Buchempfehlung "Akkord der Welt" – eine Biografie gegen das Beethoven-Klischee

Joseph Haydn schrieb über hundert Sinfonien, Beethoven nur neun. Aber die hatten es in sich: Es sind die meistgespielten Sinfonien der Welt. Der Mensch hinter dieser bewunderten Musik hat gelitten. Er verliebte sich immer wieder und blieb allein. Mit 28 Jahren begann sein Hörverlust, bis zur vollständigen Taubheit. Nun erscheint eine große Beethoven-Biografie, passend zum Beethoven-Jahr 2020. Geschrieben hat sie der Musikwissenschaftler Matthias Henke.

von Reinhold Jaretzky, artour-Autor

Beethoven-Büste mit modernen Kopfhörern und einen rotem Schal.
Büste von Ludwig van Beethoven Bildrechte: imago/JOKER

Die berühmten ersten Takte der fünften Sinfonie, das ist Beethoven pur. Jeder kennt die Melodie, jeder kann sie klopfen, summen oder singen. "Das ist der erste Jingle der Musikgeschichte", sagt Beethoven-Biograf Matthias Henke. "Das erste Audio-Logo, wenn man so will. Das nistet sich sofort in jedes Gehör ein und bleibt da wie ein Ohrwurm, den man nicht entfernen kann."

Musikwissenschaftler und Autor Matthias Henke
Matthias Henke Bildrechte: Tanja Wagner, St. Pölten

Beethoven ist der meistgespielte Komponist der Welt. Er schrieb Musik für die Ewigkeit. Dabei war er ein schwieriger Zeitgenosse: Ein wilder Ungestümer, dünnhäutig, und hochsensibel. "Ich vermute, dass er alles sehr viel feiner wahrgenommen hat als robustere Zeitgenossen", so Henke. "Zum Beispiel Vibrationen, Geräusche und Gerüche. Das konnte ihn euphorisch werden lassen, aber auch eine Belastung sein, je nach Situation."

Ein leises Buch gegen ein heroisierendes Beethoven-Klischee

Der Komponist Ludwig van Beethoven in einer zeitgenössischen Darstellung.
Der Komponist Ludwig van Beethoven in einer zeitgenössischen Darstellung. Bildrechte: dpa

Der Musikwissenschaftler Matthias Henke hat sich jahrelang durch die Beethoven-Quellen gearbeitet. Seine 400-Seiten Biografie widerspricht vielen gängigen Etikettierungen und Pauschalisierungen Beethovens. Es ist ein leises Buch gegen ein dröhnend-heroisierendes Beethoven-Klischee. "Ich wollte ihn von seinem Titanismus befreien, weil viele Kommentatoren im 19. Jahrhundert ihn als eine Art Halbgott dargestellt haben – eine Tradition, die sich fortschreibt", erklärt Henke. Außerdem habe der Autor Beethoven in seine Zeit einbetten wollen: "Das war eine wahnsinnige Umbruchszeit, in der eigentlich permanent Krieg war."

Man nennt Beethoven den "Revolutionär". Aber war er das wirklich? Der politische Beethoven war ein Anhänger der französischen Revolution, er wollte die Gleichheit der Menschen, wünschte den Adel zum Teufel. Aber er verkehrte zugleich unter diesen Adeligen, sie waren seine Auftraggeber und Freunde, manchmal wünschte er gar, einer von ihnen zu sein. "Ich würde sagen, er brach immer wieder Konventionen im gesellschaftlichen Umgang. Insofern könnte man ihn Rebell nennen", so Henke. "Andererseits spielt er auf der gesellschaftlichen Klaviatur auch ganz gut. Es ist ja so weit gekommen, dass er im Jahre 1809 eine Rente erhalten hat von Wiener Adeligen, Musikfreunden."

Beethoven und die DDR

Die DDR sah in dem Komponisten einen der ihren – einen Klassenkämpfer. In der DEFA-Verfilmung "Beethoven. Tage aus einem Leben" überbieten sich zwei Grafen in Beethoven-Schwärmereien. Unter anderem heißt es da: "Beethoven vermittelt uns deutlich die Einheit alles Humanen. In solcher Musik ist das ewige Heil beschlossen. Auf ihren Flügeln erheben wir uns zum Höchsten und Edelsten." Dazu meint Henke: "Da merkt man, dass man Beethoven als ein Leitbild verstehen und definieren will, als ein Vorbild und Vorkämpfer der sozialistischen Gesellschaft."

Beethoven durchwandert die Hauptstadt des realen Sozialismus: Der Film von Horst Seemann klebt nicht mehr an dem lange gepflegten Geniekult, er richtet den Fokus auch auf die Individualität des Künstlers. Henkes Biografie widmet diesem Film eine begeisterte Analyse.

Buchcover zur Beethoven-Biografie „Akkord der Welt“ von Matthias Henke
"Akkord der Welt" - Biografie über Ludwig van Beethoven Bildrechte: Hanser Literaturverlage

Dem Beethoven-Experten Kurt Masur ging es um das weltumspannende Anliegen von Beethovens Ode, um dieses "Alle Menschen werden Brüder". Masur sagte: "Das ist kein deutsches Marschlied aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern eine Hymne, Männer!" Es ist Kunst mit politisch-philosophischem Unterbau. "Pathetisch gesprochen könnte man sagen, dass es Beethoven um die sittliche Erhebung des Menschen ging", so Biograf Henke. "Der Mensch sollte besser werden. Einerseits sollte er mündig werden, andererseits sollte er bestimmte Tugenden erlernen."

Henke zeigt Beethovens Gegensätze

Henke zeigt die bizarren Gegensätze zwischen dem gefeierten Künstler und seiner kläglichen Existenz. Der Junggeselle lebt in wechselnden Wohnungen, mit Essenresten auf dem Klavier und dem ungeleerten Nachttopf unterm Bett.

Mit zunehmender Taubheit meidet er die Gesellschaft, vereinsamt. Sein künstlerischer Erfolg geht einher mit der Verwahrlosung seiner Erscheinung. "Er ist eines Tages sogar mal als Landstreicher verdächtigt worden, weil er so verlottert aussah", sagt Henke.

Igor Levit, Lang Lang, Jan Lisiecki: Sie sind die heutigen Stars, die das Beethoven'sche Werk neu interpretieren. Ein Werk, das bis in die populäre Rock-Rezeption des Duos 2Cellos reicht. Henkes Biografie verfolgt die Spur Beethovens im Film, in der Werbung und auch in den Videogames. Er zeigt uns einen Beethoven, der immer wieder mit neuen Wendungen überrascht, der niemals auserzählt ist.

Infos zum Autor Matthias Henke, Jahrgang 1953, übernahm nach akademischen Lehr- und Wanderjahren 2008 an der Universität Siegen eine Professur für Historische Musikwissenschaft, die er bis 2019 innehatte. Seither arbeitet er im Rahmen eines Projekts, das sich mit dem Komponisten Friedrich Cerha beschäftigt, als Forschungsprofessor an der Donau-Universität Krems. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem: Arnold Schönberg (dtv, 2001), Joseph Haydn (dtv, 2009), Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze von Joseph Haydn (Katholisches Bibelwerk, 2017). Außerdem als Herausgeber: Arnold Schönberg: Die Prinzessin (Hanser Kinderbuch, 2006).

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 16. Januar 2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2020, 04:00 Uhr

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