Jena (Thüringen): Panorama-Aufnahme der Baustelle des neuen Klinikums der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität
Wie wird man über diese Architektur in hundert Jahren urteilen? Bildrechte: dpa

Tag der Architektur Architekturexperte: In der Baukultur verfallen die Sitten

Gerade in großen Städten müssen viele neue Wohnhäuser gebaut werden, um die steigenden Zuzugszahlen und dadurch explodierenden Mieten in Zaum zu halten. Doch ist Ästhetik dabei ein vernachlässigbares Luxusproblem? Architekturkritiker Arnold Bartetzky vom Leipziger Leibniz-Institut ist im Gespräch zu sterilen Neubauten im Hauruck-Verfahren und die mangelnde Nachhaltigkeit solcher Siedlungen.

Jena (Thüringen): Panorama-Aufnahme der Baustelle des neuen Klinikums der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität
Wie wird man über diese Architektur in hundert Jahren urteilen? Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Wie steht es um die aktuelle Baukultur?

Arnold Bartetzky: Da gibt es einen ambivalenten Befund. Einerseits steht es gar nicht so schlecht um die Baukultur, was die herausragenden, die privilegierten Bauaufgaben angeht. Ich denke, unsere Architektur ist nicht schlechter als in früheren Epochen. Da bin ich gar nicht kulturpessimistisch, wenn ich mir Museen anschaue, öffentliche Bauten, öffentliche Institutionen, Bibliotheken, Universitäten oder auch Kirchen, die in den letzten Jahren bis Jahrzehnten entstanden sind.

das Friede-Springer-Haus ist Neubau der Stadtbibliothek Gotha
Aufgelockerte Fassadengestaltung an der neu gebauten Stadtbibliothek Gotha Bildrechte: MDR/Ruth Breer

Ein großes Problem sehe ich aber andererseits in der Alltagsarchitektur, bei den ganz normalen Bauaufgaben, bei den Bürohäusern, bei den Wohnhäusern, die gerade in letzter Zeit, im Zeichen der starken Baukonjunktur jetzt überall im Sendegebiet in den Lücken oder auf Eckgrundstücken entstehen. Ich finde, da haben wir es mit Standards zu tun, die sehr weit unten sind und beschämend für ein so wohlhabendes Land wie Deutschland.

Wenn Sie da mal ein paar Beispiele geben könnten? Was sind denn die niedrigen Standards, die sie jetzt angesprochen haben?

Das sind die weißen Kisten mit Flachdächern, völlig ungestalteten, ungegliederten Fassaden, ganz flach, nicht lebendig, die nicht zum Schauen einladen und schon gar nicht zum Anfassen, mit Fenstern, die wie ausgestanzt wirken – und gerne in aller Regel noch zugedeckt mit Styroporpaketen.

Wie kann so was passieren? Gibt es keine Auflagen, dass sich die Häuser in der umgebenden Architektur einzufügen haben?

Ein weißes, zweistöckiges Gebäude.
Gebäude wie dieses sind optisch kein Gewinn für eine Stadt Bildrechte: MDR/Barbara Brähler

Auflagen gibt es in vielen städtebaulich besonderen sensiblen Gebieten. Das sind meistens die Altstädte, es sind manchmal auch gewachsene Wohnviertel. Aber die Auflagen können nicht alle Probleme lösen. Auch ein belangloser, weiß verputzter, mit Styropor verkleideter Bau kann den Auflagen durchaus entsprechen.

Das Problem ist eher die Detailgestaltung. Und da, denke ich, haben wir es wirklich mit einem - ja, ich will es so nennen - Sittenverfall zu tun. Der ist besonders deutlich an den Erdgeschossen.

Gerade die Erdgeschosse, die so wichtig sind für das Erscheinungsbild, für die Wahrnehmung von Straßenzügen, sind das besondere Dramen. Da haben wir es oft zu tun mit völlig ungegliederten, nackten Mauern, die nur unterbrochen sind von einer Tiefgarageneinfahrt oder von blickdichten Türen, manchmal auch kleinen Fenstern zu irgendwelchen Abstellräumen oder zu Gästetoiletten.

