Bildband Zeitreise mit Postkarten: "Gera ostmodern" zeigt alte Stadtansichten

Der Blick auf alte Postkarten vermittelt häufig einen anderen Eindruck von Städten, als man sie aktuell zu kennen glaubt. Der Bildband "Gera ostmodern" gestattet diese Zeitreise mit Hilfe vergangener Postkartenmotive. Gesammelt und als Buch herausgebracht hat sie der 1990 geborene Fotograf und Buchgestalter Christoph Liepach. Eine Wiederentdeckung.

Straßenszene aus Gera zu DDR-Zeiten vor modernem Hochhaus und angeschlossenem Wohnblock, sw 4 min
Bildrechte: sphere publishers

Gera hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Zu DDR-Zeiten wurden die Stadt zur Bezirkshauptstadt gemacht, geradezu künstlich zur Großstadt aufgeblasen. Mit der Wende kam dann der radikale Bedeutungsverlust, einhergehend mit massiver Abwanderung und Arbeitslosigkeit.

Vergangenheit festhalten

Ein Mann
Der Herausgeber Christoph Liepach Bildrechte: Christoph Liepach

Nun ist der Bildband "Gera ostmodern" erschienen, der sich mithilfe von historischen Postkarten aus den 50er- bis 80er-Jahren mit der Aufbauzeit der Stadt beschäftigt. Der junge Fotograf und Buchgestalter Christoph Liepach hat die Karten in seinem Buch versammelt – einfach, um festzuhalten, was einmal war, sagt er.

Liepach wurde 1990 geboren, er wuchs in Gera-Lusan auf, in einer Zeit, als dort massenhaft Plattenbauten wieder abgerissen wurden: "Deswegen war es für mich besonders spannend, diese Postkarten zu sehen: Sie sind alt, 30, 40 Jahre, eigentlich genau so alt wie die Gebäude selber, weil sie meist in der Zeit entstanden sind, wo die Gebäude ganz frisch waren."

Neue Stadt für neue Menschen

In den Aufbaujahren wollte die DDR die moderne Architektur bewerben, die "neue Stadt für den neuen Menschen" bekannt machen. Da Postkarten viel verschickt wurden, boten sie sich als ideales Medium an.

Mehrfamilienhäuser in Gera, hintereinander stehend, mit Spitzdach
Die Häuser stehen in Reihe – Menschen sind jedoch nicht zu sehen Bildrechte: sphere publishers

Sorgfältig durchkomponierte Architekturfotografien wurden in Massen beauftragt, auf denen die neuen Gebäude natürlich so vorteilhaft wie möglich rüber kommen sollten. Interne Anweisungen an die Fotografen – von Liepach auch im Buch abgedruckt – geben hier Aufschluss. Im Buch werden sie zitiert: "Außenaufnahmen sind nur bei klarem Sonnenlicht und blauem Himmel, möglichst mit Wolkenbildung aufzunehmen. Personen beleben in der Regel die Motive und sind erwünscht. Straßen sind in Abhängigkeit von der Ortsgröße durch die Einbeziehung von Passanten und Autos zu beleben. Es ist darauf zu achten, dass es sich um neuere Autotypen mit entsprechender Farbigkeit handelt."

Zeitgeist eingefangen

Heute wirken manche Motive banal, manche eher langweilig. In anderen aber wird der Geist der damaligen Zeit transportiert – und die Zukunftsvisionen, die sich mit den Plattenbauten damals verbanden. In ihrer Entstehungszeit waren sie eben neu, modern, und fügten sich in ein passendes Stadtbild ein – ganz anders als heute.

Liepach sagt dazu: "Wir sind ja so überladen von Logos, von Farben, von Konzepten, die nicht mehr ineinander arbeiten, weil alles privatisiert ist, und jeder nach dem eigenen Geschmack handelt. Das mag auch diverser sein und Möglichkeitsräume aufmachen, aber es bedeutet auch, dass so ein Gesamtheitskonzept nicht mehr funktionieren kann, heutzutage."

Straßenszene in Neubauviertel in Gera zu DDR-Zeiten. Passanten vor einem Springbrunnen, dahinter ein flacher Mahrzweckbau mit mehrspitziger Dachkonstruktion.
Das Café "Rendezvous" erinnerte viele an eine Zitronenpresse Bildrechte: sphere publishers

Und das war für mich auch spannend zu sehen: Dass dieses System eine Ästhetik generiert hat, die sehr zurückgenommen ist, aber alles bietet.

Christoph Liepach

Als unbedingtes Plädoyer für die Platte sieht Liepach sein Buch nicht. Er will einfach ein Zeugnis hinterlassen, vor allem für die Geraer Bürgerinnen und Bürger, junge und alte: Seht her, so sah eure Stadt einmal aus. Und so schnell hat sie sich gewandelt.

Gera Ostmodern
Das Buch "Gera ostmodern" Bildrechte: Christoph Liepach/Sphere Publishers

Das Buch "Gera ostmodern"
Gebunden, 160 Seiten, 133 Schwarz/Weiß- und Farbabbildungen
Preis: 30 Euro
ISBN: 978-3-9821327-2-3
Sphere Publishers

Mehrfamilienhäuser in Gera, hintereinander stehend, mit Spitzdach 4 min
Bildrechte: sphere publishers
Mehrfamilienhäuser in Gera, hintereinander stehend, mit Spitzdach 4 min
Bildrechte: sphere publishers

Erinnerungen an die DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2020 | 17:10 Uhr

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