Neue Biografie Wer war Ingeborg Bachmann?

Es gibt Schriftstellerinnen, die umweht ein Mythos, der die Gemüter auch Jahrzehnte nach ihrem Tod noch bewegt. Ingeborg Bachmann gehört ganz sicher dazu und ihre geheime Liebe zu Paul Celan hat die Gerüchte und Vermutungen noch einmal befeuert. Sehr nah dran an Ingeborg Bachmann ist Ina Hartwig mit ihrem Buch, das eine auf dem ersten Blick sehr einfache Frage stellt: "Wer war Ingeborg Bachmann?"

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Zunächst verwundert der Untertitel dieses Buches: "Eine Biografie in Bruchstücken". Aber schnell wird klar, was Ina Hartwig meint, nähert sie sich Ingeborg Bachmann doch in neun Kapiteln aus neun verschiedenen Richtungen an. Und das tut sie nicht chronologisch, sondern eher assoziativ. Gleich das erste Kapitel handelt vom sagenumwobenen Tod der Bachmann. Natürlich gibt es auch Kapitel über die große Liebe zu Paul Celan, aber noch interessanter sind die Bruchstücke über die Kindheit, das politische Engagement der Schriftstellerin oder ihr Verhältnis zur Philosophie.

Eine Recherche

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann?, cover
"Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken"
S. Fischer Verlag
320 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-10-002303-2
Bildrechte: S. Fischer

Angelegt ist das Buch als eine Art Recherchebericht, was dem Leser die Möglichkeit eröffnet, sich zusammen mit der Autorin das Leben Ingeborg Bachmanns zu erobern. So folgen wir Ina Hartwig zum Beispiel nach Rom, wo sie das Krankenhaus aufsucht, in dem die Schriftstellerin gestorben ist. Zur Erinnerung, Ingeborg Bachmann war 1973 im Alter von 47 Jahren über einer brennenden Zigarette eingeschlafen und hatte sich starke Verbrennungen zugezogen, denen sie später erlag. Gleichzeitig war sie aber sowohl drogen- also auch alkoholabhängig und unglücklich dazu.

Eine Gemengelage, die heftige Spekulationen ausgelöst hat, denen Ina Hartwig jedoch mit erfreulich nüchternem Blick nachgeht. Sie bespricht alle medizinischen Fakten mit einem Arzt und es wird klar, dass Ingeborg Bachmann vermutlich überlebt hätte, wenn ihre Familie und vermeintlichen Freunde nicht versucht hätten, aus Scham ihre Abhängigkeiten zu vertuschen. Das Kapitel heißt passenderweise "Krieg am Sterbebett".

Warum Bachmann jetzt?

Auch nach 45 Jahren lässt sich dieses Buch mit großem Interesse lesen. Einmal natürlich wegen der Person selbst, war Bachmann doch gerade wegen oder trotz ihrer Mythisierung eine eigensinnige, intelligente und fragile Schriftstellerin, die ohne Zweifel zu den literarischen Ikonen des 20. Jahrhunderts gehört.

Doch es gibt noch eine aktuellen Grund, der die Lektüre empfehlenswert macht: In der derzeitigen Diskussion über Frauen und Männer und wie sie zueinander stehen oder stehen sollten, ist dieses Buch durchaus hilfreich. Denn es handelt von einer Frau, in deren Leben Männer immer eine besondere Rolle gespielt haben - übrigens nicht nur heterosexuelle, sondern auch homosexuelle. Doch diese Rolle war eben nicht eindeutig, sondern sehr ambivalent, sowohl auf intellektueller, emotionaler und auch sexueller Ebene. Das lebenslange Spiel von Anziehung und Abstoßung spiegelt sich einerseits im Werk von Bachmann, macht aber auch deutlich: Für Beziehungen zwischen zwei Menschen gibt es nicht immer die eine, die einfache Antwort.

Jede Biografie ist eine Biografie in Bruchstücken

Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann 1971 mit ihrem Roman "Malina" Bildrechte: IMAGO

Und so sei dieses Buch jedem ans Herz gelegt, der sich für die Schriftstellerin interessiert. Aber zugleich auch jedem der denkt: Ach, was soll ich mit dieser exzentrischen Dame?

Denn eine "Biografie in Bruchstücken" ist die ideale Form, sich dem Leben eines Menschen anzunähern, weil sie mit der Illusion aufräumt, man könne sich überhaupt jemals ein vollständiges Bild von anderen oder von sich selbst machen.

Und so erfahren wir in diesem Buch mehr über Ingeborg Bachmann als in jeder klassisch angelegten Biografie, die ihren Mythos vermutlich nur noch größer lassen werden würde.

Angaben zum Buch "Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biografie in Bruchstücken"
S. Fischer Verlag
320 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-10-002303-2

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 21. Februar 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2018, 01:00 Uhr