Das, was Fassade eigentlich im Wortsinn macht, nämlich Gesicht eines Hauses zu sein, das wird hier ins Gegenteil umgekehrt. Es werden eigentlich eher dem Betrachter, dem Passanten die Eingeweide gezeigt oder zumindest die kalte Schulter.

Architektonische Handschriften unterschiedlicher Epochen begegnen sich in der Leipziger Katharinenstraߟe und in der Nähe dieser Straߟe in der Innenstadt. Die alten Handels- und Bürgerhäuser werden von den Neubauten der Sächsischen Landesbank und der Sparkasse Leipzig überragt;  rechts ein Plattenbau aus DDR-Zeiten, weiter hinten der Turm der Michaeliskirche.
Architektonische Handschriften unterschiedlicher Epochen in der Leipziger Katharinenstraße Bildrechte: dpa

Nun könnte man ja sagen, das sind Luxusprobleme, angesichts dessen, dass wir unter Wohnungsknappheit leiden und das Bauen an jeder Stelle gefordert wird und vor allen Dingen das schnelle Bauen. Kann man da auf die Schönheit der Architektur Rücksicht nehmen?

Nein, das sind ganz bestimmt keine Luxusprobleme. Weil man gerade in unseren Städten im Sendegebiet beobachten kann, wie ein paar solcher Bauten nebeneinander wirklich einen Straßenzug ruinieren können. Das ist dann ein öffentlicher Raum, den man nicht mehr freiwillig aufsucht, an dem man nicht gerne lang geht. Das würde ich nicht als Luxusproblem bezeichnen.

Die Fassade eines Wohnhauses (Neubau)
Die Plattenbauten der DDR sollten auch der Wohnungsnot entgegensteuern - mit ästhetisch häufig fragwürdigen Ergebnissen Bildrechte: dpa

Aber es gibt ja noch ein schwerwiegenderes Problem, das ist das der Nachhaltigkeit. Wenn wir heute ganz eilig bauen, weil der starke Bedarf da ist, müssen wir auch bedenken, wir sollten so bauen, dass die Häuser, die dabei entstehen nicht wieder abgerissen werden. Dass die nachfolgende Generation sich nicht ihrer schämt.

Und das ist das, was wir heute beobachten können. Dass Bauten, die gerade erst 30-40 Jahre alt sind, aus den 60er- bis 80er-Jahren massenhaft abgerissen werden, weil sie nicht mehr gefallen, weil sie unseren heutigen ästhetischen Vorstellungen nicht mehr entsprechen. Und da finde ich, ist es ein Gebot der Nachhaltigkeit, zu versuchen, dafür zu sorgen – bei allem Druck, unter dem heute gebaut wird – dass die heute entstehenden Bauten auch noch in 50, 80 oder 100 Jahren bestehen können.

Das Interview führte André Sittner für MDR KULTUR

Kurzvita: Arnold Bartetzky

Geboren wurde Arnold Bartetzky 1965 in Zabrze (Polen). Er studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Geschichte und Architektur in Freiburg, Tübingen, Krakau und Berlin. Er promovierte sich 1998 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Kunstgeschichte über die Danziger Architektur um 1600. Bartetzky ist Abteilungsleiter Kultur und Imagination am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig.

Bartetzky wirkte für die Expertengruppe Städtebaulicher Denkmalschutz beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung mit und ist Herausgeber der Reihe "Visuelle Geschichtskultur" im Böhlau-Verlag. Weiterhin erschien von ihm im Lehmstedt-Verlag "Die gerettete Stadt: Architektur und Stadtentwicklung in Leipzig seit 1989".

Tag der Architektur Der Tag der Architektur findet üblicherweise jährlich Ende Juni statt, 2019 am 29. und 30. Juni.

Gebäude und Projekte der zeitgenössischen Architektur sollen am Tag der Architektur in den öffentlichen Fokus gerückt werden. Sonst schwer zugängliche Gebäude können besichtigt werden, außerdem gibt es Filme, öffentliche Gespräche und andere Zusatzveranstaltungen. Das offizielle Motto lautet 2019 "Räume prägen".

Der Tag der Architektur wird seit 1993 bundesweit durchgeführt. Organisiert wird er durch die Architektenkammern der jeweiligen Länder und die Bundesarchitektenkammer.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juni 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2019, 04:00 Uhr

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