Sachbuch Wem gehört Kafka? - Ein Nachlass-Streit mit kafkaesken Zügen

Franz Kafka ist wohl der einzige Schriftsteller, dessen Namen Pate für ein Adjektiv steht: kafkaesk. Es bezeichnet eine undurchschaubare, unheimlich oder bedrohliche Situation, denn genauso solche Situationen hat Kafka in seinem Werk immer wieder beschrieben. Doch auch der Streit um den Nachlass von Franz Kafka, trug kafkaeske Züge. Der israelische Journalist Benjamin Balint hat diesen Streit nun in einem spannenden Buch beschrieben. Es heißt "Kafkas letzter Prozess".

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Dass wir Franz Kafkas Erzählungen und Geschichten bis heute lesen können, und sein Konterfei so berühmt ist wie das von Karl Marx oder Che Guevara: Wir haben es einem Mann zu verdanken, der sich dem letzten Wunsch Franz Kafkas verweigerte. 22 Jahre lang ist der Prager Schriftsteller Max Brod mit Franz Kafka befreundet, verehrt und fördert ihn. Alle Briefe, Tagebücher und Manuskripte zu vernichten, wie Kafka es ihm vom Sterbebett schreibt, das bringt Max Brod deshalb einfach nicht übers Herz. Mehr noch, der Tod Kafkas im Jahr 1924 löst in Brod den Ehrgeiz aus, seinen Freund posthum zur Legende zu machen, was ihm tatsächlich gelingt. Auch wenn man sich seitdem fragen muss, wo hört Kafka auf und wo fängt Brod an? Der israelische Autor und Übersetzer Benjamin Balint beschreibt es in seinem spannenden Buch "Kafkas letzter Prozess" so:

Da Kafkas Ansehen auch auf Texten beruht, die er selbst weder zu Ende brachte noch für gut befand, ist der Kafka, den wir kennen, eine Schöpfung Brods, ja, seine höchste und beständigste Schöpfung. Indem Brod Kafkas Wunsch missachtete, rettete er dessen Erbe gleich zweimal: erst vor der physischen Zerstörung und dann vor dem Vergessen.

Aus "Kafkas letzter Prozess" von Benjamin Balint

"Kafka lesen wir brodisch."

Benjamin Balint: Kafkas letzter Prozess
Cover - Benjamin Balint: "Kafkas letzter Prozess" Bildrechte: Berenberg Verlag

Oder wie es die Schriftstellerin Zadie Smith einmal treffend formulierte: "Kafka lesen wir brodisch". Allerdings sorgt gerade diese Tatsache dafür, dass Kafkas Werk in die Mühlen der Justiz gerät. Als Max Brod 1939 vor den Nationalsozialisten nach Palästina flieht, hat er den Nachlass in einem alten Lederkoffer bei sich. Auch hier, wo er den Rest seines Lebens bleiben wird, arbeitet er weiter am Mythos Kafkas. Für den Fall seines eigenen Todes sorgt Max Brod vor: Schriftlich legt er fest, dass seine Freundin Ester Hoffe die Handschriften bekommen soll, mit dem Auftrag, sie schließlich einer Bibliothek zu übergeben. Nur welcher, diese Frage lässt Max Brod leider offen. Als auch Ester Hoffe 2007 stirbt, und der Nachlass noch immer im privaten Besitz ist, bricht deshalb ein juristischer Streit aus, der neun Jahre dauert. Stellvertretend für ihre Länder beanspruchen zwei Institutionen Kafkas Nachlass, das Deutsche Literaturarchiv in Marbach und die Nationalbibliothek von Israel in Jerusalem.

Das Marbacher Archiv und die Nationalbibliothek brachten ihre jeweilige nationale Vergangenheit im Gerichtssaal zur Sprache (wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise); beide wollten mit Kafka als Trophäe diese Vergangenheit würdigen, gerade so, als lasse sich der Schriftsteller in den Dienst des Nationalprestiges stellen.

Aus "Kafkas letzter Prozess" von Benjamin Balint

Die Kafka-Frage reißt tiefe Wunden ins deutsch-jüdische Verhältnis

Juristen sollten nun darüber entscheiden, ob Franz Kafka, ein deutscher Jude in Prag, ein deutscher oder ein jüdischer Schriftsteller gewesen war. Eine Frage, die die tiefen Wunden im deutsch-jüdischen Verhältnis wieder aufreißt. So weist Benjamin Balint darauf hin, dass Franz Kafka, wäre er nicht an Schwindsucht gestorben, möglicherweise Opfer des Holocaust geworden wäre, so wie viele seiner Verwandten.

Andererseits habe Franz Kafka aber eben auf Deutsch geschrieben und literarisch nie explizit Stellung zum Judentum genommen. Schnell wird deutlich, dass sich hinter der simplen Frage "Wem gehört Kafka?" ganze Weltanschauungen verbergen, die sich kaum in einem Satz zusammenfassen lassen und stattdessen wiederum Fragen aufwerfen, die weit über juristische Sphären hinausgehen.

Gehört Kafkas betörendes Werk zur deutschen Literatur, oder gehört es zu dem Staat, der sich als Stellvertreter der Juden in aller Welt betrachtet? Ist Kafka ein deutschsprachiger Schriftsteller, der zufällig Jude war? Oder entwickelte er als zutiefst jüdischer Schriftsteller das Deutsche zu einer neuen jüdischen Sprache weiter, die jüdischem Denken in einer Welt ohne Gott und ohne Offenbarung gerecht wird? Oder wirkt Kafkas Werk jenseits jedes nationalen Kanons, "mehr eigenen Gesetzen der Bewegung folgend", wie er selbst es einmal formulierte?

Aus "Kafkas letzter Prozess" von Benjamin Balint

2016 fällt der Oberste Gerichtshof Israel das Urteil

Dass Franz Kafka tatsächlich eigenen Gesetzen folgte, liegt nahe. Denn nur durch sie konnte sein Schreiben die Zeit überdauern, gehört seine Literatur bis heute zur Weltliteratur. 2016 fällt der Oberste Gerichtshof Israel schließlich das Urteil, dass Kafkas Nachlass in die Israelische Nationalbibliothek gehöre. Es ist das Ende eines unvergleichlichen, ja eines wahrhaft kafkaesken Prozesses, von dem Benjamin Balint kenntnisreich und ohne sich je auf eine Seite zu schlagen, erzählt.

Informationen zum Buch: Benjamin Balint: "Kafkas letzter Prozess"
Aus dem Englischen von Anne Emmert
Erschienen im Berenberg Verlag
336 Seiten, Halbleinen, 25 Euro
ISBN 978-3-946334-48-4

Literatur heute in Tschechien

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Mai 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2019, 04:00 Uhr