Rückblick Theater der Begegnung: Das Bautzener Theaterfestival "Willkommen anderswo"

Bereits zu dritten Mal hat das Deutsch-Sorbische Volktheater Bautzen vom 17.-20. September das Theaterfestival "Willkommen anderswo" veranstalltet. Das Festival will sich für die transkulturelle Gesellschaft einsetzen und dem wachsenden Rassismus der Region etwas entgegensetzen. Unter dem Motto "Wider alle Grenzen" wurden Inszenierungen aus Deutschland eingeladen, die sich mit Integration befassen. Das Bautzener Theater beschäftigte sich unter anderem mit DDR-Fluchterfahrungen.

Theaterfestival "Willkommen anderswo"
Das Festival "Willkommen anderswo" wird immer auf dem Bautzener Kornmarkt eröffnet Bildrechte: Lucia Bartl

Coronabedingt gab es ein paar Veränderungen: Zum Beispiel konnte das Jugendtheater der Münchner Kammerspiele, die Kammerklicke, das Theaterstück "#Tempest" nicht so proben und aufführen, wie es eigentlich gedacht war. Stattdessen haben die jungen Amateurschauspieler einen Film nach Shakespeares Stück "Der Sturm" gedreht. Thema war dort: die Verbannung auf eine Insel und damit eine Ausgrenzung. Es geht um Rache und Versöhnung – also um ein neues Miteinander. Diese Handlung bleibt im Film erhalten, wird aktuell überschrieben, passend zur Festivalidee "Wider alle Grenzen". Mehr noch: Der Film spielt ästhetisch produktiv mit der Coronasituation. Der Zuschauer sieht, wie die Gruppe in Zoom-Videokonferenzen über die Proben und die Fragen des Stücks diskutieren. Dazu werden Stückszenen in schwarzweiß gezeigt. Corona hat hier wirklich Kreativität freigesetzt. Spannend!

Theaterfestival "Willkommen anderswo"
Bildrechte: MEYER ORIGINALS

Auch das Deutsche Theater aus Berlin war da mit dem Stück "Metamorphos*in", das die Influenzer-Ästhetik benutzte, um die Grenzen des eigenen Ichs zu befragen und unter anderem Selbstverliebtheit und Konsumverhalten zu erkunden. Auch hier als digitales, interaktives Format. Das Theater an der Ruhr aus Mühlheim kam mit einem Stück, das zugewanderte, inzwischen heimisch gewordene Menschen und ihren Blick auf Deutschland und die Deutschen vorstellt. Der Titel: "Fremd 4.0". Zwei bemerkenswerte Gastspiele.  

Mehr als Flüchtlingskrise

Das Bautzner Theater selbst zeigte zwei Stücke. Es ging zunächst um DDR-Fluchterfahrungen und dann bei der Bautzener Bürgerbühne um Identität- und Heimatfragen. Gerade in der Grenzregion mit sorbischer, tschechischer, polnischer und deutscher Kultur war ein Austausch immer gegeben, was Identitäten immer wieder – bis heute – in Frage stellt. Das sich das Festival "Willkommen anderswo" auch diesem Dialog öffnet, und nicht bei der Flüchtlingsthematik von 2015 stehenbleibt, ist gut zu sehen und zeigt, das hier noch Bedarf ist, sich neue Felder zu eröffnen.

Theaterfestival "Willkommen anderswo"
Szene aus "PRĚKI-DURICH-LOBORKA
ABGEHAUEN – RÜBER – GEFLOHEN" am Theater Bautzen
Bildrechte: Matthias_Bulang

Die Reaktion der Besucher war jedenfalls sehr positiv. Das Theater hatte die Abonnenten bewusst zu den Gastspielen eingeladen. Ein guter Schachzug, die unterschiedlichen Leute auch im Publikum zusammenzubringen – jung und alt in einem Festival, das gleichzeitig die Saisoneröffnung in Bautzen war. Ein produktives Miteinander entstand sowohl in Nachgesprächen zu den Stücken, als auch im Alltag.

Partner zu Gast

Angereist war auch das Junge Theater Heidelberg aus der Partnerstadt Bautzens, das Ensemble thematisierte in ihrem Stück genau diese Partnerschaft. In der Euphorie der Nachwendejahre gegründet, sei die Städtepartnerschaft heute ziemlich eingeschlafen, so das Stück. Die jungen Theatermacher plädieren für einen Neuanfang. Gerade auch für die eigene Generation, die die Wende nicht selbst erlebt hat. Aber wie? Mit Recherchetheater! Die jungen Theaterleute hatten, bevor sie auf die Bühne gingen, ein grünes Sofa durch die Stadt getragen und die Bautzner nach Klischees über Ost und West befragt. Das wurde dann in eine Szene im Stück eingebaut, die äußerst erfrischend war. Gerade im Kontext des Jubiläums 30 Jahre Deutsche Einheit fördert der Blick einer neuen Generation auf die Klischees neue Ideen zu Tage. Der Wunsch nach einem neuen Umgang miteinander ist jedenfalls da. Das war bei diesem Gastspiel deutlich herauszuhören.

Theaterfestival "Willkommen anderswo"
Post aus der Produktion "Schau.Platz.Angst" Bildrechte: Lucia Bartl

Unterm Strich zeigt das Festival, dass Bautzen als Stadt eine weltzugewandte Seite hat, in der Problemlagen wie Überalterung, angstbedingter Rassismus und Populismus thematisiert und Lösungsmöglichkeiten im Theaterspiel verhandelt werden. Das ist ein Glücksfall für die Region. Als im August 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen, waren die Theater schnell ein Ort der Begegnung. Ganz vorn dabei war die Bürgerbühne in Dresden, aber auch das Theater Plauen-Zwickau, wo Theaterpädagogen in Schulen gingen, um mit Schülern von hier und aus Syrien gemeinsame Projekte durchzuführen. 2016 war das Sächsische Theatertreffen in Bautzen eine erste Möglichkeit zum Austausch über die neue Aufgabe der Theater als Ort der Begegnung.

Theaterfestival "Willkommen anderswo"
Blick auf die Festivaleröffnung Bildrechte: Lucia Bartl

Das Theater Bautzen hat dann aus dieser Not eine Tugend gemacht. Inzwischen bündelt es sachsenweit – teils sogar deutschlandweit – diese Theaterarbeit. Mit dem Thespis-Zentrum gibt es ein eigenes Haus für diese Arbeit, das einen Knotenpunkt im Theaternetzwerk darstellt. Es gibt aber auch regionale Kontakte nach Görlitz und Zittau, wo sich der praktische Theaterbezug erst auf den zweiten Blick darstellt. Man arbeitet dort mit Studierenden zusammen, die sich z. B. in Gleichstellungs- oder Demokratieprojekten engagieren und dort Forschungsaufgaben übernehmen. Man kann das alles für eine Mode halten und als Theaterirrweg abtun. Man kann es auch als neue Aufgabe verstehen, in der sich die Theater um den Zusammenhalt der Gesellschaft vor Ort bemühen, indem sie Trennendes zur Sprache bringen, um Verständnis und Toleranz zu erwirken. Wie gut solche Arbeit tut, hat die Politik in Bautzen begriffen. Zur Eröffnung sprach Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens davon, Mut für ein Anderssein und mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Deshalb freue er sich über das Festival: "Es ist ein Mosaikstein, und nicht der kleinste!"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. September 2020 | 13:10 Uhr