Kinder des Krieges Sachbuch: "Born of War" - die verleugneten Kinder der Wehrmacht

von Karoline Knappe, MDR KULTUR

Als die deutsche Wehrmacht mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Feld räumen und die ehemals besetzten Gebiete aufgeben musste, hinterließ sie nicht nur Terror, Tod und Verwüstung, sondern auch hunderttausende Kinder. Kinder, die die Soldaten während der Zeit der Besatzung mit einheimischen Frauen gezeugt hatten. Und die Väter verschwanden, nicht selten, ohne überhaupt von ihrer Vaterschaft zu wissen. Wie es den Kindern, die so geboren wurden, erging, dieser Frage geht ein aktuelles Buch nach: "Born of War - vom Krieg geboren. Europas verleugnete Kinder“. Gisela Heidenreich, ein selbst so geborenes Kind aus Norwegen, hat es herausgegeben.

Frauen wurden geächtet - schlimmer als Kollaborateure

Born of war, Sachbuch (Buchcover)
Buch "Born of War" von Gisela Heidenreich Bildrechte: Christoph Links Verlag

Von diesen Kindern des Krieges ist kaum je die Rede gewesen - weder in Deutschland, noch in den ehemaligen besetzten Ländern und vor allem nicht in den Familien, denn: Mit Ende des Krieges wurden viele der Frauen, die sich mit einem Deutschen, mit dem Feind also, eingelassen hatten, geächtet und vorgeführt. Mit kahl geschorenen Kopf und halbnackt durch die Straßen getrieben, manchmal sogar mit aufgemaltem Hakenkreuz – sie wurden also noch schlimmer behandelt als Kollaborateure.

Diese Frauen haben natürlich versucht, ihre Kinder vor dieser Schmach zu beschützen, indem sie, wenn der deutsche Vater und die Beziehung nicht im ganzen Dorf bekannt war, über die Herkunft ihres Kindes geschwiegen haben - oft ein Leben lang. Oder sie haben gelogen. Etwa, wenn ein einheimischer Stiefvater dem Kind seinen Namen gegeben hat. Die Kinder haben trotzdem gespürt, dass da irgendwas nicht stimmt, waren verunsichert, haben Gesprächsfetzen aufgeschnappt, sich oft, wenn sie dann erfahren hatten, dass sie das Kind eines Deutschen waren, fürchterlich geschämt – weil sie in der Schule ja gelernt hatten, dass diese Frauen, die man da durch die Straßen getrieben hatte, billige Flittchen waren – und nun war das die eigene Mutter.

Mir war das sehr wichtig, dass diese Menschen selbst zu Worten kommen und selbst ihre Geschichten erzählen.

Gisela Heidenreich, Gerausgeberin von "Born of War"
Gisela Heidenreich
Gisela Heidenreich 2007 Bildrechte: IMAGO

Heidenreich ordnet diese Lebensgeschichten nach Ländern und stellt jeweils einen kurzen Abschnitt voran, der in die historische Situation einführt - auch, wenn sich die Schwierigkeiten der Kinder in den verschiedenen Ländern nicht wirklich unterscheiden. Das Einzige, was sich unterscheidet, ist der heutige Umgang mit ihnen: Während sie sich in Norwegen, Dänemark oder Frankreich immer häufiger zu ihren Lebensgeschichten bekennen, hat Heidenreich in Italien und auch in den mittelosteuropäischen Staaten, also in Tschechien, Polen oder den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kein einziges Wehrmachtskind gefunden, das seine Geschichte hätte erzählen wollen – obwohl es sie ganz sicher gibt. Und obwohl sich ihr Leiden wohl kaum von dem der anderen Wehrmachtskinder unterscheidet.

Die Sehnsucht nach dem leiblichen Vater

Eine Gruppe Kinder spielt in den Trümmern einer zerstörten Stadt im Deutschland der Nachkriegszeit.
Bildrechte: dpa

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.07.2018 22:00Uhr 57:00 min

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Alle Kinder litten unter Diskriminierung, oft auch unter Armut und Not, sie wurden oft vernachlässigt, gedemütigt und misshandelt und vor allem litten sie unter dem Schweigen der Mütter und Familien, unter der Ungewissheit über die eigene Identität – und der Sehnsucht danach, den leiblichen Vater zu finden. Aber diesen Vater zu finden, war ausgesprochen schwierig. Das fing oft schon damit an, dass die Kinder, um den Vater überhaupt suchen zu können, seinen vollständigen Namen und auch die Regimentsnummer und die Orte seiner Stationierung kennen mussten. Oft wussten sie das aber nicht. Wenn doch, hilft die "Wast", die Wehrmachtsauskunftsstelle in Berlin. Dann werden nicht selten, wenn auch spät, doch noch Halbbrüder und Halbschwestern gefunden. Oft ist es für die Betroffenen auch einfach wichtig, einmal am Grab des Vaters gestanden zu haben.

Angaben zum Buch: "Born of War – vom Krieg geboren – Europas verleugnete Kinder" von Gisela Heidenreich (Hg.), erschienen im Christoph Links Verlag, 368 Seiten, 25 Euro, e-Book 17 Euro.

MDR KULTUR WERKSTATT: In Leipzig fand am 27. Juni 2018 die internationale Konferenz "Children born of war" statt. Dabei haben Betroffene aus ihren Büchern gelesen und ihre Geschichten erzählt. Im Rahmen der MDR KULTUR-Werkstatt übertragen wir Teile davon bei MDR KULTUR - Das RAdio, am Dienstag, 3. Juli 2018, ab 22 Uhr.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juni 2018 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Juli 2018, 04:00 Uhr

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