Kommentar Kulturhauptstadt Magdeburg - was würde das eigentlich bringen?

In Magdeburg und Chemnitz steigt die Spannung, am 28. Oktober wird bekannt gegeben, ob eine der beiden Städte sich 2025 "Kulturhauptstadt Europas" nennen darf. Im Zuge des Endspurts macht sich unsere Landeskorrespondentin Gedanken über ihren persönlichen Bezug zu Kulturhauptstädten, ob Magdeburg tatsächlich den Titel bekommen könnte und das eigentlich bringt.

Eine Collage mit Gebäuden aus Magdeburg, Chemnitz, Gera, Zittau, Dresden, Nürnberg, Hildeshem und Hannover.
Deutsche Bewerber zur Kulturhauptstadt Europas 2025 waren: Magdeburg, Chemnitz, Gera, Zittau, Dresden, Nürnberg, Hildeshei m und Hannover. Bildrechte: MDR/Collage:IMAGO/ Wallmüller/ Rust/ Torsten Becker/ Schlösserland Sachsen/ Marco Prosch/dpa/Florian Leue

Denke ich an Kulturhauptstadt, denke ich vor allem an Weimar 1999. Damals hatte ich gerade bei MDR KULTUR begonnen und durfte für einen Monat meinen Kollegen in Weimar vertreten. Aus Magdeburg kommend erhielt ich dort im besten Sinn eine kulturelle Breitseite. Die malerische Kleinstadt mit gerade mal 60.000 Einwohnern stand auf einmal in der Reihe mit Athen und Paris, und wurde trotz ihrer ohnehin schon großen Klassik-Tradition regelrecht von Kultur überrollt: Musiker, Schriftsteller, Philosophen, Schauspieler, Tänzer von Weltgeltung kamen in die ostdeutsche Provinz und brachten die Welt mit. Und auch 7 Millionen Gäste. Ein Dorado für eine Kulturjournalistin, die erst kurz zuvor von Berlin in die sachsen-anhaltische Landeshauptstadt gezogen war.

2001 durfte ich dann aus Rotterdam berichten. Eigentlich das absolute Gegenbeispiel zu Weimar: Eine Großstadt mit 600.000 Einwohnern aus 160 Nationen, die aber immer im Schatten von Amsterdam stand. Die Stadt mit dem größten Hafen der Welt, die ich während meiner kurzen Recherche als jung, dynamisch und zukunftsorientiert wahrgenommen habe. Wie Magdeburg im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, hat man in Rotterdam auf innovative Architektur gesetzt: Man nennt sich selbstbewusst "das Manhattan an der Maas" und glänzt nicht nur mit der spektakulären Erasmusbrücke, sondern auch mit einer Skyline geprägt durch Stararchitekten wie Renzo Piano oder Norman Foster. Die Magdeburgerin in mir wurde damals durchaus neidisch.

Wieder eine Chance für deutsche Städte

ein Plakat
Magdeburg ist neben Chemnitz die einzige mitteldeutsche Stadt im Finale um die Kulturhauptstadt 2025. Bildrechte: MDR/Anna Wulffert

2004 begann die Bewerbungsphase für die nächste deutsche Kulturhauptstadt 2010 – und da gingen zur Verwunderung vieler auch zwei Städte aus Sachsen-Anhalt ins Rennen: Also das Land, mit der höchsten Arbeitslosigkeit, Abwanderung und einer immensen Unzufriedenheit der Bevölkerung: damals wollte sich Halle als Kulturstadt profilieren, ein Titel, der ihr im Land bereits sicher war – Händel, die Moritzburg und die 3.600 Jahre alte Himmelsscheibe sollten dafür stehen. Daneben ging Dessau-Wittenberg als Doppelpack ins Rennen – mit Blick auf seine immerhin vier Welterben: Luther, Bauhaus, Gartenreich und Biosphärenreservat mittlere Elbe. Doch keines der Konzepte konnte überzeugen – schon beim ersten Vorentscheid flogen beide Bewerber raus.

Blick auf den Eingang des  Kulturhauptstadtbüro mit dem Logo "Chemnitz 2025"
Eröffnung Kulturhauptstadtbüro Chemnitz mit dem Logo "Chemnitz 2025" Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

2010 wurde vielmehr Essen, eingebettet ins Ruhrgebiet, deutsche Kulturhauptstadt. Und so hatte man weniger das Gefühl eine Kulturhauptstadt zu besuchen, als vielmehr ein Revier oder eine Industrieregion – Pars pro Toto die Zeche Zollverein. Dort wurden die gigantischen Hochöfen, Gasometer und Fördertürme zu neuen Veranstaltungsorten. In Ausstellungen und Theaterinszenierungen wurde die 150-jährige industrielle Vergangenheit des Ruhrpotts aufgearbeitet, frühere Werkshallen wurden zu Kinos oder Konzertsälen. Von Essen bis Gelsenkirchen fuhr die Kulturstraßenbahn die Sehenswürdigkeiten ab, ein Highlight: das neue Museum Folkwang von Stararchitekt David Chipperfield.

Potential und Chancen für Magdeburg

All das geht mir durch den Kopf, wenn ich überlege, ob nun Magdeburg eine Chance hat, Kulturhauptstadt zu werden. Immerhin war man eine der ersten Städte, die in das Bewerbungsverfahren eingestiegen ist: bereits 2011, also vor neun Jahren. Damals ging man davon aus, dass Deutschland turnusgemäß 2020 wieder eine Kulturhauptstadt stellen würde, was allerdings durch die EU Erweiterung auf 2025 verschoben wurde. Doch Magdeburg – die ehemalige Arbeiterstadt als Kulturmetropole – die Idee wurde anfangs bestenfalls belächelt.

Der Magdeburger Dom spiegelt sich in einer Scheibe auf der Magdeburg 2025 steht.
Magdeburg möchte die nächste deutsche Kulturhauptstadt werden. Bildrechte: MDR/Julia Heundorf

Das wollte vor allem Halle nicht hinnehmen und warf 2016 erneut den Hut in den Ring. Doch die Landesregierung wollte die Förderung auf eine Bewerbung beschränken:  Magdeburg blieb als einzige Stadt in Sachsen-Anhalt im Rennen und kam im vergangenen Jahr tatsächlich ins Finale – obwohl anfangs ohne lokale Kulturschaffende und professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Raus aus der Leere mit Anziehungskraft – ist das Motto. Und dem Charakter der Stadt entsprechend setzt man bei den Projekten auf einen breiten Kulturbegriff: Die Elbe, der Sport, die Wissenschaft, aber auch das fehlende Stadtzentrum stehen im Focus: Es geht nicht in erster Linie darum, Kultur zu präsentieren, sondern mit den Mitteln der Kunst und Kultur Stadtgesellschaft und Lebensqualität zu beflügeln.

Last Exit Kulturhauptstadt, könnte man also sagen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Oktober 2020 | 07:40 Uhr

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