Albertina Universitätsbibliothek Leipzig
Auch in der Zukunft wird analog gelesen – davon ist Barbara Lison vom Deutschen Bibliotheksverband überzeugt. Bildrechte: IMAGO

Gespräch zum Bibliothekskongress in Leipzig "Die Menschen möchten wieder eine analoge Welt haben"

Wie können sich Bibliotheken im Zeitalter der Digitalisierung neu erfinden? Darum geht es unter anderem beim Bibliothekskongress in Leipzig. Im Gespräch mit MDR KULTUR verrät die Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands, Barbara Lison, warum sie an die Rückkehr zum analogen Lesen glaubt.

Albertina Universitätsbibliothek Leipzig
Auch in der Zukunft wird analog gelesen – davon ist Barbara Lison vom Deutschen Bibliotheksverband überzeugt. Bildrechte: IMAGO

MDR KULTUR: Gerade findet der Bibliothekskongress in Leipzig statt. Wie sehr stehen die 4.000 Teilnehmerinnen unter Druck durch Digitalisierung und Internet? Wie nervös machen Sie die disruptiven Signale aus der Zukunft?

Barbara Lison: Für uns sind das keine disruptiven Signale, sondern Signale, die wir wahrnehmen müssen. Wir haben die Digitalisierung nicht nur entdeckt, sondern wir arbeiten auch mit unseren Bibliotheken darauf hin, dass die Menschen die digitale Welt nutzen können. Das heißt, wir versuchen den Menschen klar zu machen,  wie wichtig es ist, sich in der digitalen Welt auszukennen, dass es aber nicht das einzige ist.

Und an vielen Stellen haben wir ja eine Rückkehr in die analoge Welt: Ich brauche noch nicht mal über Vinyl zu sprechen oder über Public-Viewing-Veranstaltungen. Die Menschen möchten wieder analoge Welt haben, sie möchten unter Menschen sein und das mit Inhalten füllen, die sie interessieren. Und da sind die Bibliotheken ein geeigneter Ort.

Haben Sie Zahlen, dass es tatsächlich so etwas gibt, eine Rückkehr ins Analoge, eine Rückkehr in die Bibliothek?

Barbara Lison
Barbara Lison, Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands Bildrechte: dpa

Wir haben allein in den öffentlichen Bibliotheken pro Jahr 120 Millionen Besucher. Damit haben wir deutlich mehr, als die Bundesliga zu verzeichnen hat. Das heißt, die Menschen kommen in die Bibliotheken, wenn die Bibliotheken glaubwürdig machen können, dass die Menschen etwas davon haben.

Es kommt keiner wegen der Bibliothek – die Leute kommen wegen ihrer eigenen Interessen. Die Interessen sind sicherlich immer noch Bücher ausleihen, aber auch sich inspirieren lassen durch die Angebote, die die Bibliotheken präsentieren, die digitalen Angebote und auch die Räume.

Die Räume sind kommerzfrei, das heißt, man muss nichts bezahlen. Man muss überhaupt nicht nachweisen, warum man kommt, man braucht sich nicht zu legitimieren. Man geht einfach hin und nutzt die Bibliothek, wie man möchte. Zahlen sagen, dass die Menschen sich im Durchschnitt mindestens eine Stunde in Bibliotheken aufhalten. Das ist deutlich mehr, als allein fürs Bücherausleihe nötig wäre.

Und wir haben durch die Zuwanderung durch Flüchtlinge in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs gehabt, weil diese Orte für Flüchtlinge interessant sind: Man kann dort lernen, man kann sich dort treffen. Die Möglichkeiten, die eigenen Interessen zu verfolgen – das ist das Entscheidende.

Gastland auf dem Bibliothekskongress sind die Niederlande. Da passiert viel, die Bibliotheken zu öffentlichen Räumen zu machen, für alles, was mit Wissen, Information, Kunst und Kommunikation zu tun hat. Sind das gute Beispiele aus Ihrer Sicht?

Das sind hervorragende Beispiele! Das niederländische Bibliotheksystem ist wirklich das, was man neudeutsch "best practice" nennt. Die Räumlichkeiten dort sind fantastisch, es werden Weltstars an Architekten beauftragt, sie zu gestalten und dann auch zu füllen – nicht mit Büchern als Zentrum, sondern mit Kommunikations- und Austauschmöglichkeiten als Zentrum. Um den sogenannten "dritten Ort" zu schaffen:  einen Ort, der wichtig ist für die Lebensinhalte der Menschen neben dem Wohnen und dem Arbeiten.

Was haben Sie für Ideen für Kinder und Jugendliche, die im Internet groß werden, mit Youtube und Instagram sozialisiert sind – wenn die bei einem Buch den "power on"-Schalter suchen? 

(lacht) Wir nutzen ja zum Beispiel auch Tablets, um mit Kindern Kreativität zu entwickeln! Es ist nicht so, dass wir die Kinder nur mit Büchern konfrontieren! Viele Bibliotheken haben inzwischen Tablet-Führungen, zeigen den Kindern, wie sie Inhalte sprachlich und in Bildern umsetzen können. Das ist ein Zusatznutzen für uns.

Und nach wie vor werden Kinderbücher sehr gut ausgeliehen – vielfach von den Eltern. Und die Eltern sind auch gefragt. Wir animieren die Eltern auch, vorzulesen, sich mit den Kindern über Texte auseinandersetzen, sie weiterspinnen.

Ein Blick noch auf die ganz kleinen Bibliotheken auf dem Land, gerade hier in Mitteldeutschland: Wir haben eben über Dinge wie der "dritte Ort" gesprochen, Stararchitekten und ein breites Spektrum an Medien. Wie passt das alles mit der hiesigen Ministruktur zusammen? Haben Sie spezielle Ideen dazu?

Ja! Wir versuchen mit Fortbildungen, den Kolleginnen und Kollegen in den kleineren Bibliotheken zu zeigen, dass man nicht das Riesen-Geld braucht, um was Modernes, um was Neues zu machen. Und – ganz entscheidend – dass vor Ort die politischen und die Verwaltungs-Entscheidungsträger auf die Möglichkeiten der Bibliotheken hingewiesen werden.

Es hat überhaupt keinen Sinn zu sagen: "Ich brauche Geld"! Es hat immer nur Sinn zu sagen: "Ich kann dies und jenes schon erledigen, und ich habe damit diese und jene Erfolge. Und wenn ihr mich noch mehr unterstützt, dann kann ich für die Kommune und das kommunale Leben noch mehr beitragen – wie ihr das ja auch wollt als Politik".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. März 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2019, 15:03 Uhr

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