Buchtipp Eine neue Sprache gegen Trump: Ben Lerner und sein Roman "Die Topeka Schule"

Der Roman "Die Topeka Schule" von Ben Lerner handelt vom jungen Adam, der inmitten der USA in Kansas lebt. Bei einem nationalen Debattierwettbewerb entdeckt er, wie er anstatt zu argumentieren andere an die Wand reden kann. Es ist ein Buch über toxische Männlichkeit, den Typus Donald Trump – und darüber, warum die Zeit der alten US-Gesellschaft vorbei ist. Egal, ob der Republikaner Trump oder sein Herausforderer Joe Biden von den Demokraten die Wahl zum US-Präsidenten gewinnt.

Der Hauptheld in dem kraftvollen Roman "Die Topeka Schule" von Ben Lerner ist Adam. Jemand, der in den 90er-Jahren seine Teenie-Zeit in einer mittelgroßen Stadt in Kansas verbringt und der Macker-Kultur seines männlichen Umfeldes eigentlich nur die Sprache entgegensetzen kann.

Toxische Männlichkeit und der Typus Donald Trump

Adam hat dabei einiges mit dem Autor Ben Lerner zu tun, der inzwischen in New York lebt und sein Buch als eine Familien-Saga beschreibt. Die erzählt vom Aufwachsen eines jungen Mannes, dessen Eltern einen "guten Sohn" haben wollen, wie Lerner sagt. Es sind Eltern, die bewaffnet sind mit ihrer Psychotherapeuten-Kompetenz, die dem Sohn aber wenig hilft, weil der mit toxischer Männlichkeit konfrontiert wird, die ihn überfordert. Ein Umfeld, das, wie Ben Lerner es formuliert, schon damals deutlich werden lässt, woher der Typus Donald Trump kommt und wie die Identitätskrise weißer amerikanischer Männer zu erklären ist.

Andere an die Wand reden

Doch besagter Adam versucht sich auf seine Weise zu behaupten – mit überbordender Eloquenz. Er bringt es bis zu einem nationalen Debattierwettbewerb. Dabei lernt er schnell, dass es nicht darauf ankommt, die anderen mit relevanten Argumenten zu überzeugen, sondern viel mehr sie zu überwältigen – und am besten gar nicht erst zu Wort kommen lassen. Einfach an die Wand reden, schon allein durch Schnelligkeit.

Einem Anthropologen oder einem Gespenst, das die Flure der Russell High School durchstreifte, käme das schulübergreifende Debattieren weniger wie ein Redewettstreit als wie ein rituelles Zungenreden vor.

aus "Die Topeka Schule" von Ben Lerner

Mittendrin in "Flyover Country"

Der Roman spielt in Topeka, einer mittelgroßen Stadt in Kansas, im Mittleren Westen der USA, also mittendrin – und damit weit entfernt von den beiden Küsten. "Middle America" wie es zuweilen genannt wird, oder etwas böser: "Flyover Country". Dort also, wo Küstenbewohner aus gehobeneren Schichten höchstens drüber fliegen.

Die Mutter: Autorin eines feministischen Buches

Der leicht kränkelnde junge Adam spürt, wie die Sprache ihn abgrenzt, wie sie eine hocheffektive Rhetorik ihm Macht verleiht. Wir befinden uns im Jahr 1996, als man noch keine Nachrichten ins Smartphone hackte oder seine Meinung in sozialen Netzwerken schrieb, sondern tatsächlich direkt miteinander sprechen musste, um sich zu behaupten. Das erfährt auch Adams Mutter leidvoll, als sie zu Hause von wütenden Männern Drohanrufe bekommt. Sie ist prominente Autorin eines feministischen Buches und legt nie auf, wenn sie von toxischen Männern beschimpft wird, sondern bittet sie einfach etwas lauter zu sprechen, etwas artikulierter. Sie könne sie nicht verstehen. Und die meisten fallen drauf rein, sie werden lauter und verschlucken sich am eigenen, ungenügend artikulierten Frauenhass.

Die Schulkameraden werden Trump-Anhänger

Adam beschließt, alles zu tun, um toxische Männlichkeit bei sich gar nicht erst aufkommen zu lassen. Seine Artikuliertheit soll ihm dabei helfen. Sie hilft ihm aber vor allem dabei, den sozialen Status zu halten und auszubauen. Richtige Rhetorik und pointierte Konversation ist bis heute ein wichtiges Distinktionsmerkmal der oberen amerikanischen Mittelklasse. Daran hält er sich. Und grenzt sich ab von Schulkameraden, die er Jahre später bei einem Heimatbesuch aus New York kommend, wieder trifft. Männer, die nie die richtige Sprache gefunden haben und auch nicht die psychotherapeutischen Mittel von Adams Eltern, Konflikte zu lösen. Männer, die damals in ihrer Jugend ausgegrenzt wurden und jetzt MAGA-Caps tragen. Make America Great Again. Es sind Trump-Anhänger, die Adam beweisen, dass die gemeinsame amerikanische Erzählung nicht mehr gilt.

Neue Sprache in der Politik wird gebraucht

"Die gute Nachricht ist", sagt Ben Lerner, "dass Trump bereits den Tiefpunkt der politischen Rhetorik repräsentiert. Das macht es noch eindeutiger, dass wir eine neue Sprache in der Politik und auch im menschlichen Miteinander brauchen."

Roman über zersplitterte Gesellschaft

Ben Lerner, der viel aus seiner eigenen Biografie schöpft, hat mit "Die Topeka Schule" (Original: "The Topeka School") einen Roman geschrieben, der sich nicht nur mit Leichtigkeit durch seine verwobenen Erzählebenen und Figuren-Perspektiven bewegt, sondern auch detailgenau von den immensen sozialen und kulturellen Spaltungen in den USA erzählt. Ein Buch darüber, wie zersplittert diese Gesellschaft inzwischen ist. Dabei war Zusammenhalt und Chancengleichheit immer eine Art amerikanische Kernidentität, wichtig für das Funktionieren der US-Gesellschaft. Ben Lerner schreibt darüber, warum diese Zeit vorbei ist. Und vermutlich auch nicht wieder kommt, egal wer die Wahlen gewinnt. 

Mehr zum Buch Ben Lerner: "Die Topeka Schule"
Suhrkamp Verlag
Gebunden, 395 Seiten
Preis: 24 Euro
ISBN: 978-3-518-42949-5

Literatur aus den und über die USA

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Oktober 2020 | 07:40 Uhr

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