Romelia Lichtenstein (Berenice)
Romelia Lichtenstein als Berenice in der Inszenierung von Jochen Biganzoli Bildrechte: Anna Kolata

Opernkritik Händels "Berenice" textet Whatsapp und dreht Youtube-Videos

1737 komponierte Georg Friedrich Händel die "Berenice". Es war das Jahr, in dem er ganze drei Opern schuf - und einen Schlaganfall erlitt, wegen Überarbeitung hieß es. Mit der Inszenierung der "Berenice" an der Oper Halle eröffneten die Händelfestspiele 2018. Damit sind nun alle 42 überlieferten Werke des Komponisten bei den Händelfestspielen in Halle auf die Bühne gebracht worden. Kritiker Uwe Friedrich war für uns bei der Premiere dabei.

Romelia Lichtenstein (Berenice)
Romelia Lichtenstein als Berenice in der Inszenierung von Jochen Biganzoli Bildrechte: Anna Kolata

MDR KULTUR: Warum wird Händels Oper Berenice so selten gespielt?

Uwe Friedrich: Dafür gibt es sehr gute Gründe. Das Stück ist dramaturgisch extrem schwach, selbst für Barockverhältnisse passieren da ganz schlimme Zufälle, immer wieder neue Intrigen, die eigentlich kaum nachvollziehbar sind. Aber die Musik ist so hinreißend gut, abwechslungsreich, originell! Es gibt eine Arie der Berenice gegen Ende, wo sie fast schon wahnsinnig wird, wo die Affekte durcheinander gewürfelt werden, was im Barock sehr unüblich ist, da ist das ja immer sehr starr getrennt in diesen dreiteiligen Arien mit Wiederholung. Aber hier hört man zu und denkt: so schroffe Wechsel! Deshalb lohnt es sich doch, und hier in Halle hatte man auch den Ehrgeiz, alle 42 Opern komplett zu machen.

Was holt denn der Regisseur Jochen Biganzoli aus der Oper heraus?

Samuel Mariño (Alessandro)
Samuel Mariño (Alessandro) in der Oper "Berenice" Bildrechte: Anna Kolata

Er macht es konsequent zeitgenössisch. Schon während der Ouvertüre - auf einem Glitzervorhang des Bühnenbildners Wolf Gutjahr, der dann eine Drehbühne gebaut hat, wo die Räume immer kreiseln - werden auf diesem Glitzervorhang Google-Recherchen, Youtube-Filme, Whatsapp-Nachrichten projiziert. Die Sänger haben alle ihre Handys dabei, steigen nach kurzer Zeit aus den Barockkostümen der ersten Setzung aus, machen Selfies mit Duckface, beobachten sich selbst - es ist eine ungeheure Aktion an diesem Abend. Diese kaum nachvollziehbaren Intrigen können ja auch langweilen, und das passiert eben nicht, weil da immer was los ist. Es gibt viel zu sehen, und alle werden durch sämtliche Emotionen gejagt.

So viel Modernes auf der Bühne - das mögen Sie doch eigentlich nicht, Herr Friedrich?

Ki-Hyun Park (Aristobolo) und Damen der Statisterie
Ki-Hyun Park (Aristobolo) und Damen der Statisterie Bildrechte: Anna Kolata/Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle

Tatsächlich gehöre ich zu denen, die, wenn sie schon eine Videokamera auf der Bühne sehen, rufen möchten: Nimm das Ding weg! Konzentrier dich auf eine Personenregie! Hier ist es aber so, dass dieses Geflimmer eine andere Ebene dazu bringt. Die Figuren sind alle getrieben von kurzfristigen Emotionen, so ist es ja im Original, das sitzt also sehr genau auf dem Text, was Biganzoli da macht. Und es gibt eine neue Bedeutungsebene: Wenn ein neuer Liebhaber bei Berenice ist, und der kriegt dann eine Nachricht von seiner inzwischen Abgemeldeten und schreibt dann eine Whatsapp-Nachricht zurück: Kann grad nicht, Schatz, melde mich! Und sie schreibt: Wo bist du? Das ist so offensichtlich aus dem Leben gegriffen, sorgt auch für Komik. Jochen Biganzoli nimmt die Personen zwar ernst, macht das aber zur Komödie. Und wie in jeder guten Komödie, die auch zur Tragödie umkippen kann, bleibt dieser Abend immer so in der Schwebe, auf der Schneide. Wenn Berenice sich völlig verlassen fühlt, dann sitzt sie nachts vor dem Kühlschrank und isst eine Eisportion nach der anderen. Das hat was Groteskes, das hat aber auch was Anrührendes.

Händel hatte sich ja die berühmtesten Star-Kastraten nach London geholt - können die Händelfestspiele da mithalten?

Franziska Gottwald (Arsace), Svitlana Slyvia (Selene)
Franziska Gottwald (Arsace), Svitlana Slyvia (Selene) Bildrechte: Anna Kolata/Theater-, Oper und Orchester GmbH Halle

Das können sie. Nicht unbedingt, was die Berühmtheit der Namen betrifft, das ist ja auch eine Geldfrage. Der Star der Aufführung ist Samuel Mariño als Alessandro, ein Sopran-Countertenor, der auch den IT-Boy kann man sagen, so ein männliches Gegenstück zu Paris Hilton, spielt und sensationell schön singt. Kammersängerin Romelia Lichtenstein ist die Berenice. Sie startet ein bisschen verhalten, doch selbst da hat sie schon meine Liebe, weil sie eine großartige Künstlerin ist. Und in dieser Szene am Kühlschrank, da spielt sie hinreißend. Zum Schluss haben die beiden noch ein wunderschönes Duett. Alle singen auf einem hohen Niveau, das ist ein schöner Abend.

Am Pult stand Jörg Halubek, er dirigierte das Händelfestspielorchester Halle. Konnte er den Abend zusammen halten?

Viel mehr als das, denn er hat wirklich ein Gespür für die Originalität dieser Musik. Die Fans lieben das - aber Händel kann auch ein bisschen vorhersehbar sein. Ich sage es mal ganz vorsichtig, ich verehre ihn auch auf Knien für seine Musik, aber es muss wirklich gut dirigiert sein. Es gibt zum Beispiel ein sehr schönes Duett mit einer tollen Idee von Regisseur Biganzoli, wo er Romelia Lichtenstein aus der Handlung heraustreten lässt. Sie geht in den Graben zum Oboisten, und der kriegt Sonderapplaus, weil er wirklich toll spielt.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Constanze Kittel.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2018 | 08:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Mai 2018, 12:16 Uhr