich von einer unsicheren jungen Frau zu einer starken Persönlichkeit. Wie machen Sie das so glaubwürdig, was brauchen Sie unabhängig von der Recherche noch als Schauspielerin dazu?

Also ich hatte das Glück, dass ich Drehbücher auf dem Tisch hatte, die alle so perfekt waren, dass ich nichts ändern musste und dass ich einen Regisseur an meiner Seite hatte, Lars Kraume, der mich da durchgeführt hat. Und so eine Entwicklung einer Figur ist natürlich ein Geschenk für eine Schauspielerin, weil man so viel zeigen darf und so viel Zeit hat, Sachen auszuprobieren und auch manchmal ein paar Umwege zu gehen, um ans Ziel zu kommen.

Das hat sicherlich auch etwas mit dem seriellen Erzählen zu tun. Früher hätte man einen 90-minütigen TV Film fürs Fernsehen gedreht, vielleicht auch einen Zweiteiler. Jetzt gibt es mit sechs Mal 45 Minuten viel mehr Zeit. Was bringt Ihnen dieses neue Serienzeitalter noch als Schauspielerin?

Es ist nicht so, dass ich unbedingt mehr Drehbücher bekomme, aber man hat mehr Zeit, eine Geschichte, eine Figur zu entwickeln. Andererseits habe ich das Glück, schon seit vielen Jahren, dass ich ganz viele unterschiedliche Figuren spielen darf. Also ob es die Zschäpe ("NSU - Die Täter", ARD) war oder die Bine in "Dogs of Berlin" (Netflix) und jetzt die Dörte Helm. Die sind alle drei so unterschiedlich, das ist ein Geschenk.

Szenenbild aus "Die neue Zeit"
Anna Maria Mühe, Sven Schelker und August Diehl (von links). Bildrechte: ZDF/Zero One Film/Constanin Television/Nadcon/Anke Neugebauer

TV Termine Ausstrahlung der ersten drei Episoden am Donnerstag, 5. September 2019 ab 20:15 auf ARTE.

100 Jahre Bauhaus

Zuletzt aktualisiert: 04. September 2019, 04:00 Uhr

